Arm ist nicht sexy

Expats Wie eine queere schwarze Influencerin aus den USA auf Bali in einen Shitstorm geriet – und dann reflexhaft verteidigt wurde

Sie können einem eigentlich leidtun: Vor blitzenden Kameras der indonesischen Presse schreiten die US-amerikanische Influencerin Kristen Gray und ihre Lebensgefährtin zur Befragung der Einwanderungsbehörde, eskortiert werden sie von ihrem Anwalt. Diese Geschichte nimmt für sie ein schlechtes Ende – ironischerweise beginnt sie mit einem Twitter-Thread, in dem Gray berichtet, wie sie auf Bali endlich ihr persönliches Glück gefunden hat.

In diesem Thread schreibt sie von einem 400-Dollar-Haus, das sie nun statt eines 1.300-Dollar-Apartments in Los Angeles bezieht. Vom „luxurious“ und „elevated lifestyle“ ist die Rede, den sie sich als sogenannter Digital Nomad bei niedrigeren Kosten auf Bali leisten kann. Sie erzählt, wie sie eine Auszeit von der belastenden Stimmung in den Vereinigten Staaten nehmen und ihre Zeit auf der tropischen Insel im Indischen Ozean für „healing“ nutzen konnte – „Honestly y’all, 2020 was the best year for me“.

Später erzählt Gray jedoch, dass sie ihren ursprünglichen Plan, sechs Monate zu bleiben, aufgrund der Pandemie über Bord geworfen und stattdessen entschieden habe, dauerhaft im Land zu bleiben – mittlerweile wohnt sie seit über einem Jahr auf der indonesischen Insel. Diese Aussage erregte Aufsehen, da sie so verstanden werden konnte, dass sich Gray ohne korrektes Visum und Arbeitserlaubnis in Indonesien aufhält – so wie die meisten Digital Nomads auf Bali. Dass sie keine Steuern zahlt, bestätigte ihre Freundin in einem späteren Tweet selbst, mit dem Hinweis, sie werde ja schließlich für ihre Arbeit in US-Dollar bezahlt und nicht in der Landeswährung Rupiah.

Super-Individualismus

Zu allem Überfluss beendet sie den Thread damit, ein E-Book zu bewerben, in dem sie ihren Followern Tipps gibt, wie auch ihnen der Absprung nach Bali glücken kann – inklusive Links zu ihren Visa-Beratern, mithilfe derer sie die Covid-bedingt geschlossenen Grenzen umgehen können. Bali is yours! heißt das Buch und ist für 30 Dollar zu haben.

Über Nacht entstand im indonesischen Twitter ein Lauffeuer, das in einem Flächenbrand endete. Die erste Euphorie Grays darüber, dass ihr Thread viral ging, verflog schnell – Tausende Tweets, meist von indonesische UserInnen, flogen ein, in denen ihr Wut und Hass entgegenschlugen.

Gray kann einem leidtun, denn sie bekommt den Unmut ab, den viele Indonesier gegenüber einer neuen Klasse westlicher Immigranten verspüren: In jenen Expats manifestiert sich eine globale Ungleichheit, die leider oft einhergeht mit einer gewissen Ignoranz gegenüber dem neuen Heimatland, das als Kulisse für den eigenen Lifestyle herhalten muss.

Die tiefe wirtschaftliche Kluft, die sich zwischen Einheimischen und Expats auftut, ist der Grund, dass indonesische User-Innen wütend sind. Auf Bali beträgt der gesetzliche Mindestlohn 145 Euro im Monat. Mit viel mehr können die meisten Servicearbeiter in Cafés oder Co-Working-Spaces nicht rechnen. Das Geld reicht gerade so, um Essen und Wohnraum zu bezahlen.

Westliche Immigranten, denen sie den Kaffee servieren, beziehen meist ein Zehnfaches. Hinzu kommt, dass sie aufgrund fehlender Arbeitserlaubnis im Gegensatz zu den Einheimischen in Indonesien keine Steuern zahlen – obwohl sie teilweise jahrelang am selben Ort wohnen. Kurzfristiges Aus- und erneutes Wiedereinreisen ermöglichen es, ein Touristenvisum immer wieder zu verlängern.

