Ulrich Breitbach
03.09.2009 | 14:30 1

Arbeitskampf

1939 Vor 40 Jahren entlud sich in Deutschland die Unzufriedenheit der Arbeiter mit den Gewerkschaften in einer Welle spontaner Arbeitsniederlegungen in der Stahlindustrie

Zuerst sah alles nach einem zwar harten, aber doch auf den Betrieb begrenzten Konflikt aus. Seit Wochen verhandelte der Betriebsrat der zum Stahlkonzern Hoesch gehörenden Dortmunder Westfalenhütte um 20 Pfennig mehr Stundenlohn. Am 2. September 1969 sollte eine kleine Versammlung von Vertrauensleuten der IG Metall der Forderung Nachdruck verleihen, aber zur allgemeinen Überraschung strömten ihr Kollegen aus allen Abteilungen des Werkes zu. Bald standen die ersten Walzstraßen still. Gegen Mittag befand sich die komplette Frühschicht – 5.000 Mann – im spontanen Ausstand. Das Management hatte es nun sehr eilig, der Belegschaft entgegenzukommen. Aber zu spät: Im Bewusstsein ihrer Stärke forderte eine Streikversammlung jetzt 30 und drohte damit, 50 Pfennig zu verlangen, sollte ihrem Begehren nicht umgehend stattgegeben werden. Hunderte drangen in das Verwaltungsgebäude ein und machten mit ihren Helmen auf dem Treppengeländer einen Höllenlärm.

Nicht nur die Mittag- und die Nachtschicht der Westfalenhütte schlossen sich der Bewegung an, auch die Kollegen der Dortmunder Betriebe Union und Phoenix reihten sich ein. Binnen weniger Stunden befanden sich mehr als 20.000 Dortmunder Stahlarbeiter im Ausstand, aus eigenem Entschluss und ohne Aufruf höherer gewerkschaftlicher Instanzen. Am Vormittag des 3. September formierten sich aus den Werken heraus drei Demonstrationszüge, die sich in der Dortmunder Innenstadt trafen. 10.000 zogen von dort aus gemeinsam zur Hoesch-Hauptverwaltung. Ihre Parole: „Alle Räder stehen still, wenn der Arbeiter es will.“ Wenig später knickte die Konzernleitung ein, akzeptierte nicht nur die Anhebung der Stundenlöhne um 30 Pfennig ohne Wenn und Aber, sondern musste auch in die Bezahlung der Streikzeit einwilligen.

In den anderen Stahlbetrieben an Rhein und Ruhr machte die Nachricht vom Erfolg der Dortmunder rasch die Runde. Aus einem zunächst lokalen Ereignis wurde ein Flächenbrand. Noch am 3. September legten 1.300 Kollegen der Rheinstahl-Gießerei in Duisburg-Meiderich die Arbeit nieder, am Tag darauf 2.900 Mann der Friedrich-Wilhelm-Hütte in Mülheim/Ruhr. Es folgten am 5. September der Schalker Verein in Gelsenkirchen mit etwa 3.300 und die Mannesmann-Hüttenwerke in Duisburg-Huckingen mit 10.000 Beschäftigten. Bis zum 9. September verweigerte in der Stahl­industrie eine Belegschaft nach der anderen die Arbeit. Es folgten die Bergleute mehrerer Schachtanlagen des Ruhrgebietes und des Saarlandes, Kollegen der Metallverarbeitung und der Textilindustrie. Selbst der öffentliche Dienst trat mancherorts in den spontanen Ausstand. Überall ging es um deutliche Lohnerhöhungen. Und überall waren die Kollegen selbst, vor allem die gewerkschaftlichen Vertrauensleute, die Organisatoren dieser Massenaktion. Insgesamt wurden etwa 140.000 Streikende in 69 Betrieben zwischen Kiel und dem bayrischen Sulzbach-Rosenberg gezählt.

Dass sich im Spätsommer 1969 ein lokales Ereignis geradezu explosionsartig ausweitete, lag an den ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen. Die Gewerkschaften, obwohl vom Grundsatz her unabhängig und nur den Arbeitnehmerinteressen verpflichtet, hatten sich in eine Politik der seit 1966 regierenden Großen Koalition hineinziehen lassen. Zur Bekämpfung der Rezession der Jahre 1966/67 waren sie der so genannten Konzertierten Aktion beigetreten. Bei dieser institutionalisierten Zusammenarbeit von Regierung, Unternehmerverbänden und Arbeitnehmerorganisationen waren de facto Lohnleitlinien vorgegeben worden, an die sich die Gewerkschaften in den folgenden Tarifverhandlungen hielten. Das führte zu Reallohnverlusten und einem um mehr als zwei Prozent deutlich sinkenden Anteil der abhängig Beschäftigten am Volkseinkommen. Besonders zugespitzt war die Lage in der Stahlindustrie. Die bereits im Herbst 1967 wieder einsetzende Konjunktur hatte einen Stahlboom ausgelöst, die den Stahlkonzernen Gewinnsprünge von bis zu 20 Prozent bescherte. Vor diesem Hintergrund stieß die lohnpolitische Zurückhaltung in den Betrieben auf wachsenden Widerspruch, der sich schließlich in den spontanen Arbeitsniederlegungen des September 1969 entlud und in den meisten betroffenen Unternehmen bedeutende materielle Zugeständnisse der Kapitalseite erzwang.

Dass die Arbeitgebervertreter schäumten, konnte nicht erstaunen. Fritz Berg, Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), ließ sich gar zu der Äußerung hinreißen, man hätte „ruhig schießen sollen, dann herrscht wenigstens Ordnung“.

Bedenklich war der Umgang mancher Gewerkschaftsführung mit einer Bewegung, von der sie offensichtlich völlig überrascht worden war. Bis dahin hatte der deutsche Kollege im internationalen Vergleich als äußerst diszipliniert gegolten. Streiks ohne Anordnung von oben – das waren seltene Ausnahmen. Aber offensichtlich hatte der Geist der 68er auch in den Betrieben Einzug gehalten. Während die IG Metall der spontanen Erhebung zwar reserviert gegenüberstand, ihr aber wenigstens nicht entgegentrat, kam es vor allem im Ruhrbergbau zu heftigen Konfrontationen von Bergleuten und führenden Gewerkschaftsfunktionären.

Die IG Bergbau hatte kurz zuvor eine Lohnerhöhung von 3,50 Mark pro Mann und Schicht erzielt, für die Führung eines der besten Tarifergebnisse aller Zeiten. Die Bergarbeiter im Dortmunder Revier sahen das anders. Etwa 2.000 marschierten zum DGB-Haus, riefen „Glück auf, Glück auf, wir werden verkauft“ und bezeichneten den Bezirksleiter der Gewerkschaft als Verräter und Schieber. Die Gewerkschaftsführung trat den etwa 10.000 Streikenden ihrerseits mit einer brachialen Taktik entgegen. Sie drohte damit, die Streikenden und ihre Familien würden den knappschaftlichen Krankenversicherungsschutz verlieren, nahm den Zechenleitungen so die Drecksarbeit ab und erzwang schließlich die Wiederaufnahme der Arbeit.

Auch nach dem Abebben der Welle spontaner Arbeitsniederlegungen verfolgte die IG Bergbau einen harten Kurs der innergewerkschaftlichen Disziplinierung. Die IG Metall unternahm dagegen den Versuch, durch stärkere Einbeziehung der Vertrauensleute und regionaler Gewerkschaftsgliederungen in die Tarifpolitik positive Konsequenzen zu ziehen. Dennoch kam es im Boomjahr 1973 erneut zu einer Welle spontaner Arbeitsniederlegungen, nachdem sich die Gewerkschaften abermals auf Regierungspolitik, diesmal die der kleinen Koalition unter Willy Brandt verpflichtet und reduzierte Tarifforderungen aufgestellt hatten. Zahlreiche Belegschaften wollten nicht akzeptieren, dass ein Metalltarif-Abschluss von 8,5 Prozent durch eine Geldentwertung von acht Prozent zunichte gemacht wurde und verlangten Inflationsausgleich – in vielen Fällen erfolgreich.

Mit der Anfang der achtziger Jahre einsetzenden Massenarbeitslosigkeit und ihrer einschüchternden Wirkung sind spontane Streiks wieder zu vereinzelten Ereignissen geworden. Das Problem der Integration der Gewerkschaften in die Politik wechselnder Regierungen, sei es unter dem Etikett der Konzertierten Aktion, sei es im Namen eines Bündnisses für Arbeit, ist geblieben. Und mit ihm die Notwendigkeit, um die Bewahrung der gewerkschaftlichen Unabhängigkeit zu ringen.


Der Historiker und Journalist Ulrich Breitbach lebt und arbeitet im Ruhrgebiet. Sein besonderes Interesse gilt der Geschichte sozialer Bewegungen sowie sozialpolitischen Themen

Kommentare (1)

Calvin 04.09.2009 | 17:10

Ja,
damals hatten die Arbeiter, besonders die Stahlarbeiter noch (stahlharte) Eier in der Hose. Die wussten, dass man sich im Zweifelfall auf niemanden als auf sich selbst und seine Kollegen verlassen kann.

Beim Zustand der heutigen Gewerkschaftslandschaft, würde etwas mehr von dieser Streikkultur nicht schaden. Der Korporatismus ist Tod, die Gewerkschaften haben sich Tod Kooperiert, vertreten nur noch einen kleinen Teil (ca. 20 %) der Arbeiterschaft und sind drauf und dran, auch ihre letzte Legitimationsbasis zu verspielen.
Na dann, Prost!