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Linksbündig Schule muss eigene Normen setzen

"Hauptschule versinkt in Chaos und Gewalt". So oder ähnlich lauteten in der vergangenen Woche bundesweit die Schlagzeilen. Das Kollegium der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln, das erst neulich durch Detlev Bucks Film Knallhart zur deutschen Bronx stilisiert wurde, hatte sich mit einem dramatischen Appell an die Öffentlichkeit gewandt.

Auch aus dem Ruhrgebiet wird gemeldet, dass die Gewalt gegenüber Lehrern zunehme. Und in Bayern, wo die Hauptschulwelt noch in Ordnung sein soll, kam es vor kurzem zu Razzien im Klassenzimmer. Beschlagnahmt wurden Handys, mit deren Hilfe die Schüler Gewaltszenen und pornografisches Material austauschten.

Während man im Freistaat das Problem in gewohnt handfester Manier anpackte und den Schülern ihre Lieblingsspielzeuge schlicht verbot, haben die Berliner Ereignisse der Diskussion über die Zukunft der Hauptschulen neuen Zündstoff geliefert. Die Bildungsgewerkschaft GEW möchte die "Schule der Gescheiterten" am liebsten von heute auf morgen dichtmachen. Vor allem Schulen in Problembezirken, so die stellvertretende Gewerkschaftsvorsitzende Marianne Demmer, müssten sofort aufgelöst werden.

Aber wohin mit den Schülern? Sollen sie auf die halbwegs funktionierenden Schulen der Nachbarschaft umverteilt werden? Wohin so etwas führen kann, zeigt ein Blick in die USA. Wie die Chicago Sun Times vom 12. März berichtet, stieg die Gewalt an acht bislang "normalen" örtlichen Schulen um mehrere hundert Prozent an, nachdem ihnen Schüler aus geschlossenen "failing schools", also an ihren Problemen versagenden Schulen, zugewiesen wurden. Denn die Lebensverhältnisse und Einstellungen junger Menschen ändern sich nicht plötzlich, nur weil sie in einer anderen Umgebung unterrichtet werden. Und anzunehmen, dass die Anzahl der so genannten Problembezirke in den kommenden Jahren sinken wird, ist wohl illusorisch.

Also führt kein Weg daran vorbei, dass Schulen sich auf junge Menschen einstellen, die in ihrem Alltag wenig oder gar keine Lernanreize vermittelt bekommen. Die aus Familien stammen, in denen sie als einzige morgens aufstehen, wie die verzweifelten Pädagogen der Rütli-Hauptschule schreiben. Und deren einzige Möglichkeit, diesen Verhältnissen zu entkommen, Bildung ist, so sarkastisch das angesichts der Misere auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt auch klingen mag.

Sich auf diese Schülerinnen und Schüler einzustellen, heißt allerdings genau das Gegenteil von dem, was sich viele darunter vorstellen mögen. Nämlich einen mitunter radikalen Bruch mit der sonstigen Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen. Gerade um in einem schwierigen sozialen Umfeld zu bestehen, muss sich die Institution Schule in ihrer spezifischen Eigenart behaupten. Deshalb ist es gar nicht abwegig zu überlegen, ob Handys, MP3-Player oder auch bestimmte Kleidungsstücke aus der Schule verbannt werden sollten. "Ein Handy-Verbot ist unsinnig, weil es das Problem vor die Schultür verlagert", kommentierte Marianne Demmer die Debatte über Mobiltelefone. Aber wäre es dem eigentlichen Zweck der Schule nicht förderlich, wenn manche Probleme einmal wirklich vor der Türe blieben?

Schließlich ist Unterricht, laut Definition der Erziehungswissenschaftlers Hermann Giesecke, "ein künstliches Arrangement, das nicht aus dem Alltagsleben von selbst erwächst", sondern "immer in Distanz zum sonstigen Leben, für dessen Bewältigung er andererseits gebraucht wird", geschieht. Und entgegen einer immer wieder kolportierten Auffassung macht Lernen nicht per se Spaß, sondern ist eine Form entfremdeter Arbeit, deren Entlohnung leider oft in weiter Ferne liegt. Mit dem Lebensstil vieler Jugendlicher ist das nur noch sehr schwer vereinbar. Eine unangenehme Wahrheit, die auch Lehrer gern verdrängen.

Die Institution Schule kann gesellschaftliche Probleme nicht im Alleingang lösen. Die sozialen Verwerfungen der zurückliegenden Jahre, die nicht zuletzt die Früchte einer verfehlten, weil konzeptionslosen Einwanderungspolitik sind, ließen sich auch durch ein integriertes Bildungssystem, wie es manchem Schulkritiker vorschwebt, nicht beheben. Als ob mit der Abschaffung der Hauptschule deren problematische Klientel verschwinden würde. Wer das glaubt, kann sich in einigen Gesamtschulen Nordrhein-Westfalens eines Besseren belehren lassen. Was not tut, sind selbstbewusste Schulen, die nicht vor ihrem Umfeld kapitulieren. Beispiele dafür gibt es genug. Auch in Berlin.


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00:00 07.04.2006

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