Apartheid unter dem guten Stern

Schuldkonten Deutsche Firmen werden von ertragreichen Jahren in Südafrika eingeholt

Transnational agierende Unternehmen wie Daimler und Rheinmetall oder die Deutsche und Dresdner Bank haben jahrzehntelang mit dem südafrikanischen Apartheid-Regime kollaboriert. Dabei waren Verstöße gegen UN-Sanktionen ebenso an der Tagesordnung wie Verletzungen humanitärer Normen. Zum "Tag der Menschenrechte" am 10. Dezember fordert die Kampagne Jubilee South Africa nicht nur nachdrücklich Entschädigungen, sondern auch die Streichung aller Schulden Südafrikas, die auf damalige Geschäftsbeziehungen zurückgehen.

Das Büro des Betriebsrates liegt gleich hinter Fabriktor II von DaimlerChrysler in einem einstöckigen, farblosen Gebäude. Seit Mercedes sich bei einem südafrikanischen Automobilhersteller in East London Mitte der sechziger Jahre einkaufte, ist das Werk größter Arbeitgeber der südafrikanischen Industrie- und Hafenstadt. Im Büro telefonieren Arbeiter in Blaumännern; sie diskutieren und lachen. "Früher hätten Sie mich nicht hier auf dem Werksgelände, sondern nur in der Stadt interviewen können", erzählt Mtutuzeli Tom, seit 20 Jahren Betriebsrat bei DaimlerChrysler und heute Vorsitzender der mächtigen Metallarbeitergewerkschaft NUMSA. Er erinnert sich noch gut der Zeiten, als hier für schwarze Arbeiter eine 45-Stunden-Woche galt, zwangsweise Überstunden und diskriminierende Löhne die Regel waren. "Weiße rangierten immer eine oder mehrere Stufen höher, gewisse Dinge waren einfach nicht für uns Schwarze gedacht."

Damals arbeitete Mtutuzeli Tom in der Karosseriewerkstatt. "Die Fahrzeugteile hingen nicht seitlich am Montageband, sondern direkt über unseren Köpfen. Wir hatten immer Schnitte an Händen und Beinen, oft Brandwunden von den Schweißmaschinen, die Funken sprangen von oben in die Overalls. Die waren einteilig, man brauchte lange, um sie zu öffnen. Wenn man endlich die verbrannte Körperstelle erreichte, war da ein großes Loch." Mtutuzeli arbeitete als einer von 5.000 meist schwarzen Arbeitern bei der Daimler-Niederlassung, die in jenen Tagen noch Mercedes Benz South Africa hieß.

Die Tochterfirma des Stuttgarter Konzerns gehörte zum illustren Zirkel von 300 deutschen Unternehmen, die bis in die neunziger Jahre hinein mit dem Apartheidregime Geschäfte abschlossen, Darlehen gewährten oder in Dependancen wie Mercedes Benz South Africa produzieren ließen. Gewinn: rund 8,4 Milliarden DM. Deutsche Partner der Machthaber in Pretoria waren Bayer und Hoechst, Siemens, Bosch und AEG, Mannesmann, Krupp, Rheinmetall, MAN und MBB, die Deutsche Bank, die Dresdner und die Commerzbank, BMW und VW. Sie kooperierten selbst dann noch mit dem Apartheid-Staat, als Präsident Pieter Willem Botha 1980 zu seiner "Totalen Strategie des verdeckten Krieges" gegen den ANC ausholte. Ein aus Verfolgungswahn gespeistes System mit Tausenden von Zuträgern aus Militär, Geheimdienst, Polizei - auch der Wirtschaft - entstand. Das National Security Management System hatte seine Augen überall und in 400 Joint Management Centers ein Frühwarnsystem gegen die schwarze Opposition installiert.

Kaffern schießen im Township

Es gab Strafexpeditionen der Polizei in die Townships, auch in Mdantsane, wo 2.000 Mercedes-Arbeiter in winzigen Häuschen lebten. Bei Zusammenstößen mit der Polizei trafen die Gewerkschafter von Mercedes Benz auf bekannte Gesichter. Mtutuzeli Tom: "Es gab Manager, die trugen tagsüber gedeckte Anzüge mit Krawatte, nachts hingegen Tarnanzüge, wenn sie auf Jugendliche, auf alte Leute, sogar auf Kinder schossen. Am nächsten Tag hörten wir dann, wie diese Reservisten in der Firma jubelten: ›Wir haben viele Kaffern erschossen! Es gab viel Spaß.‹"

Mtutuzeli schätzt, dass 20 bis 30 weiße Mercedes-Vorarbeiter in ihrer Freizeit als Hilfspolizisten in die Townships fuhren, wenn es Informationen der Art gegeben hatte: "Achtet auf Mr. X, der trägt das Banner, der führt die Proteste in der Firma. Das Management wusste seinerzeit genau, um wen es sich handelte. Und wer von den Weißen zu den nächtlichen Schlächtern gehörte, wussten die auch."

"Wen die Polizei mitnahm, der wurde gefoltert", erzählt er noch. "Wir wurden erniedrigt - man hat uns nackt ausgezogen, kaltes Wasser über den Kopf geschüttet, die Hände auf dem Rücken gefesselt, den Ventilator angeschaltet, so dass man zitterte, bevor sie ihre Fragen stellten." Außer den Polizeireservisten habe es noch einen besonderen Mercedes-Sicherheitsdienst gegeben - rekrutiert aus den Selous Scouts, einer Spezialeinheit aus der Zeit, als Rhodesien noch britische Kolonie (*) war. "Diese Leute, die immer schon mit südafrikanischen Militärs kollaboriert hatten, gaben in den neuen strategischen Positionen im Unternehmen natürlich ihre Kontakte zum nationalen Sicherheitsdienst nicht auf", sagt Tom, "das waren schließlich ihre Partner im Busch." Auch ein ehemaliger Top-Mann der Scouts war bei Daimler beschäftigt: Mike Lindley. Sein damaliger Chef, Christoph Köpke bestätigt das: "Klar hatte der Kontakte zur Polizei."

