Ariadnefaden

Lust Das 12. Internationale Literaturfestival in Leukerbad

Die Schwerkraft der Literatur ist auf 1411 Meter Höhe so gut wie aufgehoben. Überwältigt von einer paradiesischen Natur und besänftigt von diversen Wellness-Behaglichkeiten, lässt sich in der Walliser Bergwelt kaum ernsthaft der Nutzwert der Poesie diskutieren. Da flanieren glücklich wirkende Menschen in weißen Bademänteln über den Leukerbader Dorfplatz - und man weiß nicht, ob sie eine nachhaltige Wasser-Massage oder eine Lesung im Alten Bad St. Laurent hinter sich haben. Da vermischen sich die intellektuellen Exerzitien der Schriftsteller mit dem Aroma von Entspannungstherapien - und dennoch, das ist das kleine Wunder, gelingen dem Leukerbader Literaturfestival immer wieder poetische Ereignisse jenseits der Routinen.

Zehn Jahre lang hatte der Zürcher Verleger und literarische Enthusiast Ricco Bilger das Festival geleitet, bis er im vergangenen Jahr die Verantwortung an den Berner Impresario Hans Ruprecht abgab, der jetzt gemeinsam mit Dora Kapusta neue Akzente gesetzt hat. So gab nun das neue Leukerbad-Team Alexander Kluge und Durs Grünbein die Gelegenheit, in einem assoziativ verwinkelten Gespräch über das Leistungsvermögen der Poesie ein intellektuelles Feuerwerk zu zünden. Dabei überraschte der leichthändige Optimismus, mit dem Kluge die Poeten zu "Partisanen des Ausdrucksvermögens" stilisierte, während Grünbein den Part des Skeptikers übernahm. Wer im besonnten Pavillon des Regina Therme Hotels genauer hinhörte, vernahm auch einige feinsinnige poetologische Befunde Grünbeins in eigener Sache. Mit dem Hinweis auf das verloren gegangene Bewusstsein für die Grösse eines "klassischen Verses" benannte der stolze Antike-Adept Grünbein die Kurzatmigkeit der derzeitigen Lyrikdebatte.

Aber wo waren sie in Leukerbad zu finden, die Gedichte und Erzählungen, die als "Ariadnefaden durchs Dunkel der Aporien" (Grünbein) führen? Zuallererst in den geschichtlichen Meditationen des großen amerikanischen Realisten Charles Simic, der in seinen Gedichten die Desillusionierungen des alltäglichen Großstadtlebens mit den falschen Prophetien der Metaphysik konfrontiert. Sehr viel Weltaneigungsgeschick und formale Könnerschaft beim Durchqueren unterschiedlichster Ausdrucks- und Wissenswelten bewies auch die Berliner Lyrikerin Monika Rinck. Eine ganz andere, stets ins Elegische weisende Tonlage wählte José Oliver, der im Schwarzwald lebende Dichter andalusischer Herkunft. Ob er nun seine Vorbilder Federico Garcia Lorca und Antonio Machado interpretierte, in kleinen Essays die Geschichte seiner spanischen Vorfahren beschwor oder in mitternächtlicher Runde in der Hotelbar ein spanisches Sehnsuchtslied improvisierte - José Oliver blieb auf das Elegische abonniert, bis hin zur sentimentalen Herzensergießung. Aber auch andalusische Melancholie wird durch Überinstrumentierung monoton.

Die Prosaisten übten sich dagegen in der Kunst, die Liebe als Passion zu beschreiben. Arnold Stadler rekonstruierte die "Rauschzeit" seiner Romanhelden aus "Schwäbisch-Mesopotamien" und Robert Menasse zelebrierte in kaum überbietbarer Koketterie die Buchpremiere seines in Kürze erscheinenden Romans Don Juan de la Mancha oder die Erziehung der Lust. Menasses episches Balancieren zwischen pornografischer Drastik, Komik und Kalauer entpuppte sich als Dokument eines hochgradigen Narzissmus.

Das faszinierendste Stück Prosa präsentierte aber der Schweizer Michel Mettler, dessen enzyklopädischer Arzt- und Mundhöhlen-Roman Die Spange im vergangenen Jahr für einiges Aufsehen gesorgt hatte. In Leukerbad las Mettler aus einem noch unvollendeten Prosatext, dessen Ich-Erzähler uns in eine ziemlich menschenleere Welt aus winkelig verzweigten Röhrensystemen lockt, in der etwas Entsetzliches geschehen sein muss.

Für einen Augenblick verloren die gut gelaunten Leukerbader Literaturmenschen dann doch noch die Fassung. Nach der obligatorischen Wanderung durch die Dalaschlucht, vorbei an tosenden Wasserfällen und über schwankende Metallleitern, überraschte Arnold Stadler auf einer Blumenwiese die Wanderer mit zwei Liedern aus dem biblischen Buch der Psalmen. Ein Hymnus auf die Schöpfungsherrlichkeit, verbunden mit einem Gotteslob - da stockte den auf säkulare Erkenntnisse geeichten Literaturmenschen doch der Atem. Das sind die Momente, die dieses Festival unverzichtbar machen.


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00:00 06.07.2007

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