Dieser Tage veranstalteten mehrere Friedensinstitute und Stiftungen in Berlin einen Zyklus zum Thema Energie, Ressourcen, Frieden - Herausforderungen für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Friedens-, Umwelt- und Entwicklungsforscher befassten sich mit den Folgen des fortschreitenden Klimawandels und der wachsenden Konkurrenz um natürliche Ressourcen auf die globale Entwicklung und diskutierten Lösungsstrategien. Der Zusammenschluss hat das Ziel, den Dialog über die zentralen Zukunftsfragen zu fördern. Vertreten war auch der Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, Dirk Messner, der dem Freitag freundlicherweise vorab den folgenden Beitrag zur Verfügung stellte.
Der jüngste Bericht des Weltklimarats (IPCC) lässt keinen Zweifel mehr daran, dass die vor allem auf die Verbrennung fossiler Rohstoffe zurückgehende durchschnittliche globale Erwärmung schon heute fast 1 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau beträgt. Eine Erwärmung auf 1,5-2 Grad ist wegen der Trägheit des Klimasystems praktisch nicht mehr aufzuhalten. Dies wird schon in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten weitreichende Auswirkungen auf ökologische und soziale Prozesse globalen Wandels haben. Misslingt der Versuch, durch eine wirksame Klimapolitik die globalen Treibhausgasemissionen bis 2050 um etwa 50 Prozent zu senken, dann wird eine globale Temperaturerhöhung zwischen 2,5 und über fünf Grad Celsius wahrscheinlich. Die Klimaforschung zeigt, dass sich dadurch das Risiko irreversibler, tiefgreifender Veränderungen im Erdsystem erhöht. Regionale Naturräume und das globale Ökosystem könnten sich radikal umstrukturieren, die Bedingungen für menschliche Entwicklung weltweit drastisch verändern und die Anpassungsfähigkeiten von Gesellschaften und des internationalen Systems überfordern.
Unumkehrbare Kipppunkte
Ein solcher "Kipppunkt" wäre beispielsweise erreicht, wenn ein anhaltender Klimawandel zum Austrocknen des Amazonasregenwaldes führt. Dies hätte nicht nur unabsehbare Auswirkungen auf den gesamten lateinamerikanischen Naturraum, die gesellschaftliche Dynamik und die landwirtschaftlichen Potenziale in der Region, sondern würde auch erhebliche Mengen von Kohlendioxid freisetzen und so den Klimawandel noch verstärken.
Auch ein Meeresspiegelanstieg von einem Meter würde weitreichende Folgen für viele Menschen haben. New York etwa, dessen Standort in der Vergangenheit im Jahrhundertrhythmus von verheerenden Sturmfluten getroffen wurde, müsste alle vier Jahre mit solchen Flutkatastrophen rechnen; "Jahrhundertsturmfluten" würden weltweit zu häufig wiederkehrenden Ereignissen. Während aber Metropolen wie New York oder Hamburg die notwendigen Anpassungsmaßnahmen finanziell und organisatorisch vermutlich leisten könnten, ist dies für zahlreiche bedrohte Megacitys wie Lagos, Kalkutta oder Dhaka fraglich. Für viele dicht besiedelte Küstenregionen und Inselstaaten ist unterdessen schon ein geringerer Meeresspiegelanstieg prekär.
Aber auch ohne das Eintreten radikaler systemischer Brüche gefährden die bei einer durchschnittlichen globalen Erwärmung zwischen 1,5 und drei Grad absehbaren Umweltveränderungen die Entwicklungsperspektiven von bald über sieben Milliarden Menschen. Die Folgen des Klimawandels werden dabei regional sehr unterschiedlich ausfallen. Die Entwicklungsländer Afrikas, Asiens und Südamerikas, die in der Regel über geringere Anpassungskapazitäten verfügen als die Industrieländer, werden besonders stark betroffen sein.
