Wolfgang Michal
18.11.2010 | 11:10 3

Arbeit ohne Ende

Leben Die Regierung schönt in der Debatte um den Ruhestand mit 67 die Zahlen. Dabei böte eine echte Reform die Chance auf ein Rentensystem, das sich den Menschen anpasst

Frohe Kunde von der Regierung: Laut ihrem am Mittwoch vorgestellten Prüfbericht zur Rente mit 67 hat sich die Beschäftigungssituation der älteren Arbeitnehmer so dramatisch verbessert, dass der Einführung der neuen Altersgrenze nichts mehr im Wege steht.

Man könnte auch sagen: Der Bericht ist Gold wert. Wenn die Abgeordneten den von Ministerin Ursula von der Leyen (CDU)aufgetischten Zahlen Glauben schenken, werden die Rentenkassen von 2012 an um viele Milliarden Euro entlastet. Und die künftigen Rentner um ebenso viele Milliarden erleichtert. Aber welcher Abgeordnete hat schon Lust, Statistiken zu zerpflücken?

Der Regierungsbericht „Aufbruch in die altersgerechte Arbeitswelt“ stützt sein optimistisches Ja zur Rente mit 67 vor allem auf die demografische Entwicklung. Wegen anhaltend niedriger Geburtenraten und einer kontinuierlich steigenden Lebenserwartung sei das Durchschnittsalter der Bevölkerung auf 43,6 Jahre gestiegen. Und 2030 werde es sogar bei 47,7 Jahren liegen.

Da zu wenig Junge nachwachsen, sinke in den kommenden zwei Jahrzehnten die Zahl der 20- bis 64-Jährigen um 6,3 Millionen. Das heißt, die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter schrumpfe derart stark, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Landes gefährdet sei. Viele Arbeitsplätze könne man dann nicht mehr besetzen, und die Auswahlmöglichkeit der Betriebe unter den Bewerbern wäre drastisch reduziert. Verschiebe man das Renteneintrittsalter dagegen um zwei Jahre nach hinten, könne der Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung zumindest gebremst werden: auf 3,7 Millionen. Also folgert der Bericht: „Ökonomisch gibt es zur Ausweitung der Erwerbsbeteiligung – insbesondere der Älteren – nur die Alternative, die Beiträge zu erhöhen oder die Renten zu kürzen.“ Und das würden weder die Jungen noch die Alten wirklich wollen.

Bleibt die Frage: Werden die von der Regierung so heftig umworbenen Älteren im Wirtschaftsleben überhaupt gebraucht? Haben sie gute Jobs?

Schöne Lügen

Laut dem Regierungsbericht ist die Erwerbsquote der Älteren seit 2005 deutlich gestiegen. In der Gruppe der 55- bis 59-Jährigen habe sie sich bei den Männern um 1,7 Prozentpunkte auf 83,7 Prozent erhöht, bei den Frauen sogar um 4,4 Prozentpunkte auf 68,8 Prozent. Bei den 60- bis 64-Jährigen sei die Erwerbsquote noch stärker gestiegen: bei Männern und Frauen um jeweils 9,9 Prozentpunkte auf 50,5, beziehungsweise 32,8 Prozent.

Um diese Zahlen zu verstehen, muss man wissen, dass die „Erwerbsquote“ sowohl Erwerbstätige als auch Erwerbslose im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung erfasst. Ein Anstieg der Erwerbsquote bei den 60-Jährigen könnte also auch dem Anstieg der Arbeitslosigkeit in dieser Altersgruppe geschuldet sein. Zieht man – zum Vergleich – die neuesten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit heran, so hat sich die Arbeitslosigkeit der 60- bis 64-Jährigen zwischen Oktober 2007 und Oktober 2010 mehr als vervierfacht – insbesondere wegen des Auslaufens der staatlichen Förderung der Altersteilzeit und der 2007 beendeten Vorruhestandsregelung.

Lügen kann man aber auch, indem man verfälschende Ausschnitte aus der Statistik präsentiert. Was zum Beispiel hat die Job-Situation der 55-Jährigen mit der viel aussagekräftigeren Situation der 64-Jährigen zu tun? Ganz einfach: Die 55-Jährigen verschönern die Quoten. Laut dem Regierungsbericht ist nämlich nicht nur die Erwerbsquote bei den Älteren gestiegen, sondern auch die Erwerbstätigenquote. Diese Quote gibt den Anteil der Beschäftigten an den Erwerbsfähigen an. Betrachtet man nun die Jahrgänge getrennt, so relativiert sich das positive Bild der Regierung. Zwar liegt die Erwerbstätigenquote bei den 60-Jährigen noch knapp über der magischen 50-Prozent-Grenze, aber mit jedem weiteren Jahrgang sacken die Quoten rapide ab. Bei den 64-Jährigen beträgt sie gerade noch 22,3 Prozent. Und diese 22,3 Prozent umfassen nicht allein Vollzeitjobs, sondern auch Teilzeit, geringfügige Beschäftigungen, Zeitarbeit und Minijobs.

Überhaupt beruht der ganze Zahlenzauber der Regierung auf einem demografischen Sonderfall. Die so genannten Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit, wandern seit zwei, drei Jahren in die Alterskohorte der 55- bis 64-Jährigen ein. Und die Regierung möchte diese natürliche Entwicklung gern als Erfolg ihrer Förderpolitik verkaufen. Doch in punkto Förderung geschieht kaum etwas.

Mega-Thema bleibt unerkannt

Der zweite, wesentlich bessere Teil des Prüfberichts befasst sich mit den Handlungsnotwendigkeiten der Zukunft, und mit den Vorbereitungen der Unternehmen und Institutionen auf ihre älter werdenden Belegschaften. Fazit: Von einigen Großkonzernen wie BMW oder BASF abgesehen, kümmert sich kaum ein Betrieb um eine entsprechende Personalpolitik („Age-Management“), um altersgemäße Fitness- und Gesundheitsvorsorge oder lebenslange Weiterbildung. Besonders die kleinen und mittelständischen Betriebe verfahren noch immer so, als ginge sie das ganze Thema nichts an.

Die Ministerien und Arbeitsagenturen spucken zwar viele am grünen Tisch erdachte, wohlklingende Programme aus (Initiative 50plus, Perspektive 50plus, Initiative Neue Qualität der Arbeit etc.), aber sie legen diese Programme oft so paternalistisch an, als müssten überschüssige Senioren möglichst so beschäftigt werden, dass sie nichts anstellen können. Diese staatlich geförderten Beschäftigungstherapien arbeiten meist mit dem demütigenden Instrument des „Lohnzuschusses“, der den Betroffenen zu verstehen gibt, dass ihre Betriebe sie nur deshalb durchfüttern, weil es staatliche Alimente dafür gibt.

Die Gewerkschaften als dritte Kraft im Bunde könnten das Thema aus seiner unglücklichen Verengung befreien. Sie könnten aus den rein ökonomistischen Überlegungen ein Lebensthema machen wie einstmals „Samstags gehört Vati mir“. Doch bislang zieren sich die Gewerkschaften, das im Renteneintritt schlummernde Mega-Thema – den Abschied vom industriekapitalistischen Lebenslauf-Modell – auch nur anzutippen. Vielleicht fehlt ihnen die Neugier für weiter reichende Perspektiven, vielleicht sind ihre Sinne vom täglichen Trillerpfeifen-Kampf betäubt.

Utopie voraus

Dabei gäbe es viele gute Anknüpfungspunkte, um die „Rente mit 67“ in eine Grundsatzdebatte hinein zu weben. Wenn die IG Metall zu Recht beklagt, dass ein schichtarbeitender Gießereiarbeiter seinen Job nicht einmal bis zum 55. Lebensjahr durchhält; wenn die IG Bauen-Agrar-Umwelt Gebäudereiniger, Dachdecker und Gärtner ins Feld führt, die mit 55 Jahren körperlich verschlissen sind; wenn die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi immer häufiger mit ausgebrannten Lehrern und Pflegekräften konfrontiert ist – dann lohnte es doch, darüber nachzudenken, ob das Renteneintrittsalter nicht nach Tätigkeiten, Berufen oder Branchen flexibilisiert werden könnte. Denn es gibt Arbeiter, die mit 55 reif für die Rente sind, und es gibt Berufstätige (wie Piloten oder Bundeswehrangehörige), die gegen ihre zwangsweise Verrentung sogar vor Gericht ziehen.

Die Gewerkschaften dürfen sich auch nicht länger scheuen, die skandalöse Auseinanderentwicklung von Beamtenpensionen und Renten in die Debatte mit einzubeziehen. Warum etwa erhalten Beamte 70 Prozent ihres letzten Gehalts als Pension, während Arbeiter mit 46 Prozent ihres Nettolohns abgespeist werden? Und wieso ist der berühmte Eckrentner – jene sagenhafte Gestalt aus der Mitte des 20. Jahrhunderts –, dessen Lebenslauf aus 45 soliden Beitragsjahren bestand, noch immer das Maß aller Renten-Berechnungen?

Dies führt uns zum Denken in langen Zeiträumen, das in Demografie- und Rentenfinanzierungs-Debatten längst üblich geworden ist, nur eben nicht in den Debatten zur Gesellschaftspolitik. Wir beschäftigen uns lieber mit der abseitigen sarrazynischen Wahrscheinlichkeitsrechnung zur Selbstabschaffung der Deutschen als mit der nächstliegenden Utopie: Können wir in 50 Jahren wirklich noch dem alten dreigeteilten Lebenslauf-Muster von Ausbildung-Arbeit-Rente folgen wie vor 50 Jahren? Wäre es nicht an der Zeit, die tagesaktuellen Probleme endlich wieder mit einem gesellschaftlichen Leitgedanken zu verbinden? Schreien die schnell anwachsenden Kosten des Gesundheitssystems nicht nach einer Entzerrung unserer Lebensläufe? Die Debatte um die Rente mit 67 enthält immense politische Sprengkraft. Schließlich geht es bei ihr um die Summe unseres Lebens.

