Arme Bilder

Ausstellung Florian Ebner kuratiert kommendes Jahr den deutschen Pavillon in Venedig. Zur Einstimmung klärt er in Essen noch ein paar fotografische Missverständisse auf
Yvonne Bialek | Ausgabe 29/2014

Fotografie – gibt es da überhaupt etwas falsch zu verstehen? Florian Ebner jedenfalls ist dieser Ansicht. (Mis)Understanding Photography lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Museum Folkwang in Essen. Ebner, Jahrgang 1970 und gebürtiger Regensburger, leitet seit 2012 die fotografische Sammlung des Hauses. Im kommenden Sommer wird er den Deutschen Pavillon auf der wichtigsten internationalen Kunstschau, der Biennale in Venedig kuratieren. Dreimal ist der Pavillon in der Vergangenheit mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden, zuletzt 2011, als dort postum Werke von Christoph Schlingensief zu sehen waren. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an jeden Kurator, dem diese Aufgabe zuteil wird. Bislang ist Florian Ebner allerdings nicht viel mehr zu entlocken, als dass es bei ihm in Venedig um „die Gegenwart der Bilder“ gehen wird.

Die aktuelle Ausstellung in Essen lässt sich da als Präludium lesen, denn Ebner geht mit ihr den vielfachen Wandlungen unseres Verständnisses von Fotografie seit ihrer Erfindung vor rund 175 Jahren nach. Im Fokus stehen dabei medienreflexive Ansätze – also jene künstlerischen Werke, die das Medium Fotografie befragen, indem sie es verwenden. Die Urväter Louis Daguerre, Joseph Niépce und William Talbot sind nicht als Autoren, sondern als Geister anwesend, etwa in Sylvia Ballhaus’ Münchner Daguerre-Triptychon: Es zeigt den ersten fotografierten Menschen! Zu erkennen ist allerdings nichts mehr, denn die von ihr abgelichtete Fotoplatte aus den Kindheitstagen des Mediums hat aufgrund von Umwelteinflüssen ihren Inhalt verloren. Dass der erste Fotografierte sich im Bild die Stiefel putzen lässt, wissen wir nur aufgrund von Reproduktionen, die entstanden, bevor das Bild verschwand.

Eindrücklich schildert auch ein ganzer Raum mit Werken von Wolfgang Tillmans aus unterschiedlichen Schaffensperioden, was Fotografie sein kann. Von überbelichteten Personenporträts über skulptural behandelte Fotopapiere in Plexiglasrahmen zu großen abstrakten Formaten, die an Malerei erinnern, werden hier unterschiedliche Definitionen von Fotografie nebeneinander gezeigt.

Im Grunde trägerlos

Sie alle entstammen der Hand eines Künstlers, nein – diese Bezeichnung kann man bei der Fotografie nicht anwenden –, sie alle entstammen dem Kopf eines Künstlers und seinem facettenreichen Verständnis vom Wesen der Fotografie. Die Herstellung der Werke jedoch überließ er unterschiedlichen Maschinen, was Tillmans nicht weniger zum Künstler macht.

Ob Fotografie nun Kunst sei oder nicht, darüber hat es in ihrer Geschichte eine lange Diskussion gegeben. Davon zeugt die zweite Sektion der Ausstellung, in der die Gedanken der Bildautoren in Form von Manifesten zugänglich werden. Von Alfred Stieglitz und August Sander bis Martha Rosler und Hito Steyerl kommen hier Produzenten unterschiedlicher Epochen und Lager zu Wort. Hito Steyerls Text In Defense of the Poor Image beispielsweise verteidigt das digitale „arme Bild“ – das schlecht aufgelöste, immaterielle Foto ohne eigentlichen Bildträger – als das authentische Abbild unserer Realität.

Diese These macht Viktoria Binschtoks Serie Globen/Globes anschaulich. 2002 sammelte sie Screenshots von Weltkugeln, die auf Online-Plattformen zum Verkauf standen. Neben dem Produkt zeigten diese Bilder erstmals auch Ausschnitte von privaten Wohnräumen, in denen die Globen für das Bild inszeniert waren. Der Entstehungszeitpunkt dieser Fotos markiert den Übergang zur massenhaften digitalen Bildverbreitung im Netz. Private Fotos, die wir bis dahin nur als Abzüge und von Angesicht zu Angesicht teilen konnten, wurden öffentlich, das Internet zum Ausstellungsraum des Privaten, ohne dass wir die Folgen heute tatsächlich ermessen können.

Doch sind diese „armen“ Bilder mit einer besonderen Kraft ausgestattet. Florian Ebner selbst hat das im vergangenen Jahr mit Kairo. Offene Stadt. Neue Bilder einer andauernden Revolution eindrücklich bewiesen. Die Ausstellung, die Bilder von Fotojournalisten, Künstlern und Amateuren zusammenführte, wurde von der deutschen Sektion des Internationalen Kunstkritikerverbands zur besten Schau 2013 gewählt. Die ägyptische Revolution und der Arabische Frühling haben vor Augen geführt, welche Rolle Bilder bei politischen Umbrüchen im digitalen Zeitalter einnehmen. Dabei geht es, neben den oft drastischen Inhalten, besonders um den Umgang mit dem Material. Die Fotos vermitteln nun nicht mehr den einen Blick des professionellen Fotojournalisten auf das Geschehen. Zigfach geschossene und hochgeladene Handyfotos und Videos teilen nun multiple und sehr subjektive Blickwinkel auf selbstgewählten Kanälen. Sie formulieren so eine authentische und vielstimmige Zeugenschaft, die kraftvoll ist, sei das Bild auch verwackelt und der Ausschnitt nicht optimal.

Trotzdem schaffen diese armen, aber starken Bilder unter Kuratoren wie Ebner den Sprung ins Museum. Sie stehen stellvertretend für ein neues Verständnis vom Bild und sind somit auch ein Gegenentwurf zur materialfixierten zeitgenössischen Kunst, der es bisweilen mehr auf die Oberfläche denn auf den Inhalt ankommt. Ob weitere Missverständnisse behoben werden können, wird Florian Ebner ja schon bald auf internationalem Niveau in Venedig zeigen können.

(Mis)Understanding Photography Museum Folkwang Essen, bis 17. August 2014

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