Und dann noch das extrem individualistische Selbstverständnis dieser Form von Immigration: Es geht nicht darum, sich einem neuen Ort und seinen Einwohnern zu öffnen, um Wurzeln zu schlagen – eher darum, bei minimaler bis keiner Anteilnahme seine ökonomischen Privilegien in vollen Zügen zu nutzen, Self-care, Self-healing und sonstige Selbstfindung inklusive.

Dementsprechend lernt man auch kein Indonesisch, das über Hallo, Danke und Kaffeebestellen hinausgeht – eher sind es Balinesen, die immer fitter sein müssen im Englischen –, und bleibt in seiner Expat-Community unter sich.

Das ist natürlich alles nichts Neues, es existiert in ähnlicher Form auch in Berlin oder Budapest. Vor dem Hintergrund des extremen ökonomischen Vorteils und der damit verbundenen Macht, die einem ein westliches Gehalt in einem Entwicklungsland verleiht, kommt es aber umso elitärer daher. So wurde Gray in den auf sie einprasselnden Tweets mitunter auch als Neo-Kolonialistin bezeichnet.

Im Vergleich zur lokalen Bevölkerung sind diese Expats dermaßen privilegiert, dass es einen anschreit. Diese Privilegien selbstgefällig im Internet zur Schau zu stellen, dabei vermeintlich ohne korrektes Visum im Land zu sein, keine Steuern zu zahlen und obendrein andere zu ermutigen, es ihnen während einer Pandemie gleichzutun, bringt verständlicherweise das Blut vieler in Indonesien in Wallung.

Das sollte einleuchten – will man meinen. Der Clou der Geschichte: Kristen Gray und ihre Freundin sind nicht nur queer, sondern auch Schwarz. Das hatte Folgen: Statt aufgrund der berechtigten Kritik einzulenken, eilten US-amerikanische UserInnen Gray im Zuge des mittlerweile viralen Tweets zu Hilfe und konterten mit dem Gegenvorwurf, die Anfeindungen seien rassistisch. Das befeuerte den Shitstorm natürlich nur umso mehr.

„This is all about anti-Black hatred“, kommentiert zum Beispiel Tariq Nasheed, eine US-amerikanische Social-Media-Persönlichkeit mit 260.000 Followern. In seinem Tweet weist er auf die Behandlung der Papua in Indonesien hin. Die melanesische Minderheit ist oft Opfer rassistischer Diskriminierung und wird in den eigenen Provinzen teils blutig unterdrückt. Ein legitimer Hinweis, denn die Situation der Papua ist eine traurige Mahnung an den Rassismus, der auch im multiethnischen Indonesien existiert – was sich leider auch an einigen rassistischen Tweets indonesischer UserInnen ablesen lies.

Der Hinweis ist also legitim, aber in dieser Diskussion auch irreführend: Die Situation um Kristen Gray nur durch eine ethnische Linse zu betrachten, führt zu einer Fehlanalyse, die offensichtlich sein sollte. Leider ist es aber gerade auf Twitter gängig, reflexartig die Partei der Person zu ergreifen, die auf einer imaginären Intersektionalitätsskala am vermeintlich schlechtesten abschneidet.

Das Konzept der Intersektionalität wurde von der US-amerikanischen Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw geprägt und soll als Werkzeug dienen, um die multiplen Achsen der sozialen Benachteiligung in ihrer Kombination denken zu können. Es erfreut sich besonders unter jungen Menschen großer Popularität, sodass sich von einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen sprechen lässt.

Der blinde Fleck der Klasse

Explizit beinhaltet das Konzept neben Gender und Race auch Klasse. Fakt ist aber, dass diese Kategorie besonders gerne vernachlässigt wird, während andere, die nicht an Kapital gebunden sind, den Diskurs bestimmen. Ohnehin wird die starre Logik, dass ein jeder seine intersektionale Identität quasi in alle Situationen mit hineinträgt und aufgrund ihrer wahrgenommen und bewertet wird, kaum der Komplexität sozialer Realität gerecht. Welche soziale Kategorie wann relevant wird, ist variabel und hängt stark vom Kontext ab.

