Aschenputtel und der Prince of Egypt

Freie Entfaltung Sabine Schmidt ist ein Wundertier an Kraft und Mut. Lebenslauf einer Hochbegabten aus niederem Milieu

Sabine ist nicht groß, nicht schön und nicht schlank. Jetzt, sechs Wochen vor der Geburt, besteht sie vor allem aus Bauch und Koboldaugen. Als sie dem Gynäkologen ein Foto des werdenden Vaters zeigte, sagte er: »Wenn ich schwul wäre, würde ich Ihnen den ausspannen.« Der Vater ist eine orientalische Schönheit, 23 Jahre alt, 40 Zentimeter größer als Sabine, gelernter Koch, Zimmerjunge in einem ägyptischen Hotel, war noch nie in Deutschland und wird auch zur Geburt nicht kommen können. Sabine ist 38, und das wird ihr erstes Kind. Sie will den jungen Ägypter heiraten, wenn sie endlich geschieden ist. Die meisten würden darüber lachen.

Aber Sabines Überzeugungskraft reicht so weit, dass selbst der Hausmeister, eigentlich erklärter Ausländerfeind, nun bei ihr auf dem Sofa sitzt und dem avisierten Bräutigam fünf Euro die Stunde für Schneeschippen anbietet, damit er erst mal was zu arbeiten hat, und sogar die Ex-Schwiegereltern freuen sich auf das Kind und den neuen Mann, der »ja auch bei uns im Haus was machen kann.«

Man muss von vorn anfangen, um den Werdegang dieser eigenwilligen Frau zu verstehen, die vielleicht unter die Kategorie »hochbegabt« fällt, die mit breitem Mannheimer Zungenschlag spricht und kreischend lacht, deren typische Kleinbürger-Wohnung mit Püppchen, Schäfchen, Schleifchen und Trockensträußchen ausgestattet ist und mit einem eigenen Bibliotheks-Zimmer. Sie arbeitet mit Leidenschaft als Krankenschwester und treibt den Kollegen auf der Station die Röte in die Ohren, wenn sie vor Vergnügen krähend berichtet, wie sie beim Otto-Versand einen Vibrator mit extra Kitzlerstimulation und Fernbedienung bestellte und auf welche technischen Schwierigkeiten sie beim Ausprobieren stieß. Sabine findet es erschreckend, wie wenig Frauen über Sex als das reden können, was er ist. »Die können sich so hübsch machen, wie sie wollen, aber die Männer kommen doch zu mir, und ich bin klein und dick.« Dieses unerschütterliche Selbstbewusstsein hat sie nicht immer ausgestrahlt.

Sabines Vater war Bauarbeiter, schuftete und trank, die Mutter eine Frau, die kaum Zärtlichkeit geben konnte. Dass ihr erstes Kind, Sabines zehn Jahre ältere Halbschwester, unehelich war, blieb lange ein Familiengeheimnis. Der Vater liebte diese Schwester abgöttisch, und die Mutter war in Sabines Zwillingsbruder vernarrt. Für Sabine blieb nichts übrig.

Vielleicht hat man auch geglaubt, sie könne sich selbst helfen, denn sie ging schon im Alter von vier allein auf den Wochenmarkt. Da war sie bereits seit einem halben Jahr des Lesens und Schreibens mächtig, denn sie hatte es sich aus Langeweile selbst beigebracht. Sabine wollte alles wissen, aber ihre Fragen wurden überhört, und sie musste ihrem Zwillingsbruder aufhelfen, wenn der gestolpert war. Wenn der Vater auf Montage ging, dann schlief der Bruder in Mutters Ehebett. Ins Gymnasium wäre Sabine auch ohne Prüfung aufgenommen worden, aber weil ihr Bruder diese nicht bestand, ging sie mit ihm zur Gesamtschule. Wenn der Vater zu Hause war, interessierte er sich nur für Sabines Schwester. Mit acht klaute Sabine ihr 50 Mark und kaufte dafür Spielzeug und Süßigkeiten für arme Kinder.

»Immer nur lächeln«, trällert Sabine, »immer vergnügt.« Sie flüchtete in eine Traumwelt und niemand bemerkte es. Wenn sie nicht las, was ihr in die Hände fiel, verfolgte sie im Fernsehen Erkennen Sie die Melodie und hörte Rudolf Schock singen: »Selig sind die, die Verfolgung leiden.« Sie schwelgte in Opern und in ihr formte sich die Gewissheit, dass es eines Tages einen Prinz für sie geben müsse.

Als sie mit zehn ihre Periode bekam, wagte sie nicht, mit der Mutter zu sprechen, sondern stopfte sich Klopapier zwischen die Beine. Die Mutter entdeckte das Blut und sagte: »Ab jetzt darfst du nicht mehr mit Jungen spielen.« Mehr erfuhr Sabine nicht über Geschlechtliches.

Als Sabines Schwester alt genug war, um aus dem Haus zu gehen, trank der Vater nicht mehr nur, sondern soff, trat Türen ein, stieß die Mutter die Treppe herunter, und wenn Sabine nachts von dem Lärm aufwachte, schlief ihr Zwillingsbruder weiter, und sie war diejenige, die sich zwischen die Eltern stellen musste. Sie wurde zwölf, dreizehn, vierzehn, während der Vater sie mit dem Messer bedrohte, sie ihn hassen lernte, die Mutter Gallenkoliken bekam, die Polizei eintraf, und sie nachts mit der Mutter aus dem Haus flüchtete, stundenlang durch die Stadt irrte, bis der Vater in einen rauschhaften Schlaf fiel. Nach der Schule, in der sie müde war und sich langweilte, hatte Sabine zu kochen, zu putzen, zu waschen. Für Bücher blieb weder Zeit noch Kraft. Damit der Zwillingsbruder im Unterricht gut mitkam, musste Sabine ihm Nachhilfe geben.

Ihren ersten Freund küsste Sabine im Konfirmandenunterricht, und ihr Bruder schwärzte sie an. Der Kirchenälteste sprach, sie sei eine große Sünderin. Obwohl der Pfarrer sie aus dem Unterricht werfen wollte, blieb Sabine der Kirchenarbeit treu und eröffnete eine Teestube für Jugendliche. Klaglos schulterte sie deren Lasten. »Bei mir konnten sie sich ausheulen.« Sabine beschloss, Krankenschwester zu werden und ließ ihren Bruder allein das Abitur machen. (Er ist später Pfarrer geworden.)

»Wag es nicht, nach Hause zu kommen und zu jammern«, sagte die Mutter, »du hast es so gewollt.« Sabine schrubbte auf den Knien den Fußboden, heulte jeden Tag, fing an zu rauchen und lernte, alte Menschen zu waschen. »Ich habe das Pflegen von der Pieke auf gelernt.«

Ihre erste große Liebe, Hans-Peter, nennt sie »eine Hexe, die mit dem Besen abgestürzt ist«. Obwohl er Sabine zu christlich ist und zu sehr dem Alkohol zugetan, passt sie sich ihm an, so gut es geht, aber sie schläft nicht mit ihm.

Mit 18 kauft Sabine ein Tramperticket und fährt allein ins Ausland. In einer Jugendherberge trifft sie Gregor aus Berlin und weiß sofort, dass sie ihn heiraten will. Beim Abschied verschweigt er ihr seine Adresse. Als Sabine nach Mannheim zurückkehrt, packt sie gleich wieder und fährt nach Berlin. Von Gregors Freund hat sie den Nachnamen - Schmidt - und dass er in der Siemensstraße wohnt. Sie klingelt bei jedem Schmidt in der Siemensstraße. »Nummer 48 war´s dann.«

Als Gregor ihr eine zweideutige Postkarte nach Hause schickt, setzt die Mutter Sabine empört vor die Tür. »Ich schaff das irgendwie« ist Sabines Motto seit je. Sie bezieht ihre erste Wohnung und kommt zum Wäschewaschen nach Hause. Die Mutter knöpft Sabine pro Maschine fünf Mark ab. Trotzdem bessert der räumliche Abstand ihr Verhältnis.

Gregor ist nicht Sabines einzige Männerbeziehung. Zeitweilig unterhält sie drei. Als Hans-Peter ihr Tagebuch liest und sie zur Rede stellt, bittet sie ihn auf Knien, bei ihr zu bleiben, und er gibt ihr großzügig noch eine Chance. »Das konnte keine Liebe sein«, sagt Sabine heute, »nie wieder wollte ich mich so demütigen lassen.« Aber sie hält den Vorsatz nicht.

Ihr Vater kommt ins Krankenhaus mit Leberzirrhose und einem fußballgroßen Tumor im Magen, aus dem Koma wacht er nicht mehr auf. Bruder und Schwester trauern aus der Ferne, Sabine übernimmt die ganze Last des Sterbefalles. Sie ist die einzige, die bei der Beerdigung nicht heult und verachtet die Mutter fast, weil die so ein Theater macht. »Sei doch froh!«

Obwohl Gregor ein guter Liebhaber ist, kann Sabine dem Sex nicht viel abgewinnen. »Alle meine Orgasmen waren vorgetäuscht.« Er will Arzt werden. »Er hat verkörpert, was ich werden wollte, ich dachte, ich kann in seinem Fahrtwind fahren, er wusste soviel.« Sie zieht zu ihm nach Berlin, aber schon in der ersten, beengten Wohnung kommt es zu Streit und Selbstmorddrohungen, und seine Mutter sagt zu Sabine: »Du kannst dir im KaDeWe für fünfhundert Mark Sachen aussuchen, wenn du die Finger von ihm lässt.« Aber Gregor bleibt bei ihr, zeigt ihr Olympia, Rom, Venedig, Pisa, die Welt des Altertums und der Geschichte. Doch er sagt auch: »Mit Deiner Allgemeinbildung kann ich mit Dir nicht auf einen Ärzteball gehen.« Auch sonst ist er recht gewalttätig mit Worten, und Sabine zeigt auf das Telefontischchen, neben dem sie damals zu Boden sank, als die Beleidigungen auf sie herabprasselten. Ja, sie sprach einen erdigen Dialekt, Nein, sie hatte kein Abitur, ja, ihr fehlten feine Manieren.

Das war der Tag, an dem Sabine aufhörte, billige Romane zu konsumieren. Jetzt las sie sich Wissen an und »schwere« Literatur, bis sie feststellte, dass sie Gregor überholt hatte. »Und je mehr ich lernte, merkte ich, wie menschlich verarmt er ist«, aber sie zog daraus keine Konsequenzen. Anderthalb Jahre war Gregor arbeitslos und wenn Sabine von der Arbeit kam, lag er auf der Couch und sagte: »Die Selters ist alle.« Bei den Nachbarn hieß Sabine das Aschenputtel, »aber ich hatte nicht die Kraft, mich zu wehren. Mein Traum von dem Mann, für den ich da sein wollte, wäre kaputtgegangen.«

Bis zu ihrer Heirat arbeitete Sabine im Drei-Schichten-Dienst, um das Geld für beide zu verdienen, fragte Gregor nachts medizinische Prüfungsfragen ab und sparte nebenbei für die Hochzeit, den großen Tag. Was möglich war, kochte, nähte, dekorierte sie selbst. Sogar die beiden Anzüge, die er dafür brauchte, kaufte sie ihm. »Leider ging der Tag viel zu schnell vorbei.«

Für ihre Krankenschwester-Freundinnen war Sabine ein 1,57 Meter großes Wundertier an Kraft, Bildung und Mut. Wenn sie mit ihrem Quietsche-Entchen-Gesicht Geschichten zum Besten gab, platzten sie vor Lachen. Sabine war das Zugpferd, das sie in die Oper schleppte, in der sie noch nie gewesen waren. Wie sehr sie unter ihrer Ehe litt, erfuhr keiner. Eine Gebärmutterkrebs-Operation überstand sie ohne Klage, aber sie nahm 20 Kilo zu. Gregor und sie stellten den ehelichen Verkehr ein und lebten als Bruder und Schwester weiter.

Ihr erstes Verhältnis hatte Sabine mit einem spanischen Oberarzt. Sabine schwankte zwischen Verlangen, Lust und Angst, besuchte den Oberarzt aber doch in seinem Penthouse. Sie war 29. Er, Mitte 50, war der Mann, »der mir das Gefühl gab, eine begehrenswerte Frau zu sein, ein Gefühl, das Gregor mir genommen hatte.« Seine Geschenke wies Sabine ab, aber sie lasen Remarque, hörten Opern. Sabine hätte sich für ihn scheiden lassen. Aber er antwortete: »Jetzt kann ich noch, aber was ist in ein paar Jahren?« Zu Gregor sagte er: »Sie wäre eine hervorragende Ärztin geworden.« Doch das wollte Sabine nicht mehr, sie wollte ihr Leben leben, und dafür brauchte sie kein Studium.

»Ich habe peu à peu gelernt, zu machen, was ich will«, und »Keiner hat mir zugetraut, dass ich so exzessiv fremd gehe.« Dass Gregor ähnlich verfuhr, nahm Sabine nicht übel. Die Veränderung erstreckte sich auch auf andere Bereiche: Sie ging allein oder mit Freundinnen auf zahllose Reisen, ließ sich von einem Griechen lieben, nahm die Einladung eines Türken an, der sie von Istanbul auf eine fünfstündige Busfahrt entführte. »Deine Erlebnisse kann dir niemand mehr nehmen, und das ist der wahre Reichtum. Was ich sagen will: Angst hat man immer, aber vielen Menschen fehlt der Mut, etwas Neues zu wagen, ein Tabu zu brechen, sich zu öffnen.«

Sabine macht es vor. Mit keinem Arzt hatte der 60-jährige, türkische Prostatakrebs-Patient über seine Angst vor Impotenz gesprochen, mit Sabine blätterte er im Beate-Uhse-Katalog, ließ sich Penis-Pumpen erklären und als er wieder bei seiner Frau war, ließ er Sabine wissen, dass es wieder ging. »Und in der Onkologie, da verrecken die Menschen, weil ihnen niemand sagt, wenn es zu spät ist, denn Mediziner können nicht loslassen. Eine Patientin habe ich mal nach ihrem Lebenstraum gefragt, und sie sagte: Eine Nilkreuzfahrt mit ihrem Mann. Da habe ich ihr geraten, die noch zu machen. Sie hat die Therapie abgebrochen, ist gefahren und danach friedlich zu Hause eingeschlafen.«

Der Schnitt mit ihrem Mann kam, als er beruflich die Stadt wechseln musste. (Er ist inzwischen Facharzt.) Sabine ging nicht mit und breitete sich in der Wohnung aus.

Ägypten besuchte sie mit Mitte 30, saß auf dem Bett ihres Hotelzimmers und hörte Musik, als der junge Mann, der ihr Bad putzte, sich umdrehte und auf Englisch sagte, dass er die Puccini-Arie noch nie so schön gesungen gehört habe. Er war stolz und schön, nannte sich Prince of Egypt und fand, dass Frauen nur Ärger bringen. Sabine brachte Walid das Küssen bei, und sie dachte, sie könne es ohne Gefühle. »Aber er war fast zwei Meter groß, und ich lehnte zum ersten Mal an einer starken Schulter.« Er öffnete ihre Bluse, sie warnte ihn: »Wenn du das erste Mal mit einer Frau geschlafen hast, ist das Leben nicht mehr wie vorher.«

Gegen alle Vernunft ist sie wieder hingefahren. Sie wurde in einer einfachen Lehmhütte in Luxor von Walids kichernder Mutter begrüßt, die nur ein Jahr älter ist als Sabine, und der Vater umarmte sie. Neun Mal war Sabine inzwischen in Ägypten und hat auf einer dieser Reisen von Walid das Kind empfangen, das sie sich immer gewünscht hat.Legal kann er sie in Deutschland momentan nicht besuchen, aber er lernt schon Deutsch. Wenn Sabines Scheidung ausgesprochen ist, werden sie heiraten, bis dahin braucht es eben Geduld. Sie sind sich noch nicht einig, in welchem Glauben das Kind aufwachsen soll, aber in jedem Fall tolerant.

Man kann nicht sagen, dass Sabine sich das Leben mit dieser Liebe gerade leichter macht, und sie wird ihre ganze Kraft aufwenden müssen, Walid zu helfen, hier Fuß zu fassen, wie sie schon Gregor geholfen hat, ihrem Zwillingsbruder, ihrem Vater, ihren Patienten. Es ist noch nicht gesagt, dass sie damit glücklich wird, aber vielleicht ist er wirklich der Prinz, von dem sie als Kind träumte. Doch das Aschenputtel hat sich so weit emanzipiert, dass sie es ist, die ihm den gläsernen Schuh reicht, oder vielleicht war sie schon immer so und nichts hat sich geändert. Sie wird wieder ihre ganze Kraft aufwenden, um sich glücklich zu machen, und einem Mann zu helfen. Ihr Noch-Ehemann hat gratuliert.

00:00 28.03.2003

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