Arbeiter des Rock

Bruce Springsteen Revoluzzer und Patriot: Louis Masurs Buch “Bruce Springsteens Vision für Amerika”. Der amerikanische Musiker wurde vor kurzem 60 Jahre alt

“You work all day/ to blow them away in the night.”

“In unmittelbarer Beziehung mit einem Volke von Arbeitern, auf den Werkplätzen, in den Fabriken und Werkhäusern, in den Gärten, den “Kultuparks” habe ich Stunden einer tiefen Freude genießen dürfen. Unter diesen neuen Kameraden fühlte ich eine aufwallende Brüderlichkeit sich in mir entfalten, und das Herz ging mir weit auf.“
Diese Sätze, die André Gide „zurück aus Sowjetrussland“ in den dreißiger Jahren schrieb, markieren die spontane Sympathie, die Intellektuelle gegenüber der Arbeiterklasse, dem Proletariat im letzten Jahrhundert empfinden konnten. Zu solchen Emotionen sind auch amerikanische Professoren unserer Tage in der Lage. Das beweist das Buch des amerikanischen Historikers Louis P. Masur aus Hartford in Connecticut über Bruce Springsteens Vision von Amerika.

Der amerikanische Songwriter, der vor kurzem sechzig Jahre alt wurde, bekennt sich zu seiner proletarischen Herkunft bereits in seiner Kleidung. „Okay, wie sieht meine Verkleidung aus? Meine Verkleidung ist ein Arbeitshemd.“ Er fragt: „Warum? Ich hätte auch ein Paisleyhemd nehmen können oder eine Jacke mit Pailetten oder sonst was, aber ich habe mich für dieses Hemd entschieden. Und darüber schreibe ich auch, über die Sorte von Leuten, die ihr Leben lang großem Stress ausgesetzt sind.“

Man versteht die Empathie, die Masur für seinen Protagonisten aufbringt. Der Musiker aus New Jersey hat eine Vita hinter sich, die Respekt abnötigt, er hat eine Resonanz erfahren, die sich nur mit der der ganz Großen Elvis Presley oder Bob Dylan vergleichen lässt. Masur zeichnet den Werdegang des Sohnes eines trinkenden Busfahrers und einer warmherzigem Mutter aus katholischem, irisch-italienischen Milieu einprägsam nach. Wir sehen ihn bei der Arbeit an seinem „Masterpiece“ Born To Run - am Bandsound ebenso feilend wie an einzelnen Versen seiner Lyrics - als ginge es um Sein oder Nichtsein.

Es ist ein kluger Schachzug des Historikers Masur, nicht Born in the U.S.A, sondern das gar nicht so jazzferne Born To Run-Album zum Gegenstand seiner Betrachtungen zu machen. Das Album ist ein Meilenstein der Rockmusik. Wahrscheinlich hat es wirklich die Hoffnungen und Sehnsüchte einer ganzen Generation zum Ausdruck gebracht.

Jenseits des Glamrock

Gemeint ist die Jugend, die nach dem verlorenen Vietnamkrieg aufwuchs, nach Watergate und die Generation jener, die nicht mehr den mehr oder weniger naiven oder reflektierten Ikonen der 1960er Jahre nachhingen, die aber auf die Neugeburt der Rockmusik sehnsüchtig warteten – und zwar nicht des Glamrocks.

Masur ist kein Musikwissenschaftler. Er spürt auch nicht der Frage nach, die einmal der amerikanische Musikkritiker John Rockwell aufgeworfen hat, ob Springsteens Musik grundsätzlich schlicht und direkt bleibe, „auch wenn sie in ihrer Textur bis hin zu orchestraler Fülle reichen kann“. Von den Konzerten von Springsteens legendärer E-Street-Band berichtet er eher als Fan denn als Analytiker.

Damit erreicht er zwar nicht den spekulativen Glanz der besten Texte eines Greil Marcus oder die musikalische Kompetenz eines Richard Klein, der einer fundierten Analyse der Stimme in der Rockmusik den Weg geebnet hat. Die Stärke des Historikers wird eher sichtbar, wenn er die Konturen von Springsteens Amerika-Bild zeichnet.

Voller Expressivität sind die harten Abrechnungen des zornigen jungen Mannes aus New Jersey mit „seinem“ Land, das ihm früh das Gefühl vermittelt, nicht mehr jung zu sein: „So you’re scared and you’re thinking/ That maybe we ain’t that young anymore“ heißt es in dem Song Thunder Road.

1975 präsentiert uns der Songwriter und Elvis-Verehrer(„Elvis ist meine Religion“) ein Amerika voller Düsternis - die Orte von Verlorenheit, Ausweglosigkeit, die Totenstädte und urbanen Dschungellandschaften, in denen man nicht leben, aus denen man nur noch ausbrechen kann.

Asbury Parks

In der Post-Dylan-Ära hatte die Plattenfirma Columbia eine Chance gewittert, mit dem Chronisten der Musikszene von Asbury Parks in New Jersey viel Geld zu verdienen: 1973 erschien das Album: Greetings from Asbury Parks, N.J. Vollends gelang ihr das dann mit dem Album Born In The U.S.A, das zehn Jahre später erschien.

Zu dem Dilemma des ambitionierten Musikers gehörte es dabei, dass er viele Fans hat, die – so Masur – der konservativen Arbeiterklasse entstammen und zu den Republikanern tendieren. Es konnte passieren, dass ein Polizist bei einem Konzert ein T-Shirt mit einer amerikanischen Flagge trug, auf dem zu lesen war: „Bruce-Fan. Bush-Fan.“ Oder, noch peinlicher: Der selige Ronald Reagan äußerte 1984, auf dem Höhepunkt von Springsteens Popularität: „Die Zukunft Amerikas liegt in den Träumen in euren Herzen; sie liegt in der Hoffnung, die in den Songs ausgedrückt wird, die so viele junge Amerikaner bewundern: Sie stammen von Bruce Springsteen aus New Jersey. Und euch zu helfen, sie zu verwirklichen, das ist mein Job.“

Der genervte Springsteen hat alles daran gesetzt, solchen Missbrauch seiner Musik und Visionen zu verhindern. 1982 hatte er mit Nebraska ein Akustik-Album vorgelegt, das bar jeder Glorifizierung des American way of life ist und später John Steinbeck- und Pete Seeger-Adaptionen von einigem Rang veröffentlicht.

Springsteen machte sich für den Politikwechsel stark, unterstützte Obama. Dennoch ist das Missverstehen seiner konservativen Fans nicht einfach Stupidität. Selbst in seinem radikalen Entwurf von 1975 sagt Springsteens „tapferer Erzähler“ voraus, dass „wir“ an einen Ort kommen werden, wo es einen Platz für leidenschaftliche und wahre Liebe gibt, wo wir „in der Sonne spazieren gehen“.

Springsteens amerikanische Vision ist – so sah es der Musikkritiker Jon Pareles in der New York Times – populär wegen ihres „altmodischen, volksnahen Ansatz(es)“, der in Lucky Town (1992) in einen „Lobgesang auf die Familie, den Nestbau, die dauerhafte Liebe kulminiert“.

Ich bin nicht so

Springsteen, immer wieder von depressiven Rückschlägen heimgesucht, hat nach dem 9.11. 2001 seine religiös-spirituelle Ader neu entdeckt. Er ist auf seine Art eben doch ein Patriot, der vor wenigen Jahren noch sein Credo so formulierte: „Unser Land ist noch immer voller Möglichkeiten, aber es wird Zeit, dass wir ... die Versprechen einlösen ... – wirtschaftliche Gerechtigkeit, Bürgerrechte, Umweltschutz, Respekt für andere und Demut in der Ausübung unserer Macht zu Hause und überall auf der Welt.“ Amerika sei nicht immer im Recht, aber es sei immer aufrichtig, und „wenn wir unseren Grundsätzen treu bleiben, dann sind wir wirklich patriotisch.“

Masur hat schon recht, wenn er schreibt, der Rocker unter den Sängern und Songwritern habe etwas Altmodisches und Traditionelles an sich, etwas so Amerikanisches, dass es fast schon peinlich sei. Der Künstler selbst sagt, Dylan sei ein Revolutionär gewesen. Aber: „Ich bin nicht so.“ Dass es Springsteen nur zum „Revoluzzer unter den Rockstars“ gebracht hat, begründet Masur primär mit dessen Kindheitserfahrungen.

Der Jubilar konstatiert in sympathischer Bescheidenheit: „Ich sah mich selbst nicht als begabtes Genie. Ich war mehr der harte Arbeiter.“ John Lennon beschwor einst den Respekt vor dem Working Class Hero. Tatsächlich war er selbst nie ein solcher. Anders als der Erschaffer einiger melancholisch-übermütiger Arbeiterklassealben.

Born To Run. Bruce Springsteens Vision von Amerika. Louis P. Masur. Aus dem Amerikanischen von Yamin von Rauch. Rogner, Berlin 2009, 288 S., 19, 90 E

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