Apokalypse oder Weiter-So

Ausstieg Nach Hiroshima und Nagasaki war die Parole: Atoms for Peace. Nun wird das Entsetzen über die Katastrophe in Fukushima die weltweite Talfahrt der Atomenergie beschleunigen

Bedeutet die Reaktorkatastrophe von Fukushima das Ende des Atomzeitalters? Oder wird sich die Atomkonjunktur von diesem vierten schweren Unfall nach Windscale, Harrisburg und Tschernobyl doch noch einmal erholen?

Gegenwärtig erscheint das unvorstellbar. Mit den gespenstischen Silhouetten der geborstenen japanischen Reaktoren, mit täglich neuen Explosionen und Kernschmelzen, die in unser Wohnzimmer dringen, wird noch einmal überdeutlich, dass wir in einer Welt leben. Die Sowjetunion konnte ihren Supergau noch hinterm Eisernen Vorhang verstecken. Die japanische Katastrophe erlebt die Welt wie in Zeitlupe. Wir können nicht wegsehen, wir können der Wucht dieser Ereignisse nicht ausweichen. Wir denken an die hilflosen Katastrophenhelfer und Strahlenopfer, beobachten fiebrig die Wettervorhersagen. Selbst ideologisch fixierte Atompropagandisten sind in diesen historischen Märztagen schockiert.

Und doch gilt die makabere Gleichung, dass die Energiepolitik nach Fukushima vor allem vom Ausmaß dieser Katastrophe abhängen wird. Apokalypse oder Weiter-So! Bleiben die Stahlhüllen der Reaktorkerne halbwegs intakt, könnte die internationale Atomgemeinde mit symbolischen Sicherheitsverschärfungen bald doch wieder business as usual ausrufen. Wenn aber die letzten Sicherheitsbarrieren der japanischen Reaktorruinen bersten; wenn sich das radioaktive Inventar großräumig verteilt und weite Gebiete Japans unbewohnbar machen sollte, dann wird diese Technologie sich davon nicht mehr erholen und auf jene Nutzerländer begrenzt bleiben, die sich mit einem hohem nuklearen Stromanteil an die Atomkraft gefesselt haben.

Hiroshima hatte den Beginn der Kernenergie eingeleitet. Als Wiedergutmachung für die Atombombenabwürfe sollte die Welt mit der friedlichen Nutzung der „Uranmaschinen“ gesegnet werden. So hieß die Botschaft der USA in den fünfziger Jahren, als sie atoms for peace ausriefen. Auf den Leichenbergen von Hiroshima und Nagasaki wuchsen die Atommeiler der Welt. Wieder eine japanische Stadt – Fukushima – könnte jetzt das Aus für diese Technologie entscheidend beschleunigen.

Hoch betagter Reaktorpark

Gleichwohl: Es klang wie Hohn, als der chinesische Volkskongress diese Woche den ehrgeizigen Atomplan verabschiedete, in den kommenden fünf Jahren weitere 40 Atommeiler zu bauen. Auch wenn die Vergangenheit gezeigt hat, dass solche Pläne kaum umsetzbar sind und die Zahl der tatsächlich errichteten Meiler weit hinter den Absichtserklärungen zurückbleibt: Der Atomkurs Chinas und vor allem die frostig klirrende Art und Weise seiner Exekution sind beängstigend. Sollte der Zufall allerdings den Wind von Japan Richtung China blasen und Teile des Landes verstrahlen, bliebe auch Peking nicht unbeeindruckt.

Den kühlen Atom-Autisten mimt auch der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Sein trotziges Statement zur Energiepolitik nach dem japanischen Inferno: „Ein Ausstieg steht definitiv nicht zur Diskussion“. Was er nicht gesagt hat: Frankreich hat sich mit einem Anteil von rund 80 Prozent Atomstrom auf Gedeih und Verderb den nuklearen Stromfabriken ausgeliefert. Ein französischer Ausstieg würde Jahrzehnte dauern. Auch die USA stecken in der atomaren Sackgasse fest.

In den anderen europäischen Ländern haben die Bilder aus Japan die Debatte über den energiepolitischen Kurs heftig befeuert. In der Schweiz, in Italien, Schweden, Großbritannien und in vielen anderen Ländern ist der Streit um die Atomkraft neu entflammt. Ein stures Festhalten am Atomkurs wäre für die Regierenden politischer Selbstmord. Nach Tschernobyl konnte sich die Atomgemeinde noch auf die Verteidigungslinie zurückziehen, dass die russischen Kraftwerke mit unseren Sicherheitsstandards nicht vergleichbar wären. Nach Fukushima muss man zur Kenntnis nehmen, dass hier ein Hochtechnologieland im atomaren Feuer steht.

Zu teuer und zu riskant

Wirft man einen nüchternen Blick zurück, dann wird klar, dass nicht Tschernobyl, sondern das ökonomische Desaster der Atomenergie dazu geführt hat, dass die nukleare Konjunktur jäh abgebrochen ist. Die Atommeiler wurden schlicht zu teuer, ihre Bauzeiten immer länger, Gaskraftwerke waren billiger und weit weniger riskant. So stagniert die Zahl der weltweit betriebenen Atomkraftwerke seit mehr als 20 Jahren. 1989 waren 423 Reaktoren in Betrieb, heute sind es 442. Die Zahl der operierenden Meiler wäre – auch ohne Fukushima – in den nächsten Jahren stark zurückgegangen. Denn der globale Reaktorpark ist mit einem Durchschnittsalter von 26 Jahren hoch betagt. Hunderte von Kraftwerken nähern sich ihrer Altersgrenze.

Sollten jetzt neue Nachrüstungen gefordert werden, um die Meiler erdbebensicherer zu machen oder sie gegen Flugzeugabstürze zu wappnen, kämen weitere Kostenexplosionen auf die Betreiber zu. Und sollte man tatsächlich versuchen, Reaktoren zu konstruieren, die eine Kernschmelze ohne Katastrophe überstehen, wären diese unbezahlbar. Die Talfahrt der Atomenergie hat in den siebziger Jahren begonnen, als die Zahl der Reaktorbestellungen dramatisch zurückging. Sie wurde 1986 von Tschernobyl kräftig beschleunigt. Fukushima wird jetzt in den meisten der 32 Länder das atomare Zeitalter beenden. Japan selbst sitzt mit seinen 55 Atomkraftwerken in der Falle.

Manfred Kriener ist Chefredakteur von zeozwei

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09:55 18.03.2011

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