Asien im Visier

Macht, Märkte und Energie Washington baut in erster Linie auf verstärkte militärische Präsenz

Die Vereinigten Staaten haben einen Strategiewechsel vorgenommen. »America first« ist unter George W. Bush de facto zur außen- und sicherheitspolitischen Staatsräson geworden. Das hat Folgen - für »den Rest der Welt«, egal ob Freund oder Feind. Und für die Vereinigten Staaten selbst - inklusive ihrer Militär- und Streitkräftepolitik. Vor allem Asien beschäftigt die Politik- und Militärstrategen in den Vereinigten Staaten seit der Texaner George Bush zusammen mit dem Ölmanager Dick Cheney regiert.

Asien ist einer der am schnellsten wachsenden Energiemärkte, aber auch eine der energiereichsten Regionen der Erde. Von der Türkei und dem Transkaukasus über den Mittleren Osten bis hin nach Zentralasien oder auch Myanmar, dem ehemaligen Burma - die Konfliktpotenziale sind so umfangreich wie die Energieressourcen. In Asien entstanden und entstehen neue Nuklear- und Raketenmächte. In Asien erlitt die Supermacht USA ihr größtes Trauma - Pearl Harbour - und ihre wichtigste militärische Niederlage - in Vietnam.

Asien betrachtet die neue amerikanische Regierung als zentrale Herausforderung. Im Vergleich zu ihrem eigenen Anspruch weltweiter, militärischer Hegemonie und Dominanz sind die Möglichkeiten amerikanischer militärischer Machtprojektion hier jedoch vergleichsweise begrenzt. Im Gegensatz zu Europa fehlen feste, effiziente militärische Bündnisstrukturen, umfassende Stationierungsrechte und wesentliche Elemente militärischer Integration oder gar der militärischen Interoperabilität mit örtlichen Partnern. Die Entfernungen sind viel größer, so dass die Reichweite und Fähigkeiten vieler Waffensysteme, die für die Szenarien des Kalten Krieges in Europa entwickelten wurden, für eine effiziente, militärische Machtprojektion in Asien unzureichend erscheinen.

Wie also den amerikanischen Einfluss sichern? Was tun, wenn sich der Iran, Indien und Japan zusammentun, um die Seewege für die schnell wachsenden Energietransporte nach Ost- und Südostasien freizuhalten und sie gegen Piraten zu schützen, die von China unterstützt werden? Was tun, wenn diese Staaten eine Involvierung Washingtons nicht wünschen und das Sicherheitsproblem auf hoher See in die eigene Hand nehmen? Was tun, wenn Pakistan zusammenbrechen sollte und seine Regionen beschließen, sich Indien anzuschließen? Was tun, wenn sich in Folge dessen die Taliban-Regierung in Afghanistan nicht mehr halten kann und das Land in drei Teile zerbricht, die sich Indien, Tadschikistan und dem Iran anschließen? Was tun, wenn ein schwächelndes China sich in einer Phase schwindender Stärke entschließt, Taiwan gewaltsam ins Reich der Mitte zurück zu holen? Wie vorgehen, wenn Taiwan - um dem vorzubeugen - ein eigenes Nuklearpotential aufbaut, wenn Japan sich entschließt, Nuklearmacht zu werden?

All diese Fragen entstammen nicht dem Denken verwirrter Politikwissenschaftler oder Zukunftsforscher. Sie werden von einem der einflussreichsten Denker des amerikanischen Verteidigungsministeriums aufgeworfen. Andrew Marshall, 79 Jahre alt, wurde von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld mit der Ausarbeitung der Schwerpunkte und langfristigen Perspektiven amerikanischer Strategie betraut. Vor zwei Jahren ließ er - ein Anhänger der so genannten Spieltheorie - seine berühmte Sommerschule am Naval War College Asiens Entwicklungsperspektiven und die Handlungsmöglichkeiten der USA bis zum Jahre 2025 vordenken. Heute beeinflussen die Ergebnisse des Experiments die reale Strategieplanung Washingtons.

Und die neue Administration setzt ihre Schwerpunkte. Graduell gewinnt das Engagement in Asien gegenüber dem in Europa deutlich an Gewicht. Parallel soll Europa mehr Verantwortung übernehmen, die Führungsmacht USA bei Konflikten in den Europa nahen Regionen Asiens stärker militärisch unterstützen, so am Persischen Golf, damit Washington seine militärischen Kräfte für weiter entfernte Teile Asiens freisetzen kann.

Doch nicht nur im Verhältnis zu Europa und Asien wird ein gradueller Bedeutungswandel erwartet, sondern auch innerhalb Asiens. Heute sind die USA vor allem in Ost- und Nordostasien präsent - in Japan und auf der koreanischen Halbinsel. Künftig - so die Vorhersage - müssen die USA vor allem im Süden und Südwesten sowie in Zentralasien engagiert sein. Denn dort befinden sich nicht nur die größten Energievorkommen, dort verlaufen künftig auch die wichtigsten Energieversorgungswege der Welt. Wenn Asiens Energieverbrauch so stark steigt wie angenommen, dann verdient dies die besondere Aufmerksamkeit der Vereinigten Staaten. Aufmerksamkeit meint vor allem auch militärische Präsenz. Diese bedingt erweiterte Stationierungsrechte, strategische Allianzen und veränderte Planungen für das Militär der USA.

Colin Powell, der amerikanische Außenminister, nutzte bereits seine erste größere Asienreise, um vor allem den traditionellen Kooperationspartnern Washingtons in Asien das gewachsene Gewicht ihrer Region für die amerikanