Armut hat Perspektive

Kammerspiele München Mit einem Themen-Wochenende versuchte man sich der Exotik der Armut anzunähern

Es bringt nichts, mit Theateraktien an die Börse zu gehen; schon beim Begriff der Wertschöpfung kommt es zwischen den beiden Sphären unweigerlich zum Missverständnis. Eine TheaterAKTION springt bei der Verbindung aber allemal raus. Die Währung, mit der der in die Münchner Kammerspiele geladene Künstler Chris Kondek am frühen Freitagabend übers Internet an der New Yorker Börse spekulierte, ist des Theaters größtes und wichtigstes Kapital: das Interesse des Publikums. Messbar? Ähnlich wie im Fernsehen über die TeilnehmerInnen-Quote. Einsatz war ergo das Eintrittsgeld: "Heute wird Ihnen für Ihr Geld nichts geboten, dafür bieten wir mit Ihrem Geld."

Mögliche Gewinne sollten ausbezahlt werden. Aber dazu kam sogleich die Warnung: "Wie so oft" fürchtete man unsere "Hoffnungen in das deutsche Theater zu enttäuschen". Ehre den Bescheidenen. Nach Absolvieren des Gesamtprogramms dieses Themenwochenendes an den Kammerspielen von circa 14 Stunden weiß man solchen leise anarchischen Humor erst richtig zu schätzen. Eine Veranstaltung mit dem Titel Armut - Bilder unserer Gesellschaft darf legitimerweise ironiefrei bleiben; allerdings ist es für den Zuschauer weniger ratsam, diese Langstrecke ohne Humor anzutreten.

Unsere Broker bemühten sich um sanfte Kontextualisierung. "Während Sie kommen", begrüßte man uns, "gehen 105 Millionen Dollar". So muss man sich das empfindliche Börsengeschehen also vorstellen: What a difference a day makes! Wir kauften QQQ, stiegen um auf Celsion. Was das ist? Wurde telefonisch in Manhattan nachgefragt. Die Botschaft lautete, auch im Geldgeschäft haben wir es mit Menschen zu tun. Manche sind gewichtiger: zum Bush-Besuch im Irak verzeichnete der DAX, laut Zeitung, ein Plus von 0,86 Prozent. Andererseits mag das auch an der Legalisierung der Prostitution in Thailand liegen. Wir Ahnungslosen haben verstanden. Wert ist relativ und hängt davon ab, ob irgendwo ein Sack Reis umfällt.

Mit der Chaostheorie ist den Sorgen von Sozialhilfeempfängern nicht beizukommen. Zweiter Programmpunkt der TheaterAKTION: Arbeitslosigkeit. Es gab einen Film und eine Diskussion, die alle am Film Beteiligten (zu Recht) belobigte und die allgemeine Stimmung gegen den Gast aus dem Arbeitsministerium in Stellung brachte - ein vergleichbar leichtes Spiel mit einem emotional aufwühlenden Thema. Meist ist zuerst der Job weg. Das Selbstwertgefühl folgt ihm. Es beginnt eine stockende Reise auf den Verschiebebahnhöfen der BfA und ihrer Auftragnehmer. Gar nicht ungewöhnlich, dass in diesen so genannten Vermittlungsmaßnahmen nicht etwa Maß genommen, sondern ohne Ansehen der Person ein Standardprogramm durchgezogen wird. Fantasie waltet vor allem bei der Etikettierung: Bunte Akronyme, dynamische Anglizismen - man interessiert sich für statistische Kosmetik, für die Erfahrung des Arbeitslosen oder seinen Berufswunsch jedoch kaum. Da wundert es, wenn Thomas Heinle, der Erfinder des "Vermittlungscoaching", nicht wissen will, was "Sie zuvor gemacht haben". Was zählt, sei der unbedingte Wille zum Erfolg. Heutzutage bezieht sich das bereits auf den Erfolg bei der ArbeitsSUCHE. Den Job kriegt, so Heinles Überzeugung, wer macht, was er gerne tut. Mechthild Gassners Dokufilm Das halbe Leben begleitet fünf Münchner Arbeitslose demnach auf der Suche nach der neuen Berufung. Bloß Beruf reicht dem Coach wohl nicht. Dass er kein Scharlatan ist, untermauerte er mit Zahlen und einem Live-Coaching am nächsten Tag. Mal dir eine Utopie und wir zaubern dir einen Arbeitsplatz aus dem Hut! So einfach soll´s gehen. Doch die Magie will sich nicht recht einstellen. Ein Publikum aus Skeptikern verweigerte Heinle den Glauben. So einleuchtend die Leitsätze Heinles auch sind, ohne Glauben funktioniert kein Placebo. Die Coaching-Idee mag hilfreich sein, als scheinwerfertauglich erwies sie sich nicht.