Eine queere Afroamerikanerin befindet sich jedoch, folgt man diesem Denkstil, auf der Privilegienleiter besonders weit unten und muss um jeden Preis verteidigt werden. Das lässt die ökonomischen Realitäten völlig außen vor und folgt dazu der gängigen Praxis, Prämissen der US-amerikanischen Gesellschaft wie selbstverständlich auf jeden anderen Kontext zu übertragen. Im Falle von Kristen Gray wird das ad absurdum geführt. Dass Klasse gern vernachlässigt wird, ist kein Zufall, sondern kulturell bedingt. Die Affirmation sowie das Thematisieren der Diskriminierung aller möglichen „marginalisierten Identitäten“, bezogen auf Ethnie, Geschlecht, Sexualität etc. – mit der großen Ausnahme der Klasse –, finden in westlichen Gesellschaften Anklang und sind allgegenwärtig, egal wie subversiv sich Akteure auch geben. Besonders gut lässt sich das am Beispiel sogenannter Woke Advertisements verdeutlichen: Multinationale Unternehmen behandeln in ihren Werbefilmen gesellschaftliche Probleme wie Rassismus oder Sexismus und repräsentieren gezielt ethnische Minderheiten oder LGBTIQ. Wenn Firmen wie Nike millionenschwere Werbekampagnen solchen Inhalts finanzieren und sich daraus Wachstum versprechen, wird klar, wie der Hase läuft.

Instagram-Userinnen, die intersektionale Identitäten wie „Queer BIPOC“ (Black, Indigenous, Person of Colour) in ihre Bio schreiben, mögen sich besonders edgy fühlen, die Diskurse, die dies unterfüttern, sind aber längst kommerzialisiert. Hinzu kommt, dass man so dem Imperativ gerecht wird, möglichst einzigartig zu sein.

Die Benachteiligung aufgrund von Klassenzugehörigkeit kann aus offensichtlichen Gründen nicht kommerzialisiert werden und fristet daher aufmerksamkeitsökonomisch gesehen weiterhin ein Randdasein. Dass man arm ist oder zur Unterschicht gehört, wird sich keiner in die Bio schreiben, vor allem nicht in den Vereinigten Staaten, dem Herkunftsland dieses kulturellen Shifts, auch Wokeness genannt. Dieser geht eine wunderbare Symbiose mit dem Kapitalismus ein, weswegen es auch beispielsweise nur stimmig ist, wenn das KaDeWe Werbung mit eine*r Journalist*in wie Hengameh Yaghoobifarah macht.

Gray und ihre Freundin sind US-amerikanische Staatsbürger und beziehen US-amerikanische Gehälter. Sie sprechen Englisch, verkörpern den Individualismus der westlichen Gesellschaften – und ziehen in ein Land, in dem trotz wirtschaftlichen Booms Millionen von Menschen in krasser Armut leben. So kann es eben passieren, dass auch ein Schwarzes lesbisches Paar als neuer Kolonialherr wahrgenommen wird. Ihr privilegierter Status als Bürger eines westlichen Industriestaats war für den Shitstorm ausschlaggebend, nicht ihre Hautfarbe oder Sexualität.

Eigentlich haben sie nur dasselbe gemacht wie Tausende andere Expats auch. Ihr Fehler war, das der ganzen Welt mitteilen zu wollen und ein Business daraus zu machen. Es erinnert an den Fall einer weißen britischen Touristin, die sich in Nepal über das eine Pfund beschwerte, das sie für ihre Tasse Tee zahlen musste, mit der Begründung, sie bekäme ihn sonst billiger. Für ihre Dreistigkeit wurde sie von der Wirtin einen Wanderweg entlanggejagt.

Die Rage, die Gray zu spüren bekam, war eine ähnliche. Nur anders als bei der US-Amerikanerin auf Bali fällt es im Fall der Britin niemandem schwer, die Wut der Nepalesin zu begreifen. Im Kapitalismus sollte eigentlich klar sein, dass in erster Linie der ökonomische Status über Privilegien und Benachteiligung entscheidet.

Gray selbst scheint es indes nicht begriffen zu haben. Ihre Worte an die indonesische Presse, bevor sie zusammen mit ihrer Freundin des Landes verwiesen wurde: „I am being deportet because of LGBT (sic!).“

Nikita Vaillant ist freier Journalist. Wie privilegiert man als westlicher Mensch ist, hat er bei Familienbesuchen in Indonesien am eigenen Leib erfahren

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06:00 16.02.2021

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