Klimawandel forciert politischen Stress
Afrika gilt auf Grund seiner besonderen Anfälligkeit für klimatische Variabilität, kombiniert mit sozioökonomischen und politischen Stressfaktoren und geringen Anpassungskapazitäten, als besonders verletzlich. So erwartet der IPCC-Report hier bis 2020 eine Zunahme der unter klimainduzierter Wasserknappheit leidenden Menschen in einer Größenordnung von 75-250 Millionen und in einzelnen Ländern einen Einbruch der landwirtschaftlichen Erträge aus dem Regenfeldbau um bis zu 50 Prozent. Im Nildelta wird die regionale Nahrungsmittelproduktion durch den Anstieg des Meeresspiegels gefährdet. Schon ein geringer Anstieg führt hier zur Versalzung wichtiger landwirtschaftlicher Nutzflächen, während die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Ackerböden und Süßwasser durch anhaltendes Bevölkerungswachstum und Zuwanderung aus den angrenzenden Trockenregionen voraussichtlich weiter zunimmt.
Im Sahelraum und im südlichen Afrika, wo besonders viele Menschen von Subsistenzlandwirtschaft und Regenfeldbau abhängen, werden sich die ohnehin prekären Lebensverhältnisse durch häufigere und intensivere Extremwetterereignisse weiter verschlechtern. In Kombination mit der in vielen Ländern der Region vorherrschenden Schwäche staatlicher Institutionen sowie komplexen Gewaltkonflikten und großen Flüchtlingsströmen erscheint zudem das Risiko einer fortschreitenden regionalen Destabilisierung hoch. Zudem würden die gegenwärtigen Anstrengungen bei der Armutsbekämpfung untergraben.
In Asien stellt die Gletscherschmelze im Himalaya ein zentrales Problem dar. Neben Überflutungen und Erdrutschen bedeutet dies vor allem eine Verknappung der Süßwasserressourcen, von der nach Einschätzung des IPCC 2050 mehr als eine Milliarde Menschen betroffen sein könnten. In weiten Teilen des Kontinents werden Überflutungen und Temperaturerhöhungen die Einhegung von Durchfallerkrankungen erschweren und wahrscheinlich die Sterblichkeit erhöhen. Indien, Pakistan und Bangladesch werden diesen und anderen absehbaren Klimafolgen besonders stark ausgesetzt sein. Die bereits heute verheerenden Stürme und Überflutungen werden häufiger auftreten und wegen des steigenden Meeresspiegels eine noch größere Zerstörungskraft entfalten. Die Versalzung der Böden und veränderte Monsunverläufe werden zudem die regionale Nahrungsmittelproduktion beeinträchtigen, deren Erträge zur Jahrhundertmitte um bis zu 30 Prozent sinken könnten.
Im dicht besiedelten und notorisch konfliktbehafteten Golf von Bengalen ist zudem zu befürchten, dass soziale Spannungen gewaltsam eskalieren könnten. In China werden die wirtschaftlich bedeutsame Südostküste (Tropenstürme) und weite Teile des Hinterlands (Dürren, Hitzewellen, Wüstenbildung) besonders stark betroffen sein. Dabei ist noch nicht abzusehen, ob die Anpassungs- und Steuerungskapazitäten des Staates den gleichzeitigen Herausforderungen von Modernisierung, sozialen Krisen, Umweltstress und Klimafolgen gewachsen sind. Auch in Zentralasien werden Hitzewellen, Dürren und Gletscherschmelze die regionale Nahrungsmittelproduktion und Wasserversorgung voraussichtlich derart erschweren, dass es in Kombination mit schlechter Regierungsführung und den bereits gegebenen sozialen und politischen Spannungen zur gewaltsamen Eskalationen von Verteilungskonflikten kommen könnte.
In Südamerika wird das beschleunigte Abschmelzen der Gletscher in der Andenregion zusammen mit veränderten Niederschlagsmustern die verfügbaren Süßwasserressourcen wahrscheinlich verknappen. So hängen zum Beispiel die Wasserressourcen im Großraum Lima zu 80 Prozent von Andengletschern ab. Diese haben allein zwischen 1970 und 1997 ein Drittel ihres Volumens verloren und werden bei fortgesetzter Erwärmung innerhalb der nächsten Jahrzehnte verschwinden. Zukünftig muss hier also ein bevölkerungsreicher und weiter wachsender Agglomerationsraum mitten in einer wüstenartigen Umgebung mit einem neuen Wassersystem versorgt werden. In weiteren südamerikanischen Trockengebieten werden sich Versalzung und Wüstenbildung intensivieren und die regionale Nahrungsmittelproduktion beeinträchtigen. Zudem werden im östlichen Amazonas steigende Temperaturen und rückläufige Bodenfeuchtigkeit wahrscheinlich dazu führen, dass bis zur Jahrhundertmitte Regenwald graduell durch Savanne ersetzt wird.
Neue Konfliktpotenziale
Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen (WBGU) hat in diesem Kontext vier Konfliktkonstellationen identifiziert, die unmittelbar oder mittelbar von den lokalen und regionalen Auswirkungen der globalen Erwärmung beeinflusst werden. Ob sich derartige Konfliktpotenziale in gewaltsame Konflikte übersetzen und welche Dynamik sie dabei entfalten, hängt vor allem von den Problemlösungs- und Konfliktbearbeitungskapazitäten der betroffenen Länder und Regionen ab. In Ländern, in denen zunehmender Umweltstress auf bereits schwache Governance-Strukturen und sozioökonomische Krisen trifft, steigt die Gefahr, dass gesellschaftliche Destabilisierung in Gewalt umschlägt und möglicherweise auch die internationale Stabilität beeinträchtigt.
Erstens kann eine klimabedingt rückläufige Nahrungsmittelproduktion zu regionalen Ernährungskrisen führen und so die Bewältigungskapazitäten in den betroffenen Entwicklungsregionen weiter unterminieren. Gesellschaftliche Destabilisierung und gewalttätige Konflikte werden dadurch begünstigt. Eine zunehmende globale Konkurrenz um landwirtschaftliche Nutzflächen für den Anbau von Biokraftstoffen könnte diese Konfliktkonstellation zusätzlich verschärfen.
Zweitens kann eine klimabedingt verschärfte Süßwasserknappheit dort zu Destabilisierung und Gewalt führen, wo angepasste Wassernutzungskonzepte, geeignete Infrastrukturen und die institutionellen Voraussetzungen zur Vermeidung entsprechender Verteilungskonflikte fehlen.
Drittens wird der Klimawandel häufiger zu Sturm- und Flutkatastrophen führen, die bereits in der Vergangenheit punktuell zur Eskalation innenpolitischer Spannungen geführt haben (beispielsweise 1988 in Bangladesh, 1998 in Nicaragua und Honduras, 2000 in Westbengalen). Hurrikane und ähnliche Extremereignisse könnten vor allem in den besonders betroffenen tropischen Entwicklungsländern Zentralamerikas und in den Megacitys entlang der südasiatischen Küsten Konfliktwirkung entfalten, da hier zu Anpassung und Krisenmanagement geeignete Kapazitäten weitgehend fehlen.
Viertens kann Migration zu Destabilisierung und Gewalt führen, wo Menschen wegen existenzieller Umweltveränderungen ihre Heimat verlassen müssen. Das Risiko gewaltsamer Konflikteskalation nimmt dabei vor allem in Transit- und Zielregionen zu.
Die skizzierten Konfliktkonstellationen werden um so besser einzuhegen sein, je wirksamer die globale Klimapolitik ist. Mit steigendenden globalen Temperaturen wachsen umgekehrt die Risiken der Ausbreitung und der Eskalation solcher Konfliktdynamiken. Klimapolitik ist also zugleich präventive Sicherheitspolitik.
Belastung des internationalen Systems
Eine ungebremste globale Erwärmung generiert hingegen weltweit Sicherheitsrisiken. Dabei wird eine Stufenleiter der Gefährdung erkennbar, wonach fortschreitender Klimawandel sukzessive die menschliche Sicherheit in vielen Ländern und Weltregionen gefährdet. Subnationale, nationale oder auch regionale Destabilisierungsprozesse werden begünstigt, wo besonders viele Menschen von Unsicherheit betroffen und Staaten und Gesellschaften politisch und ökonomisch überfordert sind. In der Folge entstehen Klimakrisenregionen, in denen eine besondere Anfälligkeit gegenüber dem Klimawandel und den skizzierten Konfliktkonstellationen zusammenfallen (s. Karte), da Umweltstress nicht an territorialen Grenzen halt macht und Gewaltkonflikte leicht auf Nachbarländer übergreifen können.
Zudem lassen sich einige parallel verlaufende Trends erkennen, die sich zu einer erheblichen Belastung des internationalen Systems kumulieren: Die Weltwirtschaft wird die mit dem Klimawandel einhergehenden Folgekosten bewältigen müssen Dabei werden die erforderlichen Anpassungsinvestitionen um so höher ausfallen, je länger eine wirksame Klimapolitik aufgeschoben wird.
Die Folgen des Klimawandels gefährden existenzielle Menschenrechte wie den Zugang zu Wasser und die Ernährungssicherheit. Das kann zu Legitimationskrisen seitens der hauptverantwortlichen Industrie- und Ankerländer führen und so ihre globale Handlungsfähigkeit einschränken. Absehbar sind auch zunehmende internationale Verteilungskonflikte, insbesondere um Kompensationszahlungen zwischen den Hauptverursachern der globalen Erwärmung und den hauptsächlich Betroffenen. Für klimabedingt zunehmende Migrationsströme müssen humanitäre Lösungen gefunden werden. Die Problematik schwacher und fragiler Staaten wird sich durch zusätzlichen Klimastress noch verschärfen und eine Destabilisierung der internationalen Ordnung befördern.
Aufgaben für die Weltgemeinschaft
Der Klimawandel könnte die Staatengemeinschaft zusammenführen, wenn sie ihn als Menschheitsbedrohung versteht und bei den Verhandlungen um ein Kyoto-Nachfolgeabkommen bis Ende 2009 die Weichen für die Vermeidung einer gefährlichen, nicht mehr beherrschbaren globalen Erwärmung stellt ("Avoiding the unmanageable"). Die Bundesregierung versucht derzeit im Verbund mit der Europäischen Union, die internationale Klimapolitik in diese Richtung zu bewegen. Die entsprechende Klimastrategie hat weitreichende Folgen, wenn man bedenkt, dass die von der EU angestrebte Halbierung der globalen CO2-Emissionen bis 2050 die Abkehr vom fossilen Weltenergiesystem und den Aufbau einer weitgehend auf erneuerbaren Energieträgern basierenden Weltwirtschaft impliziert. Scheitert die Klimawende, wird sich die globale Erwärmung fortsetzen und zunehmend Spaltungs- und Konfliktlinien in der internationalen Politik hervorrufen.
Für die Entwicklungspolitik ergibt sich darüber hinaus eine zweite Herausforderung. So müssen in enger Kooperation mit den betroffenen Entwicklungsländern existierende Armutsbekämpfungsprogramme mit geeigneten Anpassungsstrategien an einen nicht mehr zu vermeidenden Klimawandel verbunden werden ("Managing the unavoidable"). Hierbei ist konzeptionelles Neuland zu betreten. Flankierend müssen Maßnahmen zur Konfliktprävention insbesondere in den Regionen weiterentwickelt werden, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sein werden. Zusätzlich muss die Entwicklungspolitik in Abstimmung mit der Technologie- und Außenwirtschaftspolitik dazu beitragen, die Treibhausgasemissionen in den großen und schnell wachsenden Ankerländern zu begrenzen. All dies sind Mammutaufgaben, die innerhalb der EU unverzüglich, konzertiert und arbeitsteilig angegangen werden müssen, wenn sie erfolgreich bewältigt werden sollen.
Das weltweite Bewusstsein dafür, dass der Klimawandel zu den zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zählt, ist in den vergangenen Monaten enorm angestiegen. Um die internationale Staatengemeinschaft aber hinter gemeinsamen klimapolitischen Zielen zusammenzuführen und die Klimakrise abwenden zu können, sind drei Teilstrategien zu verknüpfen: eine wirksame, durch glaubwürdige und entschlossen handelnde Akteure vorangetriebene globale Klimapolitik, die armutsorientierte Anpassungsmaßnahmen einschließt; die Beschleunigung von Innovationsprozessen in der globalen Energieversorgung sowie in anderen Bereichen der Ressourceneffizienz; eine Ausweitung und Vertiefung multilateraler Prozesse, die insbesondere auch China, Indien und die USA einbinden, ohne die eine nachhaltig wirksame Klimapolitik nicht gelingen kann.
Der Zeitdruck ist dabei enorm: die internationale Klimakonferenz in Bali im Dezember muss den Durchbruch bringen, damit ein gefährlicher Klimawandel noch verhindert werden kann.
Steffen Bauer ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik.
Professor Dr. Dirk Messner ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (Bonn) und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung.
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