Streng genommen sind die beiden Satiriker von UMfaL (Hans Peter Böffgen und Walter Raffeiner) das auch nicht. Und so fand in ihrem liebevoll zynischen Film 2047 der erste Tag ein hoffnungsloses Ende. Frei nach dem Prinzip der Identifikation mit dem Aggressor, wollen sie die Liebe zur Armut wecken. Ja, die Ärmsten werden die Letzten sein! Die traurige Wahrheit dabei: Armut hat zunehmend Perspektive. Armut ist Realität in unserer Gesellschaft. Auch in München. Wem das neu ist, den werden die nicht gerade taufrischen Dokumentationen aus dem Arbeitslosenalltagskampf und dem Planet Hasenbergl (soeben mit dem ARD-Medienpreis ausgezeichnet) im Norden der Schickimicki-Metropole schockieren.

Scheinbar aber schauen die Leute nicht hin und lesen keine Zeitung. Denn plötzlich flossen Tränen der Rührung über die zaghaft rappenden Migrantenkids (sie machten das diesen Samstag immerhin zum ersten Mal auf einer großen städtischen Bühne). Wie süß sie sind! Und wie Recht sie haben! "Das Ghetto macht einsam / bringt Hunger nach Wut." Die ernst gemeinten, weil gelebten catch phrases von SchlagZeilenLife fielen auf fruchtbaren Boden. Vorweihnachtlich gestimmt, tappte das Bildungsbürgertum in die Authentizitätsfalle und ging sich selbst auf den Leim. In diesem Fall konnte dann noch zur Beruhigung unseres Gewissens tatsächlich etwas getan werden: Toni, dem talentierten Laien-Hip-Hopper aus dem Kosovo, droht die Ausweisung, da Kosovo-Albaner nicht mehr als Flüchtlinge anerkannt werden. Es erging ein euphorisch unterstützter Appell an den anwesenden CSU-Politiker Dr. Rainer Großmann. Spontan ließ sich ehrliche Anteilnahme auf die "exotischen" Gäste herab. Wenn´s wirkt.

Jedenfalls sind wir alle irgendwie betroffen. Nicht, dass wir nicht genug Gründe dafür hätten. Dem Engagement des Theaters ist es zu verdanken, dass für Momente eine Aufmerksamkeit für Probleme entstanden ist, die omnipräsent sind, und von denen sonst niemand etwas wissen will. Mit schöner Illusion hat das gar nichts zu tun. Wer erst später zur Premiere des theatralischen Projekts Karoshi. Tod durch Überarbeitung kam, konnte schließlich ein glänzend lackiertes, fröhliches Musical sehen, das ein bisschen auf der Erfolgs- und Markenhysterie herumsurft, mit intelligent dilettantischen Texten jongliert, Business-, Fitness, und Hipness-Karikaturen karikiert. Leistungsträger, etwas träger als üblich, die ausgelassen untergehen. Dabei nehmen sie ein paar ihrer Träume mit, andere - Sex, Macht, Money - geben sie auf.

Für Zuschauer, die das ganze Wochenende dabei gewesen waren, klang die ironische Jargon-Kompilation von Karoshi anders. Nämlich wie das verzerrte, aber fast aufs Wort genaue Echo all der zwangsoptimistischen Coaching-Slogans. Niemand soll sagen, das Theater sei leichtgläubig.

In punkto neue Absatzmärkte hat die sympathische Wochenendaktion sich wohl kaum ausgezahlt. Und doch war die Erprobung einer Auseinandersetzung mit knallharten Realitäten ein Gewinn zumindest an Glaubwürdigkeit. Die rührige Dramaturgenriege, über tiefen Augenringen, strahlte. Der ersten Kontaktaufnahme werden weitere folgen.


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00:00 05.12.2003

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