Artgemäße deutsche Kulturlandschaft

REICHSAUSBAU OST Das nationalsozialistische Projekt einer Neugestaltung Ostmitteleuropas

In dem mit vielen Abbildungen und Karten ausgestatteten populärwissenschaftlichen Buch aus dem Jahre 1935 mit dem Titel Deutsches Volk - Deutsche Heimat wird die "zukünftige, nationalsozialistische Kulturlandschaft" beschrieben. "Versuchen wir, unter sorgfältiger Mitberücksichtigung der neuen - äußerlich oft recht unscheinbaren - baupolizeilichen Bestimmungen ein, zwei, drei Jahrzehnte in die Zukunft zu denken, so entrollt sich uns das großartige Bild einer erneuerten deutschen Kulturlandschaft. Wie von großen Lebensadern ist das ganze Reich von den Straßen des Führers durchzogen, deren gleichmäßige Verteilung über Deutschland die Erringung eines neuen biologischen Gleichgewichts fördert. Die überbesiedelten Stadtkerne sind aufgelockert. Das äußere Antlitz der Städte entspricht der neuen, einfachen und klaren Lebenshaltung. In weitem Umkreis sind die Städte von einem Kranz gartenumgebener Siedlungen umschlossen, die langsam und organisch in die bäuerliche Kulturlandschaft überleiten. Die Fabriken, äußerlich und innerlich neu gestaltet, sind nicht mit Wohnsiedlungen vermengt, sondern abgesondert zusammengefasst. Gleichmäßig verteilen sie sich über das Land. Ganz Deutschland bietet den Eindruck landwirtschaftlicher Hochkultur. Die Ödlandstreifen sind bis auf die Naturschutzgebiete in Bauernland verwandelt. Weiter sind die Äcker über den Meeresboden vorgerückt. Zwerg- und Riesenbesitz sind bodenständigen Erbhöfen gewichen. Es ist eine Kulturlandschaft, die aus der eigenen Art des deutschen Volkes geformt ist. Eine neue Heimat, die sich ein weltanschaulich geeinigtes, arbeitsames und friedliebendes Volk geschaffen hat."

Die "deutsche Ostbewegung"

Diese Zukunftsvision wurde zu einem Zeitpunkt entwickelt, als die Siedlungsmaßnahmen des Dritten Reiches noch defensiv und durch die politischen Gegebenheiten eingeschränkt ausfielen. Die deutschen Planer hatten es zu dieser Zeit innerhalb des Deutschen Reiches mit einem "deutschen Volksgefüge" und einer "deutschen Kulturlandschaft" zu tun, die im Sinne der nationalsozialistischen Vorstellungen von Volks- und Raumordnung noch nicht optimal erschienen, deren grundsätzliche Verbesserung aber mehr oder weniger der Zukunft überlassen werden musste. Was konkretere planerische Aktivitäten angeht, so wurden zunächst nur Einzelmaßnahmen durchgeführt wie etwa die Förderung von Notstandsgebieten durch die Erschließung von Ödland.

Bei genauerer Überprüfung waren aber die planerischen Vorstellungen schon 1935 gar nicht mehr so harmlos und friedliebend. In zahlreichen Veröffentlichungen der Zeit zwischen 1933 und 1939 wurde die angebliche "Raummenge" als Grund für die nicht zu überwindenden Probleme bei der Realisierung der weitgespannten Neuordnungspläne genannt. In diesem Zusammenhang gab es immer wieder mehr oder weniger deutliche Hinweise auf "Siedlungsmöglichkeiten im Osten außerhalb der Reichsgrenzen". In dem schon genannten Sammelband zum Thema Deutsches Volk - Deutsche Heimat von 1935 wird in diesem Sinne festgestellt, dass im Osten alles in Bewegung sei und dort eine große schöpferische Aufgabe der Deutschen liege. Dabei wird daran erinnert, dass die Kultur des Donau- und Weichselraumes ohne die sichtende und ordnende, anregende und schöpferische Arbeit der deutschen Ostbewegung nicht denkbar sei. Den nächsten Schritt in der Gedankenkette stellt die Behauptung dar, die Kulturarbeit, das heißt die Schaffung einer Kulturlandschaft gebe einem Volke nicht nur das Recht, dieses Land zu beherrschen, sondern auch die Pflicht, es zurückzugewinnen, wenn es von einem Regime erobert worden sei, das die deutsche Kulturlandschaft vernachlässige.

Dieser Vorwurf findet sich Mitte der dreißiger Jahre in Hinblick auf die nach dem Ersten Weltkrieg an Polen abgetretenen deutschen Ostgebiete sehr häufig, nicht nur in tendenzieller Tagesliteratur, sondern auch in wissenschaftlichen Werken wie dem Buch des bekannten Geographen Emil Meynen über Deutschland und Deutsches Reich. Sprachgebrauch und Begriffwesenheit des Wortes Deutschland von 1935. Karlheinz Schöpke versuchte in seinem Buch Der Ruf der Erde von 1935 die deutschen Ansprüche mit der damaligen Situation in ein ziemlich realitätsfremdes System zu bringen. Er sagte voraus, dass nach der intensiven Besiedlung von freien Räumen innerhalb der Reichsgrenzen, der so genannten Binnensiedlung, zwangsläufig in spätestens einem Menschenalter die Nachbarschaftssiedlung im osteuropäischen Raum folgen würde. Zu diesem Zeitpunkt sei der deutsche Boden so weit mit Menschen angefüllt, dass das deutsche Volk zwingend vom Schicksal auf diesen Weg gewiesen und die Deutschen deshalb die Aufgabe hätten, in vorwiegend friedlicher und ordnender Weise den europäischen Osten aufzuschließen.

Nach dem Krieg gegen Polen 1939 mussten keine politischen Rücksichten mehr genommen werden. Für die vom Großdeutschen Reich annektierten Teile des Landes, die so genannten Eingegliederten Ostgebiete, kündigte Hitler am 6. Oktober 1939 "eine neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse" an. Von Anfang an handelte es sich dabei aber nicht nur um bevölkerungspolitische, sondern auch um landschafts- und siedlungspolitische Ziele. Es sollten nicht nur deutsche Menschen angesiedelt und die nichtdeutschen ausgesiedelt, "ausgeschaltet" oder eingedeutscht werden, sondern gleichzeitig auch alle nötigen Maßnahmen durchgeführt werden, um eine deutsche Kulturlandschaft zu schaffen. Die damaligen Formulierungen dieses Zieles lauteten "Verschmelzung von deutschem Volkstum und neuem Lebensraum zu einer Einheit" oder "Schaffung eines gesunden Volksgefüges und dauerhafte, dem germanisch-deutschen Menschen artgemäße Gestaltung des Lebensraumes". Die Bedeutung des "Reichsaufbaus im Osten" wurde sehr hoch eingeschätzt, wie zahlreiche gedruckte und ungedruckte Zeugnisse beweisen.

Widersprüchliche Pläne

Die vom Dritten Reich eroberten oder durch massiven Druck hinzugewonnenen Räume wurden ganz unterschiedlich bewertet. Österreich und das Sudetenland galten als alter deutscher Volksboden mit deutschen Menschen und einer deutschen Kulturlandschaft. Dem inneren Böhmen und Mähren wurde zunächst eine völkische Sonderstellung zugestanden; nach dem Beginn des Russlandkrieges tauchten aber immer häufiger Überlegungen auf, die auf eine "Eindeutschung dieses mitteleuropäischen Zentralgebiets" zielten. Für Westpolen bestanden von Anfang an derartige Pläne, die jedoch nach dem Beginn des Russlandkrieges mehrfach modifiziert wurden. Zunächst sollten die Eingegliederten Ostgebiete in ein deutsches Land mit deutscher Bevölkerung und deutscher Kulturlandschaft umgewandelt werden und das Generalgouvernement unter deutscher Oberherrschaft polnisch besiedelt bleiben, wobei die aus den eingedeutschten westpolnischen Gebieten ausgewiesenen Polen zusätzlich aufzunehmen waren. Später gab es aber auch Pläne für die deutsche Besiedlung des Generalgouvernements einschließlich des Distrikts Galizien. Für das eigentliche Osteuropa wurde das Konzept der "Großraumverwaltung" mit einem verantwortlichen Herrenvolk und abhängigen Völkern entwickelt, deren unterschiedliche Rollen im Gesamtsystem je nach dem angeblichen rassischen und kulturellen Wert dieser Völker festgelegt wurden. Im Detail blieben die Pläne für Osteuropa ziemlich vage; sie enthielten auch viele Widersprüche.