Köpke ist deutschstämmiger Südafrikaner und seit 30 Jahren im Unternehmen. Zwischenzeitlich war er Manager bei Porsche und Jaguar, seit 1989 steht er an der Spitze der südafrikanischen Daimler-Niederlassung und gilt bei der Gewerkschaft inzwischen als akzeptabler Sozialpartner - das Unternehmen unterstützt den Bau von 1.000 Wohnhäusern und fördert Ausbildungsprogramme für die Kinder der Mitarbeiter. Trotz seiner langjährigen Mitarbeit im Konzern will Christoph Köpke nichts von den Beziehungen zwischen der Firma und den Sicherheitskräften gewusst haben. "Ich bin sicher, dass die Geheimpolizei bei uns Spitzel hatte, das würde ich unterschreiben, aber dass es eine Zusammenarbeit innerhalb des Betriebes gab - ich könnte schwören, davon habe ich nie gehört." Mtutuzeli Tom dagegen ist überzeugt: "Die im Management wussten sehr gut, dass es da Typen gab, die Teil der Sicherheitsapparates waren. Die Kontakte waren doch absichtlich nur informell."

Taube Ohren in Deutschland

Bereits 1978 hatte Daimler Benz eine Lizenz für den Bau von Dieselmotoren an die halbstaatliche Firma Atlantis Diesel ADE vergeben. Ein Unternehmen, an dem der deutsche Konzern zu zwölf Prozent beteiligt war, das in Südafrika als Monopolist Daimler-Motoren für schwere Nutzfahrzeuge fertigte, durch Schutzzölle von ausländischer Konkurrenz abgeschirmt war und sich fast die Hälfte der Ausbildungs- und Lohnkosten von der südafrikanischen Regierung bezahlen ließ. 1984 hatten Daimlers Dieselmotoren einen nationalen Marktanteil von 80 Prozent. Und das Regime in Pretoria stützte dieses Monopol nach Kräften, weil es nicht von Importen abhängig sein wollte.

Mercedes-Chef Köpke leugnet nicht, dass Daimler in jener Zeit - trotz des 1977 verhängten UN-Rüstungsembargos - in Johannesburg auch Motoren und Achsen von Armeefahrzeugen reparierte und Unimogs an Südafrikas Armee lieferte. "Wer zog einen Vorteil aus dem Apartheidsystem - und wer nicht?" fragt er. "Wir haben Unimogs in alle Welt geliefert und verschafften uns keinen besonderen Vorteil, wenn wir die Fahrzeuge nach Südafrika verkauften. Außerdem handelte Daimler nicht im Alleingang."

Wohl wahr: Viele deutsche Firmen haben ihre Geschäfte ungerührt fortgesetzt, während andere - aus den USA oder Kanada - die Sanktionsbeschlüsse respektierten. Mitte 1987 verließen über 100 US-Firmen Südafrika, doch die AEG lieferte weiter Fördermaschinen für den Bergbau, die Deutsche Babcock Dampfkessel für SASOL, eine Anlage, mit deren Hilfe Öl aus verflüssigter Kohle gewonnen wird. Bosch schickte Einspritzpumpen an den Dieselmotoren-Hersteller ADE, Krupp bediente den Stahlkonzern ISCOR, Feldmühle den Zulieferer des Rüstungskonzerns ARMSCOR - um nur einige zu nennen. SASOL, ADE, ISCOR und ARMSCOR waren allesamt halbstaatliche Trusts, die das Regime am Leben hielten: mit Gold und Kohle, mit Energie und Stahl, Transportmitteln und Waffen.

Der bundesdeutsche Staat zögerte nicht, ein derartiges Engagement mit Hermes-Bürgschaften abzusichern, deren Umfang von 2,3 Milliarden DM 1976 auf sieben Milliarden 1994 stieg, auch deutsche Banken wollten nicht abseits stehen. Als Südafrika 1985 mit einem Teilmoratorium die Rückzahlung seiner Auslandsschulden unterbrach, sprangen die Deutsche Bank, die Dresdner und die Commerzbank verständnisvoll ein und arrangierten die erforderlichen Umschuldungsverhandlungen. 1993 - im Jahr des historischen Rückzugs der Apartheid - betrug die Gesamtschuld Südafrikas gegenüber deutschen Gläubigern beachtliche 7,4 Milliarden DM.

"Deutsche Banken haben ganz klar den Apartheidstaat finanziert" sagt Neville Gabriel, Sprecher der Kampagne Jubilee South Africa. "Kapital aus Deutschland war mit einem Anspruch auf 27 Prozent aller Auslandsverbindlichkeiten des öffentlichen Sektors in Südafrika wichtigster Direkt-Finanzier der Apartheid weltweit." Darum berufe sich die Kampagne auf die Doktrin der odious debt - der "sittenwidrigen Schulden". Da es hier um Gelder des Apartheidstaates gehe, so Jubilee South Africa, die gegen die Mehrheit genutzt wurden, sollte das heutige Südafrika nicht verpflichtet sein, sie zurückzuzahlen.

Seit 1999 versucht die ANC-Regierung, in Deutschland mit Firmen und Banken über Entschuldungen zu sprechen - und stößt auf taube Ohren. Die Deutsche Bank vertritt dabei den klassischen Standpunkt der Wirtschaft: man habe sich stets an deutsches Recht und Gesetz gehalten.

(*) Erst 1980 wurde Rhodesien als Simbabwe unabhängig.

00:00 06.12.2002

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