Arbeit am Wort

Zeitschriftenschau Kolumne

Wie können die Menschen aus ihrer "selbstverschuldeten Unmündigkeit" herausfinden? Die Stadt Zürich zählte im 18. Jahrhundert zu den europäischen Metropolen, die daran beteiligt waren, die Ideen der Aufklärung zu formulieren und umzusetzen. Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger waren die prägenden Persönlichkeiten, die als Lehrer, Übersetzer, Theaterdichter und Publizisten Impulse für eine sich emanzipierende Gesellschaft gaben. Sie förderten die Naturwissenschaften, beschnitten den Einfluss der Theologie, sorgten für eine Veränderung der Ausbildung an den höheren Schulen und gaben der Philosophie, der Ästhetik und der Literaturkritik maßgebliche Anstöße.

In der jüngsten Ausgabe der Schweizer Monatshefte sind einige Beiträge zu Leben und Wirken Bodmers und Breitingers versammelt. Bodmer war Professor für Vaterländische Geschichte, Breitinger für Theologie sowie für hebräische und griechische Philologie in Zürich. Zu den bedeutendsten Zeugnissen ihrer gemeinsamen Arbeit zählt die nach englischem Vorbild konzipierte moralische Wochenschrift Discourse der Mahler (1721 bis 1723), an deren Darbietungsform sich auch der Leipziger Professor Johann Christoph Gottsched mit eigenen Zeitschriftenprojekten orientierte.

Mit Gottsched führten die beiden Schweizer, obwohl sie, wie er, Anhänger des Rationalismus und einer "Kritischen Dichtkunst" waren, einen erbitterten Streit über die Frage, ob die Phantasie, "das Wunderbare", in der Dichtung etwas zu suchen habe oder nicht. Gottsched beharrte auf der Kontrolle der Literatur durch die Vernunft, was etwa das Auftreten mythischer Figuren verbot. John Miltons Epos Paradise Lost mit all seinen Teufeln und Engeln, das Bodmer übersetzt hatte, galt Gottsched als Inbegriff vernunftwidrigen Phantasierens, so dass ihm die beiden Schweizer zu "Feinden der Aufklärung" wurden. Bodmer gilt übrigens auch als Wiederentdecker des lange vergessenen Nibelungenlieds. Es ist erfreulich, dass eine längst in die Literaturgeschichte eingegangene Fehde und deren Protagonisten, die heute nicht einmal mehr Germanistik-Studenten bekannt sind, wieder ins Licht treten und gar nicht so fremdartig wirken, wie man vermuten könnte.

Im Märzheft des Merkur reflektiert der Schriftsteller Walter Klier über den österreichischen Klassiker Franz Grillparzer, der zur Biedermeier-Epoche gerechnet wird, mit der die Moderne angeblich begann mit ihrer Zerrissenheit und Ortlosigkeit. Grillparzer strebte laut Klier danach, die klassischen Verhältnisse auf dem Theater zu erhalten: "Er eiferte Goethe und Schiller nach, verehrte Shakespeare und die alten Spanier, und zugleich geriet ihm doch jedes seiner Stücke beinahe zu einer Parodie auf die großen Vorbilder." Absolut heutig erscheine "der schwankende Boden, auf dem die Grillparzerschen Helden zu stehen oder voranzukommen versuchen."

Wer immer über Grillparzer schrieb, hat sich Gedanken gemacht über diese österreichische Art des Scheiterns, diese besondere Gabe zum Unglücklichsein. Nach dem Misserfolg seines einzigen Lustspiels Weh dem, der lügt! (1838) zog sich Grillparzer vom Theater zurück und schrieb fortan, mit Ehrungen überhäuft, für die Schublade. Gegen Ende seines Lebens hat er gar nicht mehr geschrieben, sich nur noch selbst beobachtet beim Erkalten seiner poetischen Leidenschaft, so Klier. Sein "Scheitern" habe er auch inszeniert, als erster in einer Reihe "genialer Jammerer", die die österreichische Literatur bis hin zu Thomas Bernhard immer wieder hervorgebracht habe.

Heutzutage werden Grillparzers patriotische Dramen selten gespielt und nicht mehr gelesen. Es sei allerdings vorstellbar, meint Klier, dass sich mit einigen seiner Stücke, "wenn man sie nur in ihrem romantischen Überschwang und ihrer barocken Wucht wortwörtlich nähme", die besten theatralischen Effekte erzielen ließen, wenn erst einmal das Regietheater abgeschafft sein wird.

Das Maiheft des Merkur stellt einen detailgenauen poetologischen Aufsatz wieder zur Debatte, den Helmut Heißenbüttel 1968 zu Stefan Georges 100. Geburtstag für das Radio geschrieben hat. Heißenbüttel erzählt darin von der Faszination, die Georges Gedichte seit der ersten Begegnung mit ihnen als Achtzehnjähriger auf ihn ausgeübt haben. Die Begeisterung war anhaltend und so groß, dass er noch 1943 den Stern des Bundes und Das Neue Reich mit der Hand abgeschrieben hat.

Was ihn derart fasziniert habe, sei etwas sehr Konkretes gewesen: "Wörter, Wortgruppen, bestimmte Zusammenstellungen, in bestimmter Perspektive ausgewählte Sprachkombinationen." Ihn interessierte "der Einklang der Vokale, Konsonanten und mehrwortigen Reimbindungen", also die Wörter-Arbeit des Meisters, seine Formulierungen, das "durch vokabuläre Zusammenfügung hergestellte künstliche Bild". Denn stärker als alle seine Zeitgenossen, Rilke eingeschlossen, habe George "auf die Materialität der Sprache" vertraut.

Freilich trennt Heißenbüttel das Gedicht Georges von der Person des "Sektierers". Er habe den Kult der Georgeaner immer "etwas lächerlich" gefunden und die persönliche Wirkung Georges für "unheilvoll und verderblich" gehalten. George hatte seiner Ansicht nach "den bösen Blick und, was schlimmer ist, die böse Berührung. Wie ein echter Teufel der christlichen Mythologie tröstete er sich damit über die unüberbrückbare Einsamkeit, der er verfallen war."

Schweizer Monatshefte: Heft 3/4, März/April 2007 (Vogelsangstraße 52, CH-8006 Zürich), 11 EUR

Merkur: Heft 3 und Heft 5, 2007 (Mommsenstraße 27, 10629 Berlin), jeweils 11 EUR


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00:00 22.06.2007

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