Arbeite bitte! Tu es! Arbeite! Ich will es!

Idealistische Utopie Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze

Am Ende Politik. Ihre letzte Zusammenarbeit war ein Wahlkampfauftritt für Willy Brandt, September 1965 in Bayreuth. Sie hat ihn begleitet, sie hatte ihm die Rede redigiert, sie hatte ihn überhaupt dazu angestiftet: "Ich bitte Dich darum, gegen die CDU, gegen die Bourgeoisie, den Revanchismus, den hübsch wieder aufblühenden Nationalismus zu sprechen, also dagegen, dagegen, mit Deinem ganzen Temperament, ohne Dich zu identifizieren mit einer Partei, die das kleinere Übel ist..." Folgt eine Beschimpfung des Staatsvolks, das "keinen Sinn hat für onore, weil es so verdorben ist, dass es seine besten Leute verdirbt."

Vom Zorn auf Deutschland ist viel zu lesen im Briefwechsel dieses merkwürdigen Paares, auf seine Unbelehrbarkeit, Kälte, Hässlichkeit, Spießigkeit, und dem man entfliehen musste in südliche Gefilde, zu Wärme und Schönheit. Von Adenauers Deutschland aus gesehen war das Italien. Im Juni 1953 war Hans Werner Henze, 27-jähriger Komponist aus Westfalen, auf die damals touristisch noch kaum erschlossene Insel Ischia gezogen. Ein paar Monate später folgte Ingeborg Bachmann, 27-jährige Dichterin aus Klagenfurt, ihm nach. Kennengelernt hatten sie sich auf einer Tagung der "Gruppe 47" im Jahr zuvor. "Ihre gedichte sind schön, und traurig", steht in Henzes erstem Brief an das "liebe fräulein bachmann": "aber die idioten, selbst leute, die so tun, als ob sie ›verstünden‹, verstehen nicht." Damit waren zwei Vorzeichen gesetzt, die Tonart gewählt, die für diese aufregende Korrespondenz bestimmend blieb: Die Sehnsucht nach unkorrumpierter Schönheit in einer hässlich gewordenen Welt, und, vom ersten Moment an, das Bewusstsein eines Sonderverhältnisses, eines persönlichen und künstlerisch wissenden Bündnisses in einem Meer der Ahnungslosigkeit.

Zweihundertneunzehn Henze-Briefe, Telegramme, Postkarten haben sich, bis zu einer letzten Weihnachtseinladung 1972 erhalten, dem Jahr vor Bachmanns grausigem Feuertod in Rom. Unerschöpflich war Henzes Variationskunst der Anreden an die Freundin: "illustres zartes bachtier" - "Illustre Bachstelze" - "grosse und nicht schlecht erleuchtete bachstelze" -"meine liebe arme kleine Allergrösste" - "Bachmanita" - "mein Undinchen, mein liebes ingetier" - "engelhafte Ingeborg" und so noch viel mehr. Dieser munter sprudelnden Quelle stehen bloß 33 Korrespondenzen der Dichterin gegenüber. Einiges sei ihm verlorengegangen, schreibt Henze in einem kurzen Vorwort; man mag es kaum glauben und muss es bedauern. Das hätte man gern lückenloser gelesen.

Immerhin ist der Komponist ein unterhaltsamer Briefschreiber: witzig bis sarkastisch, vor allem wenn er über den bundesrepublikanischen Kulturbetrieb berichtet, aber auch über den "schi schi des Citronenlandes", manchmal depressiv, wenn es um das eigene Werk geht, fast immer besorgt um das der von Schreib- und Lebenskrisen verfolgten Dichterin. Seine eigene Rettung in die Arbeit möchte er auch der Freundin verordnen, zunehmend ungeduldig. Am 18. 4. 1965, nach der Trennung von Max Frisch schreibt er, auf dem Flug Rom-New York, Klartext: "Die Grösse der Gefühle für andere darf nie grösser sein als das eigene Verantwortungsgefühl gegenüber dem eigenen Seinsgrund. Frisch hätte Dir nie irgendeine Schmach antun können, wenn Du ihn zugunsten Deines eigenen Künstlerseins ignoriert hättest." Und mit einer Brutalität, die nur durch Verzweiflung über die Selbstgefährdung der geliebten Person erklärbar wird: "ich, Hans, werde Dich nicht mehr achten, noch möchte ich Dich wiedersehen, wenn Du jetzt nicht damit aufhörst und statt dessen anfängst, Deine PFLICHT zu tun, wie ein Bankbeamter. Briefe beantworten und systematisch arbeiten, wie es Thomas Mann etc. etc. tat, wie alle Grossen, ohne Ausflüchte, ohne weitere Krankheiten etc., ohne Klagen und Jammern. ... Mozart hat in seinem Leben nie mehr als 10 Minuten gehabt, um darüber nachzudenken, wie schlecht es ist..."

Die Einblicke in die Intimbereiche einer "Freundschaft, oder wie man diese Merkwürdigkeit nennen will" (Bachmann, schon 1955) gehen bis an die Grenze des Peinlichen. Zum ersten Mal liest man die Zeugnisse der zweimaligen, zweimal verworfenen Heiratspläne der labilen Dichterin und des schwulen Komponisten. Wie er ihr einen Antrag macht und kleinlaut wieder zurückzieht, als sie schon die Papiere zusammensucht. Soll man, will man das lesen? Briefe einer Freundschaft hat Hans Höller die Edition dieses ersten Briefwechsels aus dem immer noch streng behüteten Nachlass der Bachmann genannt. Das klingt, angesichts der Abgründe, über die hinweg da korrespondiert wird, doch ein bisschen zu harmlos. Es geht um Abendkleider, um Schuppenshampoo, um die "horrende" "Abwesenheit von Dienstboten" (Henze, 1959, aus Neapel), es geht aber immer auch um die Möglichkeit von Liebe, bei Unmöglichkeit eines gemeinsamen Lebens. Erst durch die bewegten, bewegenden Konditionen und Konstellationen des Privaten wird das Werk sichtbar: die immer gesuchte, nie einfache Zusammenarbeit, von Bachmanns Szenario für Henzes Dostojewski-Ballett Monolog des Fürsten Myschkin 1952 über die Opern Der Prinz von Homburg (1958) bis zu Der junge Lord, 1964. Das unterscheidet diese Briefe von den großen Werkstattgesprächen der Musikgeschichte, Strauss/Hofmannsthal, Verdi/Boito: um "Technisches" geht es nur ganz am Rande, hier wird man, manchmal amüsiert, oft erschüttert, Zeuge einer seltenen Verschränkung von Leben und Werk. Deshalb soll man das lesen. Die Edition ist sorgfältig, die vielen (übersetzten) italienischen Briefe und reichlich eingestreuten italienisch-englisch-französischen Belege eines etwas angestrengt polyglotten Kosmopolitismus sind typographisch fein abgesetzt und in einem Anhang noch original nachzulesen, Hans Höllers Kommentar ist nützlich und natürlich nicht erschöpfend.

Schade, dass Antje Tumat für ihre wohl gleichzeitig entstandene Studie über "Ästhetik und Dramaturgie" in Henze/Bachmanns Kleist-Oper Der Prinz von Homburg Höllers Buch nicht benutzen konnte. Sie führt modellhaft vor, wie man literatur- und musikwissenschaftliche Erkenntnisse interdisziplinär produktiv machen kann, ja dass im Fall der hochreflektierten Zusammenarbeit von Dichterin und Komponist die Annäherung von zwei Seiten den Gegenstand überhaupt erst richtig fokussiert. Nachgerade "prototypisch" erscheint Tumat hier "die Vereinigung von Musik und Dichtung": "Henze ist die Vermittlung einer Sprachähnlichkeit der Musik eines der wichtigsten künstlerischen Anliegen, für Bachmann war die Musik das Medium, das die unzulängliche und ›verschuldete‹ Sprache retten konnte." Die Musik sei ihr "erster Ausdruck" gewesen, noch vor dem Schreiben habe sie das Komponieren begonnen, so Bachmann. Und Henze gibt zu Protokoll, der erste Akkord des Prinzen von Homburg stamme "richtiggehend aus der Feder von Frau Dr. Bachmann." Sie habe es immer noch "schärfer" gewollt, schneidender. Gerade, wo der wort-musikalische Vereinigungsprozess nicht reibungslos verläuft, wird die Geschichte spannend; am Ende gar ein wenig spekulativ, als es um den Sinn der letzten Worte des begnadigten Prinzen geht ("In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!"). Henze komponiert Kleists Schluss, nicht den der Bachmann, und das nicht ohne "Trara" - "Möglicherweise sollte das militaristische Ende die idealistische Utopie bewusst brechen", meint Tumat, wir wissen es auch nicht, aber jedenfalls geht die Frage aufs Wesentliche.

Reichlich Material fällt ab zu Bachmanns wie zu Henzes Mitteln und Methoden, Ästhetik und Arbeitsweisen an, weit über die Entstehungsgeschichte und Analyse der Homburg-Oper hinaus, so dass sich diese akribische Dissertation als stark erhellendes Komplement zur Briefedition liest. Und im Nachvollzug von Lieben und Werk dieses merkwürdigen Paars wird deutlich, wie fern sie ihrer Zeit sich fühlten, und wie sehr die beiden, in der exemplarisch verstandenen künstlerischen und politischen Auseinandersetzung mit ihrer Gegenwart, dieser zugleich Ausdruck verliehen.

Ingeborg Bachmann/Hans Werner Henze: Briefe einer Freundschaft. Herausgegeben von Hans Höller. Piper, München-Zürich 2004, 538 S., 24,90 EUR

Antje Tumat: Dichterin und Komponist. Ästhetik und Dramaturgie in Ingeborg Bachmanns und Hans Werner Henzes "Prinz von Homburg". Bärenreiter, Kassel-Basel 2004, 373 S., 39,95 EUR


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00:00 11.02.2005

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