Arbeit im Unsichtbaren

Alltag Für die Komponistin Juliane Klein gibt es offenbar nichts, was nicht geht

Meist braucht sie keinen Stift. Das Blatt bleibt leer, das Zimmer still. Sie meint, auf Außenstehende müsse das grotesk wirken: "Ich sitze an meinem Schreibtisch und tue nichts. Und dann beschwere ich mich auch noch, wenn jemand das Radio anmacht. Aber ich kann eben nicht den ganzen Tag Musik hören!" Juliane Klein hat seit ihrer Kindheit Musik im Kopf. Elfjährig wurde sie als Jungstudentin an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler aufgenommen, heute - mit 39 Jahren - werden ihre Werke europaweit gespielt.

Auf den ersten Blick wirkt sie trotzdem greifbar. Ich treffe sie zur Generalprobe in der Berliner Philharmonie. Am Abend wird hier im Rahmen des Berliner Musikfestes ihr Stück ... und folge mir nach für Barockorchester aufgeführt. Es ist ein Stück, in dem die Kommunikation zwischen den Musikern eine zentrale Rolle spielt, denn es gibt keinen Dirigenten: Kreisförmig angeordnet kann jeder jeden sehen, es gibt, angelehnt an das barocke Solokonzert, nur einen solistischen Impulsgeber in der Mitte und außerdem musikalische Freiräume für alle Beteiligten - kleine Unvorhersehbarkeiten. Eine ruhige Passage von mehreren Minuten spielt das Orchester sogar mit geschlossenen Augen. Jeder darf hier selbst entscheiden, wann er seinen Klang einfügt: "Bestmöglichen Einsatzpunkt nach Gehör finden", steht in der Partitur. Keine Autorität, keine Hierarchie. "Am Anfang entsteht Verunsicherung, bis hin zur Verweigerung, es gibt das komplette Chaos", sagt Juliane Klein. "Inzwischen ist das aber der strukturierteste Satz des ganzen Stückes - genauer hätte ich es gar nicht aufschreiben können." So klingt dasselbe Stück bei jeder Aufführung anders. "Das ist für mich Musizieren", sagt Klein, "wenn nicht nur Kochen nach Kochbuch aufgeführt wird, sondern der Musiker sagen kann: Ich bin Interpret und ich höre zu und jetzt spiele ich".

Vor dem Konzert wird der Dramaturg des musizierenden Freiburger Orchesters, Rüdiger Nolte, dem Publikum wünschen: "Neue Musik und trotzdem viel Spaß." Es wird für Juliane Klein und die Musiker anschließend freundlichen, aber keineswegs überschwänglichen Applaus geben, und in einer Rezension der Süddeutschen Zeitung wird stehen, ihr Werk bleibe "im Stahlkäfig der Moderne gefangen".

Was ist eigentlich der "Stahlkäfig der Moderne"? Es ist der klassische Vorwurf gegen die neue Musik: Konzept- und Kopflastigkeit, Spezialistentum, musikalischer Autismus. Dessen Bekämpfung haben sich einige Festivals seit ein paar Jahren sogar zum Programm gemacht. Sie wollen den Elfenbeinturm verlassen und mit Hilfe von Anleihen beim Pop, Crossover-Konzepten und Lounges mit Plastikpalmen und DJs ein breiteres Publikum anlocken.

Auch Juliane Klein will keine elitäre Spezialistenmusik komponieren. Sie bleibt zwar einer gewissermaßen klassischen und exklusiven Klangsprache verpflichtet, dem "typischen" Neue-Musik-Gestus eben: Einzelereignisse, Flächen, Tontrauben, offener assoziativer Rahmen. Dabei spielt die Hinwendung zum Menschen, der ihre Musik zum Klingen bringen soll, aber eine entscheidende Rolle. "Ich habe eine Hochachtung vor jedem Menschen, jeder kann so viel und das muss ich achten, schätzen und fördern", sagt sie. Während also eine konkrete Vorstellung der Musik, die erklingen soll, die Grundlage ihrer Arbeit bleibt, vertraut Juliane Klein auf die Kompetenz ihrer Interpreten - ob Laie oder Profi. Der Musiker wird in vielen Werken Mitschaffender, wie auch in ... und folge mir nach.

Es ist ein Balance-Akt, den ästhetischen und emanzipatorischen Anspruch zu vereinen, und gleichzeitig ist es nur konsequent, den Einfluss, den der Interpret ohnehin hat, bewusst und geführt auszubauen. "Komponieren ist eine Spezialform des Denkens", erklärt Klein. "Wenn ich sage, ich habe die Musik im Kopf, dann wirkt das etwas jenseitig. Aber jeder Mensch hat doch eine Vorstellung, sei es vom Urlaubsort, vom Eigenheim. Ich höre innerlich, dann sortiere ich und muss analysieren, was ich dazu brauche. Wie ein Handwerker: ist das aus Holz, ist das aus Plastik?" Das hört sich pragmatisch an. Es geht nicht nur um den großen kreativen Wurf, die Eingebung, die die Komponistin heimsucht und ungefiltert aufs Papier wandert, sondern es geht auch um handwerkliche Überlegungen: welches Instrumentarium steht zur Verfügung, wie ist der Raum beschaffen, was sind die Stärken der Musiker?

Für Juliane Klein gibt es offenbar nichts, was nicht geht: Sie hat für den Frauenchor eines Dorfes mit 71 Einwohnern den Chor Sind es 71? (2001) so komponiert, dass eine Bäuerin nachher mit sich und den Worten rang: "Juliane, also das war, ... also mit mir ..., bei mir ist einfach ein Knoten geplatzt". Sie hat in der Berliner Staatsoper mit hyperaktiven Kindern an dem Musiktheater Hyp´Op (2003) und mit musikalisch nicht vorgebildeten Sängern, darunter viele Senioren, in Wien an Krise des Körpers (2004) gearbeitet. Sie schreibt Solostücke, Kammermusik und arbeitet mit bildenden Künstlern zusammen. Und sie sagt: jeder könne sich in ihre Musik an irgendeiner Stelle "einhaken". Vorwissen sei nicht nötig, musikalische Anbiederung oder Gefälligkeit ihrerseits aber auch nicht.

Von den beschriebenen Freiheitsarten gibt es in ihrem Werk ebenfalls ein ganzes Spektrum: Neben differenziertem Notentext steht quasi als Extrem die verbale Partitur Ueberbleibsel von 1999. Komplett lautet sie: "ort: bühne eines konzertsaales (vor dem geschlossenen vorhang), ablauf: die fünf spieler betreten die bühne. sie setzen sich auf von ihnen zu diesem zwecke mitgebrachte sitzutensilien. jeder spieler gibt nur sehr selten einen mit einem vorab ausgewählten instrumententeil erzeugten laut von sich. die fünf spieler nehmen ihre sitzutensilien und verlassen die bühne. sie kehren nicht wieder. dauer: 5´ - 7´ - 12´ - 15´ - 21´".

Mit dieser Partitur wird deutlich, welche Spannbreite das Werk der Berliner Komponistin hat. In diesem Fall stellt sie sich in die Tradition amerikanischer Komponisten der New York School wie John Cage, Earl Brown oder Christian Wolff. John Cage - "Vater" der New-York-School-Komponisten und Schüler von Arnold Schönberg - hat den genialen, sich selbst spiegelnden und das Ego thematisierenden Künstler für sich abgeschafft. Durch Zufall und Undeterminiertheit hat er seine Musik radikal geöffnet und den Komponistenbegriff weitgehend aufgelöst. Das war ein Knackpunkt der Musikgeschichte und Cages Weg aus dem "Stahlkäfig der Moderne" - ob er damit allerdings nicht einen neuen gebaut hat, ist eine andere Frage.

So radikal verfährt Juliane Klein nicht. Aber sie steht mit ihrem teilweisen Verzicht auf Selbstbezogenheit und Selbstverliebtheit in diesem Zusammenhang. Und sie lässt sich gerne und bewusst überraschen, zum Beispiel auch bei der Arbeit mit den hyperaktiven Kindern: "Ich habe nie gedacht, dass ich so was komponiert habe! Der eine improvisierte zu meiner Musik einen Mord, brachte seinen Freund mit einem großen Messer um und erstach sich schließlich selbst. Andere haben Schlangen erfunden, die sich winden, und Pinguine."

Ein Erlebnis hat Klein besonders bestärkt, das egozentrierte Komponieren und die obligatorischen Selbstzweifel abzulegen: Nach der Wende, als musikalisch viele in Richtung Westen strebten, ist sie nach Russland gefahren - noch während ihres Studiums in Stuttgart beim Klassiker der Neuen Musik Helmut Lachenmann, der nun bald seit 50 Jahren Teil der Avantgarde sein wird. Klein hat in einer Künstlerkollektive in Sankt Petersburg gelebt, in der die oberste Regel war, "dass man bestimmte Fragen schon mit sich geklärt haben musste, um die anderen nicht mit seinen Zweifeln, Ängsten und Minderwertigkeitskomplexen zu belästigen." Dieses Selbstbewusstsein war für sie schlüssig und sinnvoller als die Verteidigung der eigenen Musik in den Kompositionsseminaren in Stuttgart. "Wie dort das Studium ablief, das fand ich grotesk. Viele produzierten sich, starrten auf den Meister und harrten seiner Worte. Ging der Daumen nach oben oder nach unten?" Sie sagt: "Ich bin lieber diejenige, die den Stein ins Wasser wirft. Mit den Wellen können sich dann andere befassen."

Dass sie als Frau nach wie vor eine Außenseiterin in der Männerdomäne "Komponist" ist, beschäftigt sie kaum, auch wenn die "Saloon-Situation" nicht ausbleibt: "Es kommt durchaus vor, dass in dem Moment, in dem ich den Proberaum betrete, die Arbeit unterbrochen wird, alle stocken und zur Tür gucken. Dann werde ich angeglotzt und sage ganz freundlich ›Guten Tag, Sie können ruhig weiterproben, es ist nichts passiert‹". Oder bei einem großen Orchesterkonzert in Istanbul: "Nach dem Stück gab es viel Applaus. Da bin ich fröhlich aufgestanden und wollte mich verbeugen, in dem Moment ebbte der Applaus fast auf Null ab, sodass ich in der dummen Situation war, durch die Leere auf die Bühne zu gehen. Aber als ich den Musikern gratulierte, haben die Leute wieder geklatscht. Die Verblüffung war zunächst einfach zu groß. Der Beruf heißt eben männlich: ›Komponist‹, und diese Erwartungshaltung bleibt präsent." Verunsichern lässt sich Klein nicht. Und Selbstverliebtheit, zerraufte Haare und zerfurchte Stirnen überlässt sie den traditionellen Platzhaltern. "Ich will im Prinzip so frei sein, dass ich sage, ich entscheide, und das, was ich entscheide wird richtig sein, und die anderen haben mir dann auch zu vertrauen. Und bisher war es immer so."

00:00 02.12.2005

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