Dadurch unterschied sich der "Generalplan Ost" wesentlich von den Planungen für die Eingegliederten Ostgebiete, die ein bis in die kleinsten Einzelheiten ausgearbeitetes Gesamtsystem darstellten. A.W. Schürmann formulierte dies 1943 prägnant folgendermaßen: "Der totale Neuaufbau räumt die Möglichkeit ein, alle Maßnahmen der Umlegung, der Siedlung, des Wasserbaus, der Landeskultur, des Wege- und Straßenbaus und nicht zuletzt der Land- und Forstwirtschaft in den großen Rahmen planvoller Landschaftspflege einzuplanen." Die übliche Trennung von natürlicher, gebauter und sozialer Umwelt war für die zwischen 1939 und 1945 geplanten Maßnahmen in den Eingegliederten Ostgebieten nur bedingt gegeben. Denn es ging gleichermaßen um die "richtigen Menschen" wie um das "artgemäße Bauen" und den "einfühlsamen Umgang mit der Natur". Jedem Deutschen sollte unter Deutschen eine "dem deutschen Wesen gemäße Lebensführung" in einer "artgemäßen Kulturlandschaft" ermöglicht werden. Alle diese Aspekte wurden zusammengefasst in einer Formulierung von B. von Grünberg 1940: "Es gilt die Heimat eines unsterblichen Volkes zu bauen." Beide Ziele des NS-Regimes, die "Volksordnung" und die "Ordnung des deutschen Lebensraumes" verschmolzen hier zu einem Ziel. Es wird an verschiedenen Stellen betont, dass das deutsche Volk als erstes Volk der Geschichte konsequent daran gehe, sich eine bis in die letzten Kleinigkeiten stimmige "Heimatlandschaft" zu schaffen. "Volksgemeinschaft" und "gestaltete Kulturlandschaft" sollten zusammen eine "Landschaftsgemeinschaft" bilden.

Die Planung einer deutschen Kulturlandschaft sollte in mehreren Schritten ablaufen. Zunächst waren die volkspolitischen Vorgaben festzulegen, die sowohl demographisch-soziale als auch ökonomische Gesichtspunkte enthielten. Dabei wurden als Ziele besonders die Förderung der bäuerlichen Familie als "Blutquell des deutschen Volkes" und die Sicherung der Ernährungsgrundlagen herausgestellt. Weiterhin galt es, "die Landschaftsstrukturen zu erfüllen" und "die biologischen Möglichkeiten des Raumes kennen zu lernen". Danach hatten die Raumordnung unter Berücksichtigung der Vorgaben und der naturräumlichen Gegebenheiten und schließlich die Detailplanung, die wiederum in die Dorf-, Stadt- und Grünplanung zerfiel, zu folgen. Größere einförmige Gebiete waren vor allem unter Verwendung von Bäumen und Sträuchern in kleinere überschaubare Einheiten zu gliedern. Dieses Raumordnungsbild stellte den großen Rahmen für die Einzelplanung dar.

Alle Planungen für den Neuen Deutschen Osten wurden von Anfang an in eine umfassende Raumordnung eingebettet, die auch die Auswirkungen auf das Altreich zu bedenken hatte. Ein Zusammenhang ließ sich leicht herstellen, da einerseits in den Eingegliederten Ostgebieten deutsche Menschen gebraucht wurden und andererseits es nun erstmals möglich erschien, aus vielen dicht besiedelten bäuerlichen Landschaften des Altreiches Bevölkerungsteile herauszulösen und sie in (vom deutschen Standpunkt aus gesehen) unbesiedelte Gebiete zu verpflanzen.

Optimale Richtgemeinden

Zur Vorbereitung der Maßnahmen im Altreich begannen bereits 1940 genaue Untersuchungen für zahlreiche über das ganze Land verteilte so genannte Richtgemeinden. Für alle diese Ortschaften, die jeweils als typisch für bestimmte Räume galten, sollten Bestandsaufnahmen der gegenwärtigen Verhältnisse und Wunschbilder für die zukünftige Struktur angefertigt werden. In den Wunschbildern waren die optimale Betriebsgröße der Bauernhöfe für die betreffende Siedlung und die zukünftige Betriebsgrößenstreuung anzugeben. Außerdem enthielten sie die Namen der Familien, die die Voraussetzungen für eine Umsiedlung in den Osten mitbrachten, deren Betriebe aufgestockt werden sollten oder die in absehbarer Zeit durch Auslaufen des Betriebs beziehungsweise Abwanderung in andere Berufe die Landwirtschaft aufgeben würden. Die Untersuchungen zur "Feststellung der Neuordnungsmaßnahmen und Aussiedlungsmöglichkeiten" wurden einheitlich für die deutschen Regionen durchgeführt, aber nicht für alle zum Abschluss gebracht.

Das Ziel aller Maßnahmen war "der gesunde und leistungsfähige Gesamtorganismus des Deutschen Reiches". Dieses Konzept war untrennbar mit einem aggressiven menschenverachtenden Nationalismus und Rassismus verbunden. Es wirkt geradezu gespenstisch, wenn noch im Jahre 1944 Friedrich Lange in seinem Buch mit dem Titel Deutsche Volksgeschichte - Deutsches Raumdenken von der einmaligen Möglichkeit spricht, "im Osten eine neue Welt in neuen Lebensformen von unten her aufzubauen, den Osten zu erschließen, zu prägen und zu formen, die Gefahr der Verostung Mitteleuropas zu beseitigen und ein bodenverwurzeltes neues Europa zu schaffen".

Am 21. Dezember 1942 erließ der von Adolf Hitler zum "Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums" ernannte Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, "Regeln für die Gestaltung der Landschaft" in den Eingegliederten Ostgebieten. Hier finden sich unter der Überschrift "Zielsetzung" folgende sehr aufschlussreiche Ausführungen: "Die Landschaft in den eingegliederten Ostgebieten ist auf weiten Flächen durch das kulturelle Unvermögen fremden Volkstums vernachlässigt, verödet und durch Raubbau verwüstet. Sie hat in großen Teilen entgegen den standörtlichen Bedingungen steppenhaftes Gepräge angenommen. Dem germanisch-deutschen Menschen aber ist der Umgang mit der Natur ein tiefes Lebensbedürfnis. In seiner alten Heimat und in den Gebieten, die er durch seine Volkskraft besiedelt und im Verlauf von Generationen geformt hat, ist das harmonische Bild von Hof, Stadt und Garten, Siedlung, Feldflur und Landschaft ein Kennzeichen seines Wesens. Die Gliederung und Begrenzung der Feldflur durch Wald, Waldstreifen, Hecken, Gebüsch und Bäume, die natürliche Verbauung von Gelände und Gewässer und die Grüngestaltung der Siedlungen sind bestimmende Kennzeichen deutscher Kulturlandschaften. Sollen daher die neuen Lebensräume den Siedlern Heimat werden, so ist die planvolle und naturnahe Gestaltung der Landschaft eine entscheidende Voraussetzung. (...) Die Neuschaffung der östlichen Landschaft hat kein Vorbild."

"Kulturlandschaftspflege" heute

Der Ausgangspunkt für die landschafts- und siedlungspolitischen Pläne des Großdeutschen Reiches in den okkupierten Gebieten war also die Vorstellung, dass zu den rassisch bedingten Fähigkeiten des deutschen Menschen auch das optimale Gestalten einer artgerechten Kulturlandschaft gehöre. Zur Kennzeichnung ihrer Eigenschaften wurden folgende Adjektiva verwendet: gesund, sauber, geordnet, geformt, übersichtlich, überschaubar, abgegrenzt, untergliedert, aufgelockert, bewegt, belebt, mannigfaltig, inhaltsreich, gestaltvoll, gepflegt, schön und wehrhaft. Allen diesen positiven Begriffen standen negative gegenüber, die für die polnischen Kulturlandschaften verwendet wurden, die als krank, verwahrlost und zerstört galten. Das ganze Ausmaß der damaligen Völkerhetze wird deutlich, wenn man einschlägige Passagen in der 1942 erschienenen Landschaftsfibel von Prof. Dr. Heinrich Wiepking-Jürgensmann, dem führenden NS-Landschaftsplaner und Fachberater für die "Landschaftsregeln" von Heinrich Himmler liest: "Es gibt gesunde und kranke Landschaften. Immer ist die Landschaft eine Gestalt, ein Ausdruck und eine Kennzeichnung des in ihr lebenden Volkes. Sie kann das edle Antlitz seines Gesichts und seiner Seele ebenso wie auch die Fratze des Ungeists menschlicher und seelischer Verkommenheit sein. In allen Fällen ist sie das untrügliche Erkennungszeichen dessen, was ein Volk denkt und fühlt, schafft und handelt. Sie zeigt uns in unerbittlicher Strenge, ob ein Volk aufbauend und Teil der göttlichen Schöpfungskraft ist, oder ob das Volk den zerstörenden Kräften zugeordnet werden muss. So unterscheiden sich auch die Landschaften der Deutschen in all ihren Wesensarten von denen der Polen und Russen wie die Völker selbst. Die Morde und Grausamkeiten der ostischen Völker sind messerscharf eingefurcht in die Fratzen ihrer Herkommenslandschaften; je verwahrloster und verkommener, je ausgeräumter eine Landschaft ist, um so größer ist die Verbrechenshäufigkeit. Dies gilt für die Alte Welt ebenso wie für den Neuen Erdteil jenseits des großen Wassers. Diese Feststellung allein sollte jeden mit der Führung des Volkes Beauftragten zwingen der Landschaft die Bedeutung beizumessen, die ihr zukommt. Sie ist neben der Blutspflege das tragende Gerüst einer jeden sinnvollen Volkspflege."

Obwohl die meisten Planungen wegen des sich für das NS-Regime ungünstig entwickelnden Krieges nicht realisiert wurden, dürfen diese jedoch nicht einfach als Hirngespinste einiger verblendeter Ideologen abgetan werden, wie dies immer wieder geschieht. Die Kenntnis dieses bis in die kleinsten Details durchgearbeiteten Konzepts einer "artgerechten deutschen Kulturlandschaft" für die Eingegliederten Ostgebiete ist für die Beurteilung des NS-Regimes, das ja immer mit den Begriffspaaren "Blut und Boden" sowie "Volk und Raum" operierte, unverzichtbar. Das Bewusstsein für die zeitweilige Verbindung von Entwicklungsleitbildern für Kulturlandschaften mit einem menschenverachtenden Rassismus und einem verbrecherischen Expansionsdrang ging im Nachkriegsdeutschland bedauerlicherweise weitgehend verloren. Obwohl durch zahlreiche neuere Untersuchungen dieses Defizit in erheblichem Umfange abgebaut wurde, sind die Kenntnisse über die Zusammenhänge zwischen der Bevölkerungs- und der Landschaftspolitik immer noch nicht ausreichend. Die europäische grenzübergreifende Kulturlandschaftspflege, eine sehr bedeutsame Aufgabe der Zukunft, muss die spezifischen Gefährdungen durch Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit beachten. Wer nämlich die Leitbilder und Pläne der Zeit vor 1945 für die Eingegliederten Ostgebiete kennt, wird verstehen, dass bei älteren Angehörigen unserer östlichen Nachbarvölker viele scheinbar neutrale deutsche Begriffe aus dem Bereich der Kulturlandschaftspflege wie Kulturlandschaft, Raumordnung, Heimat und sogar Wald einen negativen Beiklang haben.

ist Professor emeritus am Seminar für Historische Geographie an der Universität Bonn.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 04.01.2002

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare