Arbeiten für nichts

Griechenland Trotz eines leichten Wachstums sind Armut und Sorge überall greifbar

Auf den Marmorplatten des Syntagma-Platzes vereint sich Athen. Zur Diskussion, zur Demonstration, zum Streik. Und blickt, den Kopf in den Nacken gelegt, auf das Parlament. Der Regierungssitz selbst schaut starr in den Westen der Stadt. Dort, wo es den Anschein hat, als würde die restriktive Sparpolitik der letzten Jahre Früchte tragen. Nobelboutiquen und Restaurants öffnen ihre Pforten. Die Fußgängerzone ist gefüllt mit Menschen, die in der einen Hand eine Einkaufstasche und in der anderen einen Pappbecher mit Eiskaffee tragen. Abends werden die Schaufenster durch Rollläden verhüllt und davor Schlafsäcke ausgerollt.

Dominierte Griechenland bis vor zwei Jahren die Schlagzeilen hiesiger Zeitungen, wird mittlerweile wenig darüber berichtet. Es werde besser, heißt es. Doch die von Brüssel und Berlin auferlegte Sparpolitik zehrt weiter an den Kräften. Vor allem an der einstigen Mittelschicht. Laut Eurostat sind 35,6 Prozent der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Durch höhere Steuern und gekürzte Löhne bleibt für viele die Finanzierung des Alltags eine existenzielle Frage. Mancher lebt vom Ersparten oder vom Erlös aus dem Verkauf von Besitztümern. Aber auch diese Reserven schwinden. Das grobmaschige Netz des Sozialstaates fängt die Menschen nicht mehr auf, deswegen gehen einige von ihnen einen anderen Weg.

„Wir haben die linkeste Regierung in Europa, und nicht mal die ist links“, sagt Penelope. Sie demonstriert vor dem Sozialministerium gegen die erneute Kürzung der Renten. Vor gut zwei Jahren versprachen Alexis Tsipras und seine Linksallianz Syriza, man wolle Schluss machen mit der „Barbarei des Spardogmas“. Ihn beflügelte die Vision, das Milliardenloch in der Haushaltskasse, das seine Vorgänger hinterlassen hatten, zu versiegeln. Er versprach wieder mehr Sozialleistungen, angemessene Löhne und Renten. Als Tsipras Anfang 2015 bei vorgezogenen Parlamentswahlen den konservativen Antonis Samaras (Nea Dimokratia) ablöste, wurde er als Hoffnungsträger gefeiert. Knapp drei Jahre im Amt unter den EU-Auflagen haben auch ihn zermürbt und an Zuspruch verlieren lassen.

Penelope in Wut

Um sich einen Moment auszuruhen, hat sich Penelope in einer Seitenstraße auf eine Türschwelle gesetzt. Im weißen Haar der 62-Jährigen steckt eine Brille, die an einem Band hängt. Damit sie nicht auf den Boden fällt, wenn sie sich nach vorn beugt oder ein Polizist sie in Gewahrsam nimmt. Am Ende der Demonstration stehen Busse mit vergitterten Fenstern für einen eventuellen Abtransport ins Gefängnis.

Ab und an schlängeln sich junge Griechen an den Protestierenden vorbei, ohne ihnen groß Beachtung zu schenken. Blockaden und Streiks gehören so lange schon zum Alltag. Als Anstoß ihrer Protestkultur erinnern viele Griechen den 6. Dezember 2008, als ein Polizist dreimal auf Alexandros Grigoropoulos schoss, einen 15-Jährigen. Augenzeugen sprachen von gezieltem Mord nach einer verbalen Auseinandersetzung – die Behörden von verirrten Warnschüssen. Zehn Tage lang gingen Autonome, Rentner, Arbeitslose, Akademiker und Jugendliche auf die Straße, um sich gemeinsam gegen die Gewalt der Polizei zu wehren.

Die andauernde Krise sei schlecht für die Menschen, meint Penelope, aber gut für den Zusammenhalt. Mit dem Rücken lehnt die zierliche Dame an einer Eisentür, dem Nebeneingang einer Bank. Ein Mann in Anzug und Krawatte öffnet die Tür. Obwohl Penelope ihn bittet, abzuwarten, bis sie aufgestanden sei, schiebt er sie mit einer brüsken Bewegung beiseite. Sie schüttelt den Kopf. Auf der einen Straßenseite die Bank, auf der anderen das Sozialministerium. Penelope findet, genau hier sei sie richtig mit ihrer Wut, schließlich bekommen sie inzwischen nur noch halb so viel Rente wie bei Ausbruch der Verschuldungskrise 2010, derzeit knapp 800 Euro, die in zwei Jahren noch einmal um neun Prozent schrumpfen sollen. Mit dieser Pension wird nicht allein ihr Leben, sondern teils auch das ihrer Kinder und Enkel bestritten. „Wir müssen die nächste Kürzung verhindern“, sagt sie und reiht sich wieder ein in den Zug der über 60-Jährigen. In einer Hand ein Banner, in der anderen den Gehstock.

Die Familien sind enger zusammengerückt, emotional, vor allem räumlich. Eine Rente muss oft für einen Vier-Personen-Haushalt reichen, wenn weiterhin gut 22 Prozent der Griechen ohne Arbeit sind. Bei den jungen Erwachsenen liegt die Quote gar bei fast 43 Prozent. Ein Jahr kann Arbeitslosengeld bezogen werden, danach ist man auf sich allein gestellt. So etwas wie Sozialhilfe gibt es in Griechenland nicht. Wer einen Job hat, verdient oft nur drei Euro pro Stunde, weniger oder gar nichts.

„Es ist normal geworden, dass man die ersten Monate gratis arbeitet“, sagt Kelly Fanarioti. Danach sei freilich mitnichten garantiert, dass monatlich der Lohn überwiesen wird. Die 30-Jährige ist Journalistin, wuchs in der Stadt Agrinio im Westen Griechenlands auf und lebt seit zwölf Jahren in Athen. Als sie 2010 ihr Studium abschloss und auf eigenen Beinen stehen wollte, war der Arbeitsmarkt gerade zusammengebrochen. Ihre Miete sank, der Lohn auch. In ihren Texten schreibt Kelly über die Erfahrungen junger Erwachsener, die zu einer Zeit in das Arbeitsleben einsteigen wollten, als es deutlich weniger Stellenangebote gab. Kelly atmet tief durch, nimmt einen Schluck von ihrem Café frappé und rutscht an die Kante des Stuhls. „Ich bekomme so viele E-Mails von Jugendlichen, die an Selbstmord denken. Sie wissen einfach nicht mehr, wie sie ihr Leben finanzieren sollen.“ Besonders kurz vor dem Winter. Die Mehrheit der Haushalte habe keine Heizung oder nehme sie nicht in Anspruch wegen der Preise für Öl und Strom, sagt Kelly. Sie könne ihre Klimaanlage nutzen, um zu heizen. Doch reiche das kaum. An kalten Wintertagen trage sie zwei Pullover. „Meine Generation ist eine verlorene Generation.“ Sie werde dennoch in Griechenland bleiben, auch wenn viele ihrer Freunde dem Land bereits den Rücken gekehrt hätten.

Während sich ein Teil der Bevölkerung an den letzten Strohhalm klammert, geht der andere auf Shoppingtour auf dem Immobilienmarkt. Oft bleiben die erworbenen Häuser oder Apartments unbewohnt, aber die Menschen, die auf der Schwelle liegen und ohne Obdach leben, werden stetig mehr. Unter diesen Umständen ist die Hausbesetzer-Szene erstarkt, die leerstehende Gebäude für die Gestrandeten in Beschlag nimmt. Man agiert in kleinen Gruppen, die sich selbst verantworten und durch eigene Ressourcen unterhalten. Zwölf Häuser in Athen wurden als Unterkunft für Geflüchtete besetzt. Darunter das bekannte Hotel City Plaza. Andere Orte wurden zu Hospitälern, Zahnarztpraxen und Gemeinschaftsräumen. Eine autonome Gesundheitsversorgung ist essenziell, wenn die staatliche an ihre Grenzen stößt, öffentliche Krankenhäuser überfüllt und Ärzte überlastet sind. Auf die Frage, wo man am besten hingehe, wenn man krank werde, lautet die Antwort, dass man einfach nicht krank werden dürfe. Nach einem Jahr ohne Arbeit erlischt die Krankenversicherung. Wer dann zum Arzt geht, muss dafür selbst aufkommen.

Laborratte des Kapitalismus

So wie der 53-jährige Konstantinos: Vor acht Jahren büßte er Job und Wohnung ein, zog zu seiner Mutter, scannte Stellenangebote und kassierte vier Jahre lang Absagen. Bereits nach zwölf Monaten bekam er kein Arbeitslosengeld mehr. Also ging er auf den Markt und fragte die Händler, ob sie ihm nicht eine Tomate, Gurke oder Aubergine schenken könnten. Als Gegenleistung würde er sie zum gemeinsamen Mahl einladen – es kamen gut 60 Personen. Mittlerweile kocht Konstantinos in Athen für täglich fast anderthalbtausend Menschen, für Obdachlose und Nicht-Obdachlose, Griechen und Nicht-Griechen, Kinder und Zufallsgäste. Nur nicht für Faschisten, das seien keine Menschen.

„Es gibt immer einen Weg“, heißt es in griechischen Sprichwörtern. An dieser trügerischen Gewissheit hält sich mancher fest und verschleiert seine Not, sei es in der Gemeinschaft oder allein. Die Regierung hofft, dass der Staat ab August 2018 wieder auf eigenen Beinen steht, ohne Notgelder aus den Finanzfonds der Euro-Länder. Um dies zu erreichen, braucht es einen wirtschaftlichen Aufschwung und höhere Steuereinnahmen.

Fällt der Name Tsipras macht Konstantinos eine abfällige Bewegung mit der Hand und beginnt zu lachen, so dass seine Zähne hinter dem dichten Bart zum Vorschein kommen. Er glaube nicht daran, dass sich so schnell etwas ändert. Deswegen werde sein Projekt weiter gebraucht, finanziert durch Kleinspenden. „Wer etwas hat, der wirft ein paar Euro in die Sammelbüchse. Wem das nicht möglich ist, der darf trotzdem bleiben.“ Von NGOs hält er wenig, auch wenn ihm einige schon mehrfach Hilfe angeboten haben, doch will Konstantinos weder Spenden noch Auszeichnungen. Er handle nicht, um Anerkennung zu finden, sondern weil er keine andere Wahl habe. „Ohne mein Projekt bliebe mir nur ein Leben auf der Straße. Griechenland ist nun einmal eine Laborratte des Kapitalismus – eine, die fast schon gestorben ist.“

Vera Deleja-Hotko ist freie Autorin und hospitiert derzeit in der Freitag-Redaktion

06:00 27.12.2017

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