Wolfgang Michal ist freier Journalist und Autor von Einsame Klasse. Warum Männer nicht altern, DTV 2010, 8,90 Euro

Kommentare (3)

Querdenker 18.11.2010 | 14:52

Der Leitgedanke wäre ein Grundeinkommen. Wenn man jedem Bürger ein bedingungsloses Grundeinkommen zahlt, kann er sich aussuchen, ob er mit 55 "in Rente" geht, mit 66 vielleicht doch noch mal Informatik studiert, oder einfach bis 80 weiter forschen möchte. Beamtenpensionen und Renten sind für mich ein Relikt alter Tage, alleine der ganze Verwaltungsaufwand ist nicht mehr zeitgemäß.

ebertus 18.11.2010 | 21:16

Wenn man (anderweitig) lesen kann, dass selbst diejenigen, die es gerade noch geschafft haben, sich in der Ruhephase der verblockten Altersteilzeit befinden, als "berufstätig" gezählt werden, so ist der ganze Statistikzauber auch aus dieser Sicht her reine Illusion.

Richtig ansonsten, das (bedingungslose) Grundeinkommen als Basis. Nicht mehr so existentiell erpressbar sein, freiwillig und ohne Druck (like me) mit 60/61 ausscheiden, da kann man zum Beispiel als Altersstudent weitermachen. Nicht unbedingt der IT-Admin, das war ich im realen, halbwegs gut bezahlen (Berufs) Leben, aber geisteswissenschaftliche, eher brotlose Künste können ebenfalls eine gewisse Befriedigung schaffen, gar zu neuen Horizonten führen.

Ergo: Das BGE ist der Schlüssel, wer mehr will, kann gern mehr vorsorgen. Alternativ und mangels XXL-Aufschwung bzw. Wachstum gibt es dazu lediglich die Koch'schen Bootcamps für eine immer größere Zahl an nicht mehr gebrauchten Minderleistern. Und die haben in Mehrzahl einen deutschen Pass, können nicht mal populistisch, sarrazinesk abgeschoben werden.

claudia 21.11.2010 | 17:35

Gedanke zum Grundeinkommen:
mit ca 40 000 Stunden Lebensarbeitszeit pro Person kann alles produziert werden, was wir brauchen. (Wenn man auf Produkte verzichtet, die keinen realen Gebrauchswert haben, dann weniger)
Wie jemand das verteilt, 20 Jahre 40 Stunden/Woche, dann ist das erledigt, oder 40 Jahre 20 Stunden/Woche, das kann ja individuell entschieden werden. Jedenfalls sind dann alle Produkte da und können konsumiert werden. Mit der gleichmässigen Verteilung der Lebensarbeitszeit können Arbeitsbereiche, die nicht gut automatisierbar sind, entlastet werden.

Ein solches Verteilungsmodell, das den Blick auf den Produktions/Konsumtions-Kreislauf richtet und Geld nicht als die Sache an sich, sondern als nachgeordnetes Tauschäquivalent sieht, würde wahrscheinlich eine Demokratisierung der Produktionsmittel voraussetzen. Wenn die erreicht wäre und über Arbeitsinhalte, das heisst Produktionsweise und Produkte, demokratischer entschieden würde als heute, würde hochwahrscheinlich Industriearbeit noch mal weniger werden. Die individuelle Lebensarbeitszeit könnte weiter reduziert werden.

Ich halte solche Denkansätze für wichtig, auch wenn sie im Moment noch etwas unausgegoren wirken.
Denn die Vorstellung, dass ein BGE darauf basieren solle, dass der Staat erst mal sehr hohe Geldabgaben von den Bürgern eintreibt und sie dann wieder zurückgibt würde die antiquierte und mittlerweile völlig irrational gewordene Wirtschafts- und Abeitsorganisation eher konservieren als durch Besseres ersetzen.

Die Irrationalität zeigt sich ja u. a. darin, dass bei rückläufigem Arbeitsanteil am Produkt gleichzeitig die Lebensarbeitszeit erhöht werden soll.
Wenn erst mal Roboter Roboter produzieren und von Wartungsrobotern überwacht werden, dann muss nach den heutigen Regeln das Renteneintrittsalter auf 80 Jahre erhöht werden. Bei Arbeitsentgelten, die 100 € / Monat wegen betrübswirtschaftlicher Notwendigkeiten nicht mehr überschreiten dürfen.