Mohamed Elshahed
31.12.2011 | 10:00

Architektur der Besatzung

Urbanistik Die Militärregierung baut um den Tahrir Mauern, wie man sie sonst nur aus besetzten Kriegsgebieten kennt und errichtet sich damit ein Symbol des eigenen Versagens

Bevor die Amerikaner 2003 in den Irak einmarschierten und ihn anschließend besetzten, war die israelische Armee die einzige in der jüngeren Geschichte des Nahen Ostens, die über reiche Erfahrung auf dem Gebiet des Städtekampfes verfügte.  In den vergangenen Jahrzehnten hat sie ihre Methoden der Besatzung und Kontrolle dicht besiedelter Stadtgebiete immer weiter verfeinert. In der Geschichte fanden ihre Militärstrategen Vorbilder zur Verbesserung ihrer Vorgehensweisen vor allem in der französischen Besatzung Algeriens. Als die Amerikaner im Irak einmarschierten, wurden sie von israelischen Militärstrategen beraten. Man errichtete Mauern, die die Bevölkerung auf leicht zu kontrollierende Inseln verteilten und „strategische Interessen“ sichern sollten.

Besetzte Stadt

In den vergangenen Wochen wurden im Zentrum Kairos nach Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Soldaten insgesamt vier Mauern errichtet. Die Gegend um das Innenministerium und die Parlamentsgebäude erinnert immer mehr an eine besetzte Stadt: mit Stacheldraht blockierte Straßen, Betonmauern, von der Armee kontrollierte Checkpoints.

Im Falle Ägyptens handelt es sich natürlich nicht um die Besatzung durch ausländische Truppen und die Mauern stehen auch nur im Zentrum Kairos. Außerhalb des unmittelbaren Gebietes um den Tahrir-Platz und die Regierungsgebäude erinnert nichts an eine Besatzung und das sollte es auch nicht, schließlich wird das Land von keiner fremden Armee besetzt. Wenn man bedenkt, dass die ägyptischen Sicherheitskräfte von amerikanischen Sicherheitsexperten beraten werden, verwundert es auch nicht, dass sie solchen Methoden anwenden.

Auch wenn die Straßen Kairos vor den jüngsten Ereignissen noch nie durch drei Meter hohe Betonmauern versperrt wurden, sind Mauern im öffentlichen Raum der Stadt nichts Neues. Während auf Bildern aus den Sechzigern eine um Museen, Regierungsgebäude und Hotels herum von Absperrungen freie Stadt zu sehen ist, begann sich dies gegen Ende der Amtszeit von Präsident Sadat zu ändern. Etwa von 1977 an tauchten im Stadtbild immer mehr Mauern und Zäune auf. Die meisten von ihnen dienten dem Schutz von Einrichtungen, vor denen es öfter zu Protesten gegen die Politik der Regierung kam.

Anfang der Neunziger errichtete Mubaraks Regime als Reaktion auf die Proteste gegen seine Unterstützung der Invasion des Irak durch die Amerikaner neue Mauern, um den öffentlichen Raum besser beherrschen zu können. Die wichtigsten Plätze und Straßenkreuzungen Kairos wurden mit sperrigen grünen Zäunen versehen, die bis heute nicht entfernt wurden. Nach  9/11 und Ägyptens Entscheidung, die USA im „Krieg gegen den Terror“ zu unterstützen, wurde die Stadt von einer neuen Welle von Mauern überzogen. Jetzt wurden Regierungsgebäude, touristische Hauptattraktionen und Fünf-Sterne-Hotels bunkermäßig gesichert.

Gegen wen schützen?

Im Falle der Besatzung wie im Irak oder den palästinensischen Gebieten gibt es einen Grund für solche Sicherheitsmaßnahmen. Die Besatzer müssen sich gegen eine ihnen feindlich gesinnten Bevölkerung absichern. Im Falle Kairos war nicht klar, wen das Regime vor wem beschützen wollte. Eine einfache Erklärung liegt in der seit den 1970ern zunehmenden ökonomischen Ungleichheit und der wachsenden Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Ehemals allgemein zugängliche Gebäude wie Luxushotels mussten nun abgeschirmt werden, um die Wohlhabenden vor dem Rest der Bevölkerung zu beschützen.

Dieser Trend setzte sich über die Jahre hinweg fort und manifestierte sich in Form von sogenannten gated communities, in denen die Oberschicht sich von den weniger Privilegierten abschirmt, da sie diese als Bedrohung empfindet. Mauern wurden so zum räumlichen Ausdruck von Klassengesellschaft und sozialer Ungerechtigkeit.

Um Orte von strategischer Bedeutung wie bestimmte Botschaften wurden Absperrungen angebracht. Die Straße in Giza, in der die israelische Botschaft liegt, ist seit 20 Jahren quasi besetztes Territorium. Anwohner werden von Sicherheitspersonal überprüft, bevor sie ihre eigenen Häuser betreten dürfen, und müssen die Sicherheitsleute 24 Stunden im voraus informieren, wenn sie Besuch empfangen wollen. Vor den Botschaften der USA und Großbritanniens wird der Verkehr seit mehr als zehn Jahren durch fest installierte Absperrungen aus Eisen blockiert. Man stelle sich vor, ägyptische Botschaften würden in den Hauptverkehrsstraßen von London, Washington oder Tel Aviv ähnliche Sicherheitsvorkehrungen verlangen.

Die entscheidende Frage in Bezug auf all diese Mauern lautet: Wem gehört die Stadt? Es sollte den ägyptischen Bürgern möglich sein, jede Straße in ihrer Stadt entlangzugehen, ohne Kontrollpunkte passieren, Ausweise vorzeigen und Betonmauern umgehen zu müssen.

Auf beiden Seiten Ägyptern

Es handelt sich um eine Frage der Souveränität. Die jüngsten Mauern verdeutlichen noch einmal auf besorgniserregende Weise, was man schon vorher wusste: Anstatt das Recht aller Ägypter zu beschützen, sich in ihrer Hauptstadt frei bewegen zu können, geht es der ägyptischen Regierung um den Schutz der politischen und wirtschaftlichen Interessen einiger weniger. Solche Architekturen der Besatzung führen zu Situationen, in denen uniformierte Soldaten auf der einen Seite der Mauer stehen und die Massen auf der anderen.

Es handelt sich hier aber nicht um Bagdad oder Ost-Jerusalem. Hier stehen auf beiden Seiten der Mauer Ägypter. Die Machthaber hätten niemals zulassen dürfen, dass solche Mauern ihre Unfähigkeit offenbaren, eine gerechte Gesellschaft zu schaffen.
 

Der Text erschien zuerst im ''Egypt Independent

Übersetzung: Holger Hutt