Arthur Schnitzler als Bourgeois

Innenansichten Peter Gay besichtigt ein Zeitalter

Im Original heißt dieses Buch Schnitzler´s Century. The Making of Middle-Class Culture 1815-1914. Auf dem Weg zur deutschen Fassung, an der immerhin gleich drei Übersetzer beteiligt waren, ist die Middle-Class, also das Bürgertum, im Titel abhanden gekommen. Dafür wurde aus den Jahren 1815-1914 das 19. Jahrhundert. Und in beiden Fällen, im Original wie in der deutschen Übersetzung, mag man sich fragen, wieso das Schnitzlers Jahrhundert oder Zeitalter gewesen sein soll: der hat nämlich von 1862 bis 1931 gelebt. Aber wer wird´s denn so genau nehmen.

Immerhin: wenn das 19. Schnitzlers Jahrhundert ist - wohin gehören dann Grillparzer oder Stifter, Büchner oder Heine? Ins 18. Jahrhundert? Oder eben in Schnitzlers Jahrhundert? Ja, ja, das soll ja nur ein Anreißer sein. Aber halt ein irreführender. Man wundere sich nicht über ungebildete Schüler, wenn gelehrte Historiker und ihre Verlage so fahrlässig titeln.

Weitere Ungenauigkeiten: In Schnitzlers Reigen enden die Episoden nicht mit dem Geschlechtsverkehr, sie werden vielmehr von diesem unterbrochen - ein Detail, das in einem Buch, das Schnitzler immerhin in sein Zentrum stellt, nicht bedeutungslos sein sollte. Und es handelt sich in diesen Episoden auch nicht recht eigentlich um "Verliebte". Aber vielleicht geht das auf das geteilte Konto der drei Übersetzer. Schnitzler "rekonstruiert" auch nicht den inneren Monolog des Leutnant Gustl - jenseits von Schnitzler gab es nichts, was er hätte rekonstruieren können -, er erfindet ihn vielmehr. Gay macht es sich zu leicht, wenn er von Schnitzlers "Verachtung für das Duell" spricht. Dessen Haltung war ambivalenter und widersprüchlicher, als das Wort "Verachtung" suggeriert. Und es ist schon ein Kunststück, von Schnitzler und dem Antisemitismus zu handeln, ohne den Weg ins Freie zu erwähnen.

Solche Ungenauigkeiten sind umso ärgerlicher, als das Buch, dem sie entnommen sind, durchaus anregend und lesenswert ist. Worum es Peter Gay eigentlich geht - und damit fasst er seine früheren Arbeiten zusammen -, ist eine Geschichte und eine Phänomenologie der Bourgeoisie, die er bewusst, die übliche Begrenzung des Begriffs auf England missachtend, eine "viktorianische" nennt, unter besonderer, aber nicht ausschließlicher Berücksichtigung psychoanalytischer Gesichtspunkte. Für diese Geschichte betrachtet er Arthur Schnitzler, manchen atypischen Zügen zum Trotz, als paradigmatische Figur, zu der er immer wieder zurückkehrt, von der er sich aber auch über längere Strecken entfernt, um in einem komparatistischen Ansatz Literatur und historische Daten aus verschiedenen europäischen Ländern und den USA zu thematisieren. Bedenkt man, dass Schnitzler nicht nur Zeitgenosse Freuds, sondern nach dem Empfinden des Wissenschaftspioniers und der Aussage in einem oft zitierten Brief so etwas wie dessen "Doppelgänger" war, dann berührt sich die Methode dieser Arbeit mit ihrem Gegenstand.

Gay geht mit Schnitzler nicht zimperlich um. Man muss freilich daran erinnern, dass biographische Charakteristika, die Gay bisweilen allzu moralisierend beschreibt, über die Qualität von Schnitzlers Werk nichts aussagen. Und dass es eine Diskrepanz gibt zwischen Schnitzlers Einsichten und seiner Lebensführung, ist jedem bekannt, der sich mit Schnitzler beschäftigt hat. Diese Diskrepanz teilt er mit vielen anderen Künstlern. Aber anders als bei Politikern hängt bei ihnen die Glaubwürdigkeit nicht davon ab, dass sie ihre niedergeschriebenen Maximen im Leben bestätigen. Das künstlerische Werk bildet ein Universum für sich und hat seine eigene Wahrheit.

Peter Gay führt uns den Bourgeois Arthur Schnitzler vor. Was zu kurz kommt - und das wird die Liebhaber dieses Erzählers und Dramatikers enttäuschen -, ist Schnitzler als scharfsinniger Kritiker jener Bourgeoisie, der er angehört. Dieses Manko hat seine Ursache vor allem in Gays Fixierung auf Schnitzlers Tagebücher und seiner gleichzeitigen Vernachlässigung des literarischen Werks, ohne das uns freilich Schnitzler kaum interessieren würde.

Arthur Schnitzler erlebt ja, wie es scheint, zur Zeit eine Renaissance. In den vergangenen Jahren sind einige Publikationen über ihn erschienen, die Gay übrigens größtenteils nicht wahrnimmt. Fragt man sich aber, worauf dieses neue Interesse beruht, könnte gerade sein Buch eine implizite Antwort geben: auf dem erneut erstarkten Selbstbewusstsein der Bourgeoisie nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums. So betrachtet wäre die Aufwertung Schnitzlers als Komplement zur gleichzeitig eingetretenen Abwertung Brechts aufzufassen. Dass die Werke Willi Bredels zum Beispiel, den man um 1968 auch im Westen wieder verlegt hatte, heute im Buchhandel nicht erhältlich sind, passt in dieses Bild. In Schnitzlers Werk erkennt das Bürgertum sich selbst und seine Probleme. Die sind 70 Jahre nach Schnitzlers Tod, aber zwei Jahrhunderte nach seinem Jahrhundert mehr oder weniger dieselben geblieben.

Peter Gay: Das Zeitalter des Doktor Arthur Schnitzler. Innenansichten des 19. Jahrhunderts. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Enderwitz, Monika Noll und Rolf Schubert. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2002, 381 S., 24,90 EUR

00:00 25.10.2002

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