Ärzte als Konjunkturpaten

Kuba Besonders der Export von Sozialleistungen hat der nationalen Ökonomie einen spürbaren Wachstumsschub verschafft

Mit 11,8 Prozent fiel das Wirtschaftswachstum in Kuba 2005 überaus hoch aus. Dafür zuständig war nicht nur die Tourismusbranche, sondern auch der Comandante en Jefe selbst, der seit einigen Monaten wieder höchstpersönlich wirtschaftspolitische Grundsatzentscheidungen trifft.

Auffällig jung ist das Personal an den Cupet-Tankstellen in Havanna. Die altgedienten Besatzungen sind Knall auf Fall durch Studenten und junge Parteimitglieder ausgetauscht worden. Zu Recht, sagt die Regierung, denn seither sei der Schwund merklich zurückgegangen. Auf 100.000 Dollar hätten sich die täglichen Verluste durch Diebstahl belaufen, bis zur Hälfte der Liefermenge sei in dunklen Kanälen versickert, so Fidel Castro bei einer Rede im Januar.

Jahrelang hatte der Maximo Líder die anderen, besonders Vizepräsident Carlos Lage, den Wirtschaftskurs bestimmen lassen, doch seit einem Jahr scheint er wieder selbst die Federführung übernommen zu haben. Durchaus erfolgreich wie Wirtschaftsminister José Luis Rodríguez jüngst zu verstehen gab, als er überaus wohltuende Konjunkturdaten vorstellte. Um 11,8 Prozent ist Kubas Wirtschaft 2005 der offiziellen Statistiken zufolge gewachsen - ein in den 47 Jahren seit der Revolution bislang nie erreichter Wert. Ähnlich gute Daten haben derzeit nur Indien, China und der Erdölstaat Venezuela vorzuweisen. Zu beiden Letzteren pflegt Kuba exzellente Kontakte - von Fidel Castro werden sie gern als "Bruderstaaten" hofiert.

So arbeiten rund 20.000 kubanische Ärzte und Schwestern (darunter allein 3.000 Zahnmediziner und 1.500 Augenärzte) augenblicklich in den Armenvierteln von Caracas oder anderen venezolanischen Städten, um die Bevölkerung zu versorgen. Kein unentgeltlicher Solidaritätsdienst, sondern eine vertraglich fixierte Leistung, die in Erdöl bezahlt und seit kurzem in der kubanischen Wirtschaftsbilanz als "komplexe Dienstleistung" verbucht wird. Durch diese Art der Rechnungsführung, die von den Ökonomen der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) argwöhnisch beobachtet wird, schlagen Investitionen im Gesundheits- und Bildungswesen wie auch Hilfsprogramme im Ausland stärker zu Buche. Um bemerkenswerte 48 Prozent stieg der kubanische Export von Gütern und Dienstleistungen im Vorjahr, was nicht zuletzt Sozialtransfers wie denen nach Venezuela zu verdanken ist. Ganz im Sinne Castros, der in der Vergangenheit immer wieder moniert hatte, Kubas Sozialexporte würden beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) nur unzureichend berücksichtigt. Das ist vorbei, und bei den Medizinern wird die moralische Aufwertung ebenso geschätzt wie der Lohnzuschlag, der seit November 2005 gezahlt wird.

Der kubanische Staat hat wieder etwas zu verteilen, denn die chinesischen Investitionen im Nickelsektor wie auch die venezolanischen in den Ölraffinerien lassen Devisen erwirtschaften. Positiv zu Buche schlägt auch der Zuwachs im Tourismus, der Katalysator der kubanischen Ökonomie wuchs im Vorjahr um zwölf Prozent. Rund 2,3 Millionen Reisende kamen und bescherten Einnahmen von annähernd 3,5 Milliarden Dollar. Erdöl und Erdgas konnten um knapp neun Prozent mehr gefördert werden. Für die Energieversorgung des Landes ein höchst willkommener Zuwachs, wird doch die nationale Stromproduktion nahezu ausschließlich mit eigenen fossilen Ressourcen bestritten. Gleichwohl bleibt der Energiehaushalt instabil - veraltete Kraftwerke, Missmanagement, aber auch Schäden durch die Hurrikans im Vorjahr sind dafür verantwortlich. Castro hat deshalb die "Revolution im Energiesektor" ausgerufen und Turbinen sowie Generatoren in Fernost und Westeuropa geordert - die umfangreiche Einkaufsliste bezeugt beachtliche Investitionen, auch wenn deren Finanzierung von einigen Lieferanten bezweifelt wird. So fühlte sich Kubas Staatschef bei der feierlichen Übergabe von zwölf Lokomotiven durch chinesische Unternehmen Anfang des Jahres veranlasst, eine pünktliche Vergütung in Aussicht zu stellen. Jeder weiß um Kubas begrenzte Liquidität, um Zahlungsausfälle und kurzfristig benötigte Kredite. Auf mindestens zwölf Milliarden US-Dollar belaufen sich momentan die Verbindlichkeiten im Ausland, seit Jahrzehnten hat Kuba keinen Zugang zu normalen Geschäftskrediten mehr, das Land gilt als Risikoschuldner und muss Zinssätze von 15 Prozent und mehr für Ad-hoc-Darlehen akzeptieren.

Weil die Landwirtschaft nach wie vor keine Eigenversorgung sichert, steigen seit 2001 die Nahrungsmittelimporte aus den USA. Für 540 Millionen Dollar hat Kubas Chefeinkäufer Pedro Alvarez im vergangenen Jahr Getreide, Reis, Mais und Hühnerfleisch geordert. Das Dilemma ist bekannt, und der Niedergang der Zuckerwirtschaft das vielleicht beste Bespiel. Auf knapp 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr ist der Zuckerertrag gesunken und an eine Wiederbelebung des einstigen Schlüsselsektors der kubanischen Ökonomie kaum zu denken. Bisher sind die nicht länger für den Zuckerrohranbau benötigten Flächen kaum anderweitig kultiviert, um etwa durch den Mais- und Reisanbau die Importabhängigkeit zu vermindern. Das sind kostspielige Versäumnisse, sie belasten die Wirtschaft der Karibikinsel mindestens ebenso wie die Schäden der Hurrikansaison 2005. Die sei noch lange nicht Geschichte, so Wirtschaftsminister José Luis Rodríguez, der die in den zurückliegenden vier Jahren durch Wirbelstürme verursachten Schäden auf sechs Milliarden Dollar beziffert. Sich davon zu erholen, falle schwer, zumal noch immer Mittel für den Wiederaufbau von Plantagen, Häusern und Siedlungen gebraucht würden. Ob Kubas Comandante en Jefe diese Ausgaben in seine Kalkulationen einbezogen hat, wird sich zeigen.


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00:00 10.03.2006

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