Arbeit und Spiele

Musik Vor 17 Jahren haben Refused dem Kapitalismus den Kampf angesagt und die Zukunft des Punk definiert. Was lehren uns die Schweden heute?
Nicklas Baschek | Ausgabe 26/2015

Als die Polizei 1998 in einem Keller in Harrisonburg, Virginia, ihr Konzert stürmte und nach vier Songs abbrach, war kaum abzusehen, was aus Refused im Folgenden noch werden würde. Nach dieser chaotischen US-Tour, die ein paar hundert Punk-Kids anzog, löste sich die Hardcoreband aus Umeå auf. Vor dem Durchbruch. Seither stiegen die Schweden zur wohl einflussreichsten Hardcoreband überhaupt auf, ihr Vermächtnis hieß The Shape of Punk to Come (1998).

Im Punk Ende der 70er Jahre hatte es noch no future geheißen. Hardcore dachte über Auswege nach. Mit Bands wie Fugazi und Gorilla Biscuits veränderten sich Ästhetik und Message des Punk. Hardcore übernahm dessen Wut, aber Ehrgeiz, Askese und Selbstoptimierung wurden gegen die Logik des Exzesses wieder zu positiv besetzten Werten. Die Straight-Edge-Bewegung propagierte den Verzicht auf Drogen und Alkohol, auf tierische Produkte und lehnte Promiskuität ab.

Refused waren so etwas die Musterschüler dieses politischen Hardcores. Hatte sich ihr antikapitalistischer und emanzipatorischer Impetus zuerst vor allem in den Songtexten („Capitalism is indeed organized crime“), Konzertansagen und Interviews geäußert, nahm die Kritik mit dem Album The Shape of Punk to Come auch musikalisch neue und explizitere Formen an.

Hardcore-Routine

Ausgehend von der Beobachtung, dass die Gesten, Sounds und Szenecodes der Dissidenz spätestens mit dem Erfolg von Nirvanas Album Nevermind 1991 ihr widerständiges Moment verloren hatten, kombinierten Refused mit The Shape of Punk to Come Hardcore, Pop, Spoken Word, Drum ’n’ Bass, Jazz – und war damit auch als Provokation gegen die eigene, allzu homogene und selbstgewisse Szene zu verstehen. Dass es darüber hinaus Hit neben Hit stellte und trotz eines ultraharten Sounds nicht das Narrativ vom harten Mann bediente, macht es zu einem Album, das auch 17 Jahre später noch in jeder Jahresbestenliste landen könnte.

2012 taten Refused sich erstmals wieder zusammen und gingen auf Tour. Sie spielten Telekom Street Gigs und das Coachella Festival. Ausgerechnet Orte, an denen die Ideologie Work hard, play hard ein Gesicht bekommt. Konfrontiert man Schlagzeuger David Sandström mit diesem Widerspruch, erwidert er höflich, ihnen habe in den 90er Jahren auf der ewigen Suche nach der Bandidentität einfach der Mut gefehlt, große Hallen und Festivals zu spielen. Damals habe man sich als ewig grantelnde Außenseiter begriffen und sei in der Fundamentalopposition der Hardcore- und Punkszene verhaftet geblieben. Mit der Attitüde seiner Band in jener Zeit hat Sandström heute altersweise Mühe. Die Rückkehr, sagt er, sei ein Versuch, jetzt auch über die eigene Szene hinauszuwirken.

Und so klingt nun auch das neue Album Freedom. Tanzbar, funkig, längst nicht so heavy wie die Vorgänger. „Nothing has changed“, heißt es zwar noch im ersten Song Elektra wie als Legitimation. Aber diese Ansage legt falsche Fährten. Old Friends/New War steigt mit Auto-Tune ein, der Software zur Stimmverfremdung, die einerseits die Popkulturtheorie fasziniert (Tod des Subjekts, Posthumanismus et cetera), andererseits schnell grottig klingen kann (was sie hier nicht tut). Einen Song wie diesen hätten Gang of Four wohl gern geschrieben, als sie ihr aktuelles Album What Happens Next (2015) mit Herbert Grönemeyer produziert haben.

Für den richtig großen Wurf hätten aber auch Refused mehr Mut gebraucht. Sie wollen zu viel gleichzeitig, das merkt man vor allem auch den Texten an. Freedom zeigt mit dem Finger auf alle denkbaren Konfliktfelder, den Kongo, Neokolonialismus, Rassismus, Sexismus, aber es erschöpft sich dabei in Phrasen. Wo bleiben kluge, fiese Fragen, wie sie ein Song wie Summer Holidays Vs. Punk Routine aufwarf? Wenn Françafrique mit einem Kinderchor beginnt und „Murder, murder, kill, kill, kill“ anstimmt, dann überzeugt hier nicht der wenig subtile Text, sondern allenfalls, wie die bewusste Verschleierung, die hinter dieser Begriffspolitik steht (Françafrique bezeichnet euphemistisch das Verhältnis Frankreichs zu seinen ehemaligen Kolonien), musikalisch durch den naiven Singsang gespiegelt wird.

Das Album wird dem Ruf von Refused zu Recht keinen Schaden antun. Was angesichts der Erwartungen zu wenig ist. Szene-Kreisch-Breakdown-Phrasen wie „Destroy the man“ hätten sie unterlassen können. Die zweite Hälfte des Albums ist nicht mehr als guter Durchschnitt. Trotz eines genial funkigen Einstiegs in den Refrain von Servants of Death und charmanter Bläser bei War On the Palaces.

Die Paradoxie, die entsteht, wenn Kritik konsensfähig wird, führt Refuseds smarter Giganto-Hit New Noise seit 1998 wunderbar vor: „We enjoy all the wrong moves, we need new noise“, hieß es in diesem Song, der selbst kanonisiert worden ist und in der Studentendisco irgendwie jedem gefällt. Neu ist dieser Krach längst nicht mehr, und so funktioniert nun auch er als Mainstream-Hit. Eine solche Weitsicht ist selten. Refused seien nicht mehr dazu da, zu belehren, sagt David Sandström im Jahr 2015. Das ist durchaus schade.

Info

Freedom Refused Epitaph Europe/Indigo 2015

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06:00 08.07.2015

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