Arbeiterin und Modell

Ausstellung „Close-Up“ zeigt, wie Malerinnen und Fotografinnen die Kunst des Porträtierens seit 1870 weiterentwickelten

Was ist das für ein Porträt? Augen sind nicht erkennbar. Dafür sehr viel blaue Farbe und gefletschte Zähne zwischen rot geschminkten Lippen. Fast meint man, das Zischen zu hören, das durch die Zahnreihen entweicht. Teeth (2018) heißt das Werk der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas. Zu sehen ist es aktuell in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel.

Die Ausstellung Close-Up nimmt Porträts und Selbstporträts aus der weiblichen Perspektive von 1870 bis heute in den Blick. Sie präsentiert die Arbeiten von neun namhaften Künstlerinnen aus unterschiedlichen Epochen und Lebensrealitäten erstmals in einem gemeinsamen Kontext. Mit rund 100 Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen aus Europa, den USA und Mexiko ist es eine einzigartige Schau.

Patchwork-Persönlichkeit

Die Ausstellung beginnt an einem Zeitpunkt, zu dem es Künstlerinnen in Europa und Amerika erstmals möglich wurde, professionell tätig zu sein. Der erste Raum ist den beiden Impressionistinnen Berthe Morisot und Mary Cassatt gewidmet, die in den 1870er- und 1880er-Jahren in Paris tätig waren. Es folgt Paula Modersohn-Becker, die als eine der ersten Wegbereiter*innen der Moderne bezeichnet werden kann. Sie arbeitete zwischen 1900 und 1907 in der norddeutschen Provinz Worpswede und in Paris. Die von Lotte Laserstein gezeigten Bilder der Neuen Sachlichkeit wiederum entstanden im großstädtischen Berlin der Weimarer Republik. Von Frida Kahlo werden Arbeiten gezeigt, die ab den 1920ern bis in das Jahr 1950 hinein in Mexiko City entstanden. Alice Neel lebte und arbeitete zuerst in Kuba, bis Anfang der 1980er-Jahre dann in New York. Hinzu kommen drei zeitgenössische Künstlerinnen: Marlene Dumas, aufgewachsen in Südafrika in der Hochphase der Apartheid, die US-amerikanische Fotografin und Meisterin der Inszenierung Cindy Sherman sowie Elizabeth Peyton, die in den 1990ern mit ihren Starporträts bekannt wurde.

Nur zehn Werke der insgesamt 294 Figurenbilder von Berthe Morisot zeigen einen Mann. Ihre Porträts in luftigen Pastelltönen, mit denen die Ausstellung einsteigt, spielen sich weitestgehend in der häuslichen Sphäre ab. Der nächste Raum ist Morisots Zeitgenossin und Freundin Mary Cassatt gewidmet. Hier wird der weibliche Blick als künstlerische Ausnahmeerscheinung zu jener Zeit sichtbar: Cassatt macht die intime Zweisamkeit von Vater und Kind, statt wie sonst üblich von Mutter und Kind, zum Sujet. In Portrait of Alexander J. Cassatt and His Son zeigt die Malerin ihren Bruder zusammen mit seinem Sohn. Der Vater sitzt auf einem geblümten Sessel, eine Zeitung in der Hand, während sein Kind, auf der Armlehne posierend, den linken Arm um ihn legt. Die Ähnlichkeit der Gesichtszüge und der Frisur der beiden wird betont, indem Vater und Sohn – die Köpfe nah beieinander – in die gleiche Richtung schauen. Beide tragen schwarze Kleidung, so dass ihre Körperkonturen ineinander überzugehen scheinen.

Knapp 30 Jahre liegen zwischen den Werken der beiden Impressionistinnen und den gezeigten Werken von Paula Modersohn-Becker. Die Farben sind erdig und der Farbauftrag pastos. Ihr Blick auf den weiblichen Körper ist warmherzig. Das Selbstbildnis als Halbakt mit Bernsteinkette II von 1906 entstand ein Jahr vor ihrem Tod. Dabei zeigt sie sich vor blauem Hintergrund mit floralem Muster. Ihr offener Blick ist den Betrachtenden zugewandt. Kurz zuvor malte sie den wahrscheinlich ersten weiblichen Selbstakt der Kunstgeschichte.

Mit Lotte Laserstein entfernt sich der Blick von der häuslichen Umgebung. Sie zeigt modebewusste, emanzipierte Großstädterinnen. Laserstein verzichtete bewusst auf Ehe und Familie, um sich der Malerei zu widmen. Im Doppelporträt Ich und mein Modell von 1929/30 zeigt sie sich mit ihrem androgynen Modell Traute Rose. Die Malerin steht an der Leinwand, den Pinsel in der rechten Hand, und sieht die Betrachtenden mit festem Blick an. Sie trägt Arbeitskleidung. Ihr Modell steht hinter ihr. Eine Hand auf der Schulter der Malerin, schaut sie das Bild an, das im Entstehen ist. Laserstein zeigt sich als arbeitende Frau, die eine enge Beziehung mit ihrem Modell verbindet. An die Stelle der tradierten Dominanz des männlichen Malers über sein Modell tritt hier eine gleichberechtigte Beziehung zwischen zwei Frauen.

Frida Kahlo repräsentiert sich selbst nicht nur in der Darstellung ihres Gesichts oder ihres Körpers, sondern auch in Dingen oder Symbolen. Mi vestido cuelga ahí (Mein Kleid hängt dort) zeigt eines ihrer bunt bestickten Tehuana-Kleider, das mit einem Band befestigt an einem Klosett und einem goldenen Pokal hängt. Mittels ihrer Kleidung gestaltete sich Kahlo so eine eklektische Persönlichkeit als Patchwork.

Alice Neel wiederum versteht es, die wesentlichen Züge ihres Gegenübers mit wenigen Strichen in ein eindringliches Bild zu bannen. Dabei empfing sie ihre „Gäste“ meist in ihrer Harlemer Wohnung. Als feministisches Bildmanifest lässt sich Pregnant Woman lesen. Neel malt hier das Aktbildnis ihrer hochschwangeren Schwiegertochter Nancy, mit der sie eine enge Beziehung verband. Das Porträt zeigt eine selbstbewusst wirkende Frau. Ihr Blick ist offen und gleichzeitig bestimmt. Ihr Körper nimmt fast das gesamte Bild ein. In Linien deutet Neel ein Sofa an, auf dem Nancy liegt. Gelbe Farbe, die die Malerin um die Schwangere herum aufträgt, hebt den Körper noch eindrücklicher hervor. Von Neels Sohn, Nancys Mann, ist lediglich im Hintergrund der Kopf zu sehen. Die Rolle des Mannes, als angehender Vater und Sohn, bleibt hier passiv und beobachtend.

In der Sammlung Beyeler, die als Dauerausstellung in der Fondation gezeigt wird, sind von den in Close-up vertretenen Künstlerinnen bisher übrigens nur Werke von Marlene Dumas vertreten. Genaue Angaben dazu, mit welchem Prozentanteil weibliche Künstlerinnen in der Sammlung vertreten sind, kann Direktor Sam Keller nicht machen. Er bedauert lediglich: „Viel zu wenige.“ Es gibt Aufholbedarf.

In dem Dumas gewidmeten Saal beginnt ein neuer Abschnitt. Bis dahin hat einen der Ausstellungsrundgang mit Porträts als klassischer Form der Repräsentation konfrontiert, hier nun hat man es nicht mehr mit Abbildern zu tun. Und so fühlt man beim Anblick der entfesselten Gesichtszüge des eingangs beschrieben Werks Teeth fast eine Art Befreiung.

Die Künstlerin als „sie selbst“

Die Fotografien Cindy Shermans offenbaren das Porträt als Inszenierung. Auf allen Bildern ist die Künstlerin zu sehen, jedoch nie als „sie selbst“. Sie ist die weiße Leinwand oder das Medium, das durch Schminke, Perücken, Leder, Samt und Velours zur Pose einer überbetonten Weiblichkeit wird. Während wir meinen, Frida Kahlo in ihren Selbstporträts als „sie selbst“ erkennen zu können, da sie sich stets in ähnliche Weise, mit bunten Blumen im Haar und ausladenden Röcken, präsentiert, fragt man sich, ob ein Selbstporträt von Cindy Sherman als Cindy Sherman überhaupt möglich ist.

Elizabeth Peyton, 1965 in den USA geboren, schließt den Rundgang in einer Bezugnahme auf den Beginn der Ausstellung mit Morisot und Cassat. In ihren jüngsten Gemälden setzt sie die Gesichter aus impressionistisch anmutenden Farbflecken zusammen. Gegen ein Bild wie das ebenso gezeigte Kurt Sleeping von 1995 können diese neueren Bilder Peytons aber nicht bestehen. Das Porträt, das Peyton von Kurt Cobain malte, zeigt den Musiker mit geschlossenen Augen daliegend, neben ihm ein Buch. Vielleicht ist er beim Lesen eingeschlafen. Peyton knüpft hier an die Tradition figurativer Malerei an. Ihre Arbeiten schaffen dabei eine zeitgenössische Bildsprache, indem sie zwischen unpersönlicher Hochglanzfotografie und menschlicher Fragilität vermitteln. Zu gewollt und malerisch inkonsequent wirkt es dagegen, wenn sie wie in Kiss (Love) von 2020 das Bild in Cézannes Manier in Farbflecken anlegt, dann aber an markanten Stellen, wie den Augen, doch wieder klare Linien zieht. Ein Leuchten, das sie durch spiegelglatte Grundierung und lasierenden Farbauftrag erreicht, zieht sich jedoch durch all ihre Gemälde. Peyton malt nach Fotografien, Gemälden und auch nach dem Leben. Damit verwischt sie die Grenzen zwischen Malerei und Fotografie, Tod und Leben. Indem sie alle Weisen des Porträtierens verwendet, schafft sie eine Verbindungslinie zwischen allen Künstlerinnen in dieser Schau, die den Facettenreichtum des weiblichen Blicks im Porträt nachvollziehbar macht.

Info

Close-Up Fondation Beyeler, Riehen bei Basel, bis 2. Januar 2022

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