Antizyklisch lesen

Sommerlektüre Was man immer schon mal lesen wollte, sich aber nie aufzuschlagen traute: Unser Literaturkritiker Thomas Rothschild stellt seine Lieblingsbücher vor. Folge 2


Deutschland. Ein WintermärchenHeinrich Heine

Heinrich Heine: man summt die Loreley vor sich hin, denkt vielleicht an sein Buch der Lieder und ordnet ihn ein in den Schulkanon, den zu vergessen man sich redlich angestrengt hat. Durchaus mit guten Gründen. Demgegenüber soll unsere Sommerlektüreempfehlung zu einer Exkursion in die kalte Jahreszeit verführen, zu Deutschland. Ein Wintermärchen. So pfiffig, so treffend, so voll Liebe und Hass hat da einer das Deutschland seiner Zeit beschrieben, dass das für die Ewigkeit reicht. Gewiss, ohne Kommentar wird man sich schwer tun, manche aktuelle Anspielung bedarf der Erläuterung, aber insgesamt erkennt der heutige Leser doch vieles wieder, was Heine überlebt hat. Und mögen die Verse auch manchmal klappern: witzigere Reime hat bis Georg Kreisler keiner erfunden.

Ein Held unserer ZeitMichail Lermontov
Ein weiterer Russe, in Russland nicht weniger zitiert als Heine in Deutschland, und Ein Held unserer Zeit, eine Folge von ineinander verschachtelten Erzählungen wird – da gilt eine Wette – jeden bezaubern, der das Buch noch nicht kannte. Der Typus des gelangweilten Dandys, der andere Menschen ohne böse Absicht zugrunde richtet, der „überflüssige Mensch“, wie er in der Tradition der demokratischen russischen Kritik heißt, ist in dem „Helden“ Petschorin so modern, so psychologisch genau abgebildet, dass man sich fragen muss: was haben wir seit dem frühen 19. Jahrhundert hinzugelernt?

Gilgi - Eine von unsIrmgard Keun
Wenn von Irmgard Keun die Rede ist, dann in der Regel von ihrem Kunstseidenen Mädchen, weil sie dort die Technik des Monologs, der die Erzählerin sprachlich charakterisiert, virtuos anwendet. Hier aber sei ihr Debütroman empfohlen, Gilgi – Eine von uns, weil er auf spannende Weise ein Bild von der Klassengesellschaft der Weimarer Republik entwirft. Was Siegfried Kracauer als Soziologe (und übrigens, was wenig bekannt ist, mit Ginster auch als Belletrist) beschrieben hat, gestaltet Irmgard Keun im Roman mit bemerkenswerten Wendungen und Nebensträngen. Es ist ja nicht so, dass Männer keine Frauenfiguren gestalten können. Literarische Heldinnen von Anna Karenina bis zur Dame mit dem Hündchen, von Friedrich Wolfs Hete bis zu Ödön von Horváths Elisabeth widerlegen dieses mechanistische Klischee. Wer aber nach weiblicher Empathie für eine Geschlechtsgenossin sucht, wird sie bei Irmgard Keun ganz und gar unverkitscht finden.

RagtimeE.L. Doctorow
Neufassungen von kanonisierten Werken, zumal wenn sie so genial sind wie Kleists Michael Kohlhaas, sind riskant. E.L. Doctorow war nicht der erste, der sich daran wagte. Aber sein Ragtime, von Miloš Forman verfilmt, hat den Vorzug, den Stoff ins amerikanische Milieu zu übertragen, ohne ihm Gewalt anzutun. Es ist schick geworden, die gegenwärtige Literatur der USA zu preisen und gegen die europäische Literatur auszuspielen. Dabei stand Doctorow stets im Schatten anderer Autoren, die nicht unbedingt besser sind als er. Dass sie, und eben auch Doctorow, der europäischen Literatur viel zu verdanken haben, belegt auch Ragtime. Es muss nicht immer Updike sein.

Die rote PostkutscheGyula Krúdy
Die ungarische Literatur ist in Westeuropa praktisch terra incognita. Hier sei ein Roman empfohlen, der, 1913 veröffentlicht, noch ganz den Geist der österreichisch-ungarischen Monarchie atmet, nicht sentimental verklärend, aber auch nicht mit der Pose des Anklägers. Weder Habsburger Völkerkerker, noch nostalgische Mitteleuropaträumerei, sondern farbige Erzählkunst, von Schnitzler und Joseph Roth gar nicht so weit entfernt. Die rote Postkutsche, von György Sebestyén übersetzt und in der DDR wie in Österreich und Westdeutschland verlegt und längst vergriffen: ein Roman, der noch darauf wartet, wieder entdeckt zu werden.

Washington Square Henry James
Wer, wie es hierzulande zum guten Ton gehört, von Thomas Manns Ironie schwärmt, sollte einmal zu Henry James greifen. Mir – ich gestehe es mit gesenktem Blick – sagt dessen Ironie weitaus mehr zu als die des norddeutschen Großbürgers. Die, zugegeben: auch rührende, Geschichte von Catherine Sloper und ihrem diktatorischen Vater ist geeignet, den Leser, wenn er auf den Geschmack gekommen ist, danach zu den umfangreicheren Büchern von Henry James greifen zu lassen. Sie mögen ihre Längen haben, zu einer Ausführlichkeit neigen, die aus der Mode gekommen ist: vergnüglich sind sie immer. Und – was auch gute Übersetzungen noch verraten – in einer Sprache verfasst, die sich vom Alltagsjargon unterscheiden will. Ob das nun manche Leser von der Lektüre abhält?

Das EinhornMartin Walser
Martin Walser hat sich mit seinen politischen Äußerungen in den vergangenen Jahren viele Feinde gemacht. Man mag sich über die eine oder andere Ansicht ärgern – borniert wäre es, Walsers Fähigkeiten als Schriftsteller daran zu messen. Einer seiner frühen Romane, Das Einhorn, liest sich noch heute als höchst amüsante Satire auf die bundesrepublikanischen Verhältnisse und insbesondere auf den Kulturbetrieb. Dass Walser eloquent ist, dass er sprachlich dem braven Heinrich Böll vielfach überlegen ist, kann nur leugnen, wer Gesinnung mit Literatur verwechselt. Im Übrigen dürften auch die linken Kritiker Walsers gegen dessen Gesinnung zur Zeit der Kristlein-Trilogie nichts einzuwenden haben. Wir reden hier ja von Büchern und nicht von Personen. Warum sollte der junge Walser nicht Recht behalten gegen den Walser der Paulskirche? Nur noch antiquarisch erhältlich.

Jakob der LügnerJurek Becker
Kann man humoristisch vom Holocaust handeln? Die Frage, meist in Form eines Vorwurfs geäußert, taucht regelmäßig auf, wenn jemand, und sei er noch so unverdächtig, just dies versucht, etwa Ernst Lubitsch mit To Be Or Not To Be, Roberto Benigni mit Das Leben ist schön oder George Tabori in mehreren seiner Stücke. Jurek Becker hat den Test zur allgemeinen Zufriedenheit bestanden. Jakob der Lügner, nach Meinung vieler Kritiker sein bestes Buch, schafft die Gratwanderung, einen tragischen Stoff humoristisch zu gestalten, ohne die Würde derer, um die es geht, zu verletzen. Und eins sei hinzugefügt: Wer die ehrenwerten Verfilmungen von Jakob der Lügner gesehen hat, kennt das Buch nicht. Eine Lektüre ist durch einen Fernsehabend oder einen Kinobesuch nicht zu ersetzen.

GegenlebenPhilip Roth
Philip Roth wird mit schöner Regelmäßigkeit ins Gespräch gebracht, wenn es um den Nobelpreis geht. Seine Rezeption war nicht geradlinig. Sie begann mit einem Skandal – wegen Portnoys Beschwerden – und ist mittlerweile bei einer überdimensionalen Euphorie angelangt. Empfohlen sei ein Buch seiner mittleren Periode, der Roman Gegenleben. Dieser Roman zeigt Philip Roth auf dem Höhepunkt seiner Erzählkunst. Das Spiel mit Identitäten, das ja zum Kernbestand der Moderne gehört, erfährt hier eine spezifische Ausprägung, die es dem auf Handlung fixierten Leser ebenso ermöglicht, sich daran zu erfreuen, wie dem literarisch Gebildeten, der immer zugleich die Verfahren genießt. Genau genommen ist Philip Roth die ideale Sommerlektüre: nicht anstrengend, aber auch nicht anspruchslos.

to be continued

Heinrich Heine, Deutschland ein Wintermärchen, insel tb 2006, 129 S., 6

Michael Lermontov, Ein Held unserer Zeit, Friedenauer Presse 2006, 252 S., 22,50

Irmgard Keun, Gilgi Eine von uns, List 2002, 272 S., 8.95

E.L. Doctorow, Ragtime, Kiepenheuer Witsch 2000, 318 S., 9.90

Henry James, Washington Square, dtv 1998, 224 S. 7,62

Jurek Becker, Jakob der Lügner, Suhrkamp 2008, 282 S. 8,50

Philip Roth, Gegenleben, Rowohlt 2004, 422 S, 9,90

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16:45 18.07.2009

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