Asche im Maul

»In einer andern Stadt ging ein Bürger schnell und ernsthaft die Straße hinab. Man sah ihm an, daß er etwas Wichtiges an einem Ort zu tun habe.« ...

»In einer andern Stadt ging ein Bürger schnell und ernsthaft die Straße hinab. Man sah ihm an, daß er etwas Wichtiges an einem Ort zu tun habe.« (Johann Peter Hebel)

Deine Hände in den Hosentaschen. Jeden Tag stecken sie da drin. Du spielst Taschenbillard mit den vertanen Jahren, kugelst sie hin und her, her und hin mit unauffälligem Fleiß. Dein Platz ist neben der Tür. Gerade eben draußen, gerade so ins Freie getreten, bleibst du unter dem Vordach, an die Hauswand gelehnt, da es draußen nichts für dich zu tun gibt. Stehst da. Grüß Gott! Grüßt keinen. Die Tür geht neben dir auf und zu. Vollbesetzte Busse fahren vorbei, aus denen niemand hinausschaut, weil ihre Fenster mit Drogerie-Lächeln übermalt sind. Stehst da, die Hände unlustig in den Hosentaschen. Guten Tag. Auf dem Bürgersteig schieben sich Menschen, Rucksäcke, Aktenmappen, Kinderwagen vorwärts, von links und von rechts. Autos beschleunigen, um noch über die gelbe Ampel zu kommen. Wer braucht einen Türhüter? Du verschmilzt mit der Hauswand. Deine Zeit, deine Freizeit, deine immer freie Zeit ist Klebharz, das dich neben das Klingelbrett geheftet hat. Dort störst du nicht, jedenfalls nicht sehr. Du machst kein böses Gesicht. Eine Aaskrähe hüpft vor deinen Füßen, dann hoch auf den Abfallkorb, den sie routiniert durchsucht. Vollbeschäftigung wird es nie mehr geben. Blaulicht und Sirene lärmen vorbei. Irgendwo muss etwas passiert sein. Zwischen Bürgersteig und Straße, alle Einfahrten zuparkend, der solide Damm scheckheftgepflegter Wagen. Du stehst da, während der Postbote Haus für Haus näher kommt. Hallo. Wegsehen. Keinen Weg sehen. Briefschlitze schlucken Rechnungen und Wurfsendungen: »Naturmoden; Reinschauen, anschauen, wohlfühlen; Geschoren von lebenden Tieren - dadurch langlebiger und haltbarer; schauen Sie bei mir rein und fühlen Sie, wie gute Wolle sich anfühlt.« In deinem Briefkasten endet nichts außer Versprechungen. Die Tür klappt neben dir zu. Und auf einmal stößt du dich ab und gehst los. Vielleicht in Richtung auf die Einkaufszone, dorthin, wo die großen Geschäfte sind. Wären segensvolle Fußstapfen da, würdest du gerne in sie treten. Es geht auch so. Muss gehen. Du machst kein böses Gesicht. Nur ein rundum verschlossenes. Das Wetterradar zeigt ausgedehnte Regenechos. Kleine Windböen versuchen dich unterzuhaken, aber dein Tempo liegt fest: Du läufst außer Konkurrenz. Selbst Autos, die nach einem Parkplatz suchen, überholen dich links oder rechts. Deine Hände bleiben in den Hosentaschen. In einem Taxi, das neben der Rufsäule wartet, klebt an der Kopfstütze der handgeschriebene Zettel: »Seele auf Wanderschaft - Ein heiterer Roman - Von Bodo Forell (ihr Taxifahrer) - Hier erhältlich.« Du schiebst dich weiter. Der Import-Export-Laden verkauft Wanduhren, auf denen Adler horsten; Postkutschen-Reliefs; bestickte Bilder mit Berg und Wasserfall. Tanzende Rokoko-Püppchen zwinkern dir zu, erstarrt vor Glück. Merhaba. Penny-Markt bietet »Zauberhafte Zimmerbrunnen, Motiv: Mühle am Bach, geschmackvoll gestaltet, schafft wundervolles Raumklima« für 43,99 Euro. Du erinnerst dich daran, dich morgens im Duschkopf gespiegelt zu haben, und zwar als Preisschild. Nachts kommen immer wieder zwei Männer an dein Bett, beugen sich über dich, und wenn du hochschrickst, flüchten sie mit einem Sprung aus dem Fenster, wobei der eine von ihnen im Sprung noch deine Wanduhr abreißt und dir etwas zuruft, was du jedes Mal vergessen hast, wenn du aufwachst. Du bist schwer vermittelbar. Trotzdem ziehst du dich an und gehst vor die Tür, um im Weg rumzustehen, mit schrägem, wegrutschendem Blick. Musst nirgendwohin. Tauben flattern auf. Metallnadeln auf den Mauervorsprüngen hindern sie daran, dort zu landen oder zu nisten. Sie fliegen schwerfällig im Kreis, gehen dann nieder, von wo sie aufgeflogen waren. Im Reisebüro buchen Lohnempfänger Urlaube in den Bergen, bei einer Mühle am Bach, an einem Wasserfall. Sie denken an die schönsten Wochen des Jahres. Dobar dan. Dir ist weder warm noch kalt. Deine Jacke trägst du sommers wie winters zugeknöpft. An Bistrotischen sitzen Männer und reden über Benzinpreise. Ältere Frauen, traurige Säugetiere, essen hinter Café-Fenstern Kohlehydrate. Verloren kauend schauen sie durch die Scheiben. Um seine Haltbarkeit zu beweisen, steht bei Salamander ein Schuh in einem Wassergrab, in einem Aquarium, in dem unablässig Luftperlen aufsteigen. Du kennst diesen dauerhaften Schuh. Hinter ihm siehst du das Bild eines Schuhmachers, der sich mit einer müden Geste über seine Augen fährt. Vor dem Geschäft ist die Bushaltestelle. Wartende bilden menschenleere Aufläufe. Einkaufstüten knistern. Dzien dobry. Du hast deine Jahre lose in der Tasche, eins wie das andere, kugelst sie umeinander, bewegst deine Lippen nicht, um zu grüßen, sehnst dich dorthin zurück, wo der blaue Schleier der Wegwarte neben der Straße wuchs. Wahrscheinlich war die Sonne damals größer. Wahrscheinlich wolltest du Lokomotivführer werden. Oder Held. Jetzt findest du nur noch Fototaschenlyrik: »Leisten Sie sich wunderschöne Erinnerungen im Großformat.« Du gehst an den Vorführwagen und Fassaden der Autohäuser entlang, im Winde knattern ihre Fahnen. »Kasperle im Zauberland« plakatiert ein Puppentheater. Superintendent Müller wirbt für die Veranstaltung »Wie geht es weiter mit Gott? Glauben unter leerem Himmel.« Du erfüllst deine Meldepflicht. Einmal im Halbjahr sitzt du für Minuten deinem Sachbearbeiter gegenüber, der unruhig wird, wenn du die Beine übereinander schlägst, weil er dann annimmt, du wollest länger bleiben. So lebst du ohne Gewinn. Dobri djen. Schleppst müßig deine Schuhe durch die Gegend. Deine Zeit, deine Freizeit, deine immer freie Zeit macht sich schwer. Die öffentlichen Grünanlagen empfangen dich mit niedergedrücktem Rasen. Penner liegen auf Gras und Bänken und holen sich Mützen voll Schlaf. Eine umgeworfene Flasche rollt auf dich zu. In den Rabatten wächst das große und das kleine Grauen. Es gibt keine Abfallkörbe, nur das Schild: »Nehmen Sie Ihre Abfälle bitte mit nach Hause und sortieren sie dort umweltgerecht.« Und dann kommen Hunderte von Staren, eine ganze Belegschaft der Lüfte, fallen in einen Baum ein und erzählen. Du stehst da und hörst ihnen zu, während es langsam dämmert. Die Stare haben Feierabend. Sie streiten um die besten Schlafplätze, lärmen lange, bevor sie allmählich leiser werden, dann alle auf einmal verstummen. Du beginnst deinen Rückweg, Hände in den Hosentaschen. Flutlicht erhellt eine Straßenecke. Ein unrentabler Häuserblock wird abgerissen. Der Abrissbagger pickt mit einer Zange, die wie ein Schnabel aussieht, an den freistehenden Wänden, an denen noch Tapeten kleben, zieht sie zu sich heran - bis sie nachgeben und dabei eine dreckige Staubwalze aufwirbeln. Der Staub schmeckt nach Asche. Zimmer werden zum Abraum. Salem aleikum. Einige sind stehen geblieben, um sich das anzuschauen. Sie liefern kehlige Kommentare. Reißen das Maul auf. Schlucken Dreck und husten. Der Einstellungskorridor, trotz des Stellenabbaus offen gehalten, verschwindet vor aller Augen. Unter Statistiken liegen die Verschütteten. Du bist auf dem Rückweg. Deine Haustür ist schon in Sicht. Wirst fernsehen, um abzuschalten: Kasperle im Zauberland. Wirst zusehen beim Raten oder Morden, und davon so müde werden, als ob auch du etwas geschafft hättest. Morgen ist wieder so ein Tag. Wirst aufstehen und ins Freie treten. Wirst irgendwann zurückkommen. »Täglich, wenn die Sonne untergeht, geht Humankapital durch Arbeitslosigkeit flöten an diesem Standort« (Bernhard Jagoda, ehemaliger Präsident der deutschen Bundesanstalt für Arbeit). Die Tür fällt hinter dir ins Schloss.

00:00 02.05.2003

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