Streit um Lindenau-Museum in Altenburg: Untenrum frei

Architektur Das Lindenau-Museum im thüringischen Altenburg soll umgebaut werden. Handelt es sich um eine notwendige Modernisierung oder um einen „entstellenden Radikalumbau“?
Die Treppe, die weg soll, gab es ursprünglich nicht: Links: das Museum um 1880; Mitte: Planungsstand Februar 2022; Rechts: Der Zustand seit 1910
Die Treppe, die weg soll, gab es ursprünglich nicht: Links: das Museum um 1880; Mitte: Planungsstand Februar 2022; Rechts: Der Zustand seit 1910

Fotocollage: der Freitag, Material: Lindenau-Museum Altenburg

Von den Kosten für Grundstück und Hausbau überforderte Großstädter weichen ins Umland aus – und eben in dem Maße kommen mittlere und kleine Städte in der Umgebung neu in den Blick. Aber sie müssen etwas zu bieten haben. Altenburg, die ehemalige Residenzstadt in Thüringen, zwischen Leipzig und Chemnitz gelegen, hat in den letzten 40 Jahren fast 40 Prozent ihrer Einwohner verloren. Um gegen diesen Trend anzukämpfen, will die Stadt alle kulturellen Werte, die sie besitzt, aufbieten. Dazu gehört neben dem Skatspiel, das hier seinen Ursprung hat, unbestritten das Lindenau-Museum. Zu Ausstellungen von Gerhard Altenbourg, Carlfriedrich Claus, Hartwig Ebersbach, Hans-Hendrik Grimmling, Walter Libuda und anderen zogen die Leipziger schon zu DDR-Zeiten in hellen Scharen vom Bahnhof aus die Wettiner Straße herunter auf das beeindruckende Gebäude des Lindenau-Museums zu. Gebaut worden war es nach dem Entwurf eines Altenburger Oberbauinspektors. Er war Schüler von Gottfried Semper und zeigte das auch. Imponierende Architektur zwischen Palastbau der italienischen Hochrenaissance und der von Semper erbauten Dresdner Gemäldegalerie. So kam ein Kleinod nach Altenburg: ein majestätischer Bau. Um den dreht sich jetzt der Streit.

Seit der Architekturkritiker Nikolaus Bernau Ende Januar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sein Veto gegen die Umbaupläne des Hauses – ihr Auftraggeber ist der Museumsdirektor – eingelegt hat, blicken Architekten und Architekturkritiker aus dem ganzen Land nach Thüringen. Die Architekturklasse der Sächsischen Akademie der Künste schickte eine Protestnote. Peter Schnürpel, der 2. Vorsitzende vom Freundeskreis des Lindenau-Museums, selbst Maler und Grafiker, ringt um die von seinem Amt geforderte Loyalität, zeigt aber wenig Begeisterung über die gefundene Lösung. Jutta Penndorf, die langjährige Vorgängerin des jetzigen Direktors, erinnert daran, dass sie ihren Nachfolger aufgefordert hat, für die Umbaupläne einen Beirat zu berufen: Mit Alleingängen kommen Sie in die Kritik! Seit ein Foto des Planungsstandes auftauchte, das ein der Stadt zugewandtes neues Untergeschoss zeigt, liegt reichlich Porzellan zerschlagen auf der Treppe zur Terrasse. Aber die Treppe soll ja schließlich weg.

Museumsdirektor Roland Krischke ist mehr als unglücklich. Für ihn kam das Foto zur Unzeit in die Öffentlichkeit. Weil er mit Geschick, viel Geduld und guten Argumenten 2018 immerhin 48 Millionen Euro für den Umbau bei Bund und Land eingeworben hat, hatte er anderes als Kritik erwartet. Krischke ist seit 2016 in Altenburg Museumsdirektor. Er hatte von Anfang an eine gewaltige Aufgabe vor sich: die Modernisierung des Hauses. In der Sache alternativlos. Will er mit den Meisterwerken der Renaissance, über die Altenburg verfügt, auch künftig mit internationalen Museen von Rang kooperieren, braucht sein Haus eine Klimaanlage. Das ist heute Standard im internationalen Leihverkehr. Außerdem bietet das Gebäude, architektonisches Kleinod hin oder her, keine Barrierefreiheit. Gleichzeitig ist die alte Eingangssituation nach dem Aufstieg über die 1910 angebaute und in den 1970er Jahren komplett erneuerte Treppe im Innern alles andere als ideal. Es kam einiges an Modernisierungsbedarf zusammen. Krischke legte einen Masterplan vor, dem er den wortgewaltigen Titel gab: „Der Leuchtturm an der Blauen Flut – Das Lindenau-Museum und die Altenburger Trümpfe“. Aber er weihte die Stadtgesellschaft nicht in die Umbaupläne ein, weshalb die Sache jetzt verfahren ist.

Architekturbüro Kummer Lubk Partner gewinnt Ausschreibung in Altenburg

Die Geschichte, die sich nach außen als kompromissloser Denkmalschutz versus Modernisierung lesen lässt, hat in ihrem tatsächlichen Verlauf einige Volten. Natürlich, sagt Krischke, haben wir das Projekt europaweit ausgeschrieben, aber nicht als Neubau, sondern als Modernisierung. Deshalb habe es auch keinen Architektenwettbewerb gegeben. Entwürfe namhafter Büros konnten sich nicht durchsetzen, sagt er. Der Zuschlag ging schließlich an das Erfurter Architekturbüro Kummer Lubk Partner, mit dem er schon in seiner Zeit in Gotha am Schloss Friedenstein zusammengearbeitet hatte. Dass es jetzt auch in Altenburg zum Zuge kommt, schmeckt nicht allen Kritikern.

Die Pläne zur Modernisierung sehen einen barrierefreien Eingang nicht von der Parkseite aus vor – dem stimmt der Denkmalschutz nicht zu – , sondern verlegten ihn zur Schauseite nach vorn. Das ist heikel, aber nach Kirschkes Worten unumgänglich. Durch den neuen Eingang wird die alte Treppe überflüssig und ein großzügiges Entree kann entstehen. Das dafür angedachte „Stadtgeschoss“ rief Befürworter und Kritiker auf den Plan.

Der Architekturkritiker Nikolaus Bernau schlug in der FAZ einen alarmistischen Ton an: „Millionen für bodenlosen Eingriff“, „dem Altenburger Lindenau-Museum droht ein entstellender Radikalumbau“, „der geplante Eingriff übersteigt bei Weitem alles, was historistischen Bauten selbst weit geringerer Qualität heutzutage noch zugemutet wird“. Bernau schloss in seine Kritik indirekt auch die Geldgeber von Bund und Land und die das Projekt befürwortende Landesdenkmalpflege ein, denn er sieht sie als mitverantwortlich, am Ende „ein herausragendes Denkmal der deutschen Museums- und der Museumsarchitekturgeschichte schwer zu beschädigen“.

Sächsische Akademie der Künste schließt sich Protest gegen Umbau des Lindenau-Museums an

Diese Empörung kommt von einem angesehenen Architekturkritiker, dem der alte Bau heilig ist, der sich allerdings der Frage nach der Funktionalität des Museumsgebäudes entzieht. Die Sächsische Akademie der Künste schließt sich den kritischen Stimmen mit einer Protestresolution ihrer Klasse Baukunst an. Sie beklagt die Abweichung von heutigen architektonischen und denkmalpflegerischen Standards und spricht im Falle der Ausführung des Plans von der Beschädigung des Gebäudes. Auch das Stadtforum Altenburg für Denkmalschutz und Stadtentwicklung, das nach dem Leitspruch wirkt: „Altenburg ist Architektur, Geschichte und Kultur“, beklagt den Fassadenentwurf, aber noch viel mehr die Haltung der Fördermittelgeber und Planer, die die Öffentlichkeit viel zu lange aus der Debatte herauszuhalten versuchten.

Spannend ist der Gedanke, der sich in der Resolution der Akademie findet: Die Pläne für Altenburg zeugten „von einem grundsätzlichen Unverständnis für die architektonischen Anforderungen eines solchen Bauwerks“. Roland Krischke hält mit dem Funktionsanspruch dagegen. Er braucht ein zeitgemäßes Museum: barrierefrei, mit Klimaanlage vom neuesten Standard, möglichst mit Platzgewinn für zusätzliche Ausstellungsfläche und Platz für die hauseigene Kunstschule. Der andere Weg wäre, sagt er mit einem letzten Aufgebot an Ironie: das Haus in ein Seniorenstift umzuwandeln und mit dem Neubau eines technisch modernen Museums an anderem Ort zu beginnen.

Die Resolution der Architekten gibt sich kompromisslos, wenn sie formuliert, dass das Projekt „einer antihistoristischen Haltung verhaftet“ sei, „wonach man derartigen Bauwerken mit Kontrast und Verfremdung entgegentreten müsse“. Das sei seit Langem überholtes Denken, heißt es mit striktem Autoritätsanspruch. Ist das so? Was ist mit David Chipperfields James-Simon-Galerie an der Berliner Museumsinsel und was ist mit dem modernen Pei-Bau am Deutschen Historischen Museum und was mit dem in den Geschmack manches Wieners stechenden „Flügel“ von Hans Hollein an der Albertina? Es gibt immer Gelungenes und solches, was erst ein, zwei Generationen später als gelungen gilt – oder gar nicht.

Gibt es einen dritten Weg?

Altenburg reiht sich ein in andere Fälle, die die Frage stellen: Wollen wir wirklich um alle Gebäude, die älter als hundert Jahre sind, eine Kordel spannen, die eine moderne Anpassung an neue Funktionen verbietet? Hat ein Museum ein Museum zu bleiben, innen für die Kunst, außen für die Architektur? Wäre alles andere „bodenloser Eingriff“ oder „entstellender Radikalumbau“?

Wohl kaum. Die Kunst der Demokratie ist der Kompromiss. Aber wie ihn schließen, wo doch die Kontroverse zwischen reiner Denkmallehre und Funktionalität am Ende eine unauflösbare Weltanschauungsfrage ist. Krischke fügt an: Davor hätte uns auch kein Beirat gerettet.

Er zeigt sich kompromissbereit: Am 9. April wird es im Landratsamt von Altenburg ein Expertengespräch über den vorliegenden Planungsstand geben. Unabhängige Architektur-Fachleute und Vertreter der Altenburger Stadtgesellschaft werden dann diskutieren, ob es einen dritten Weg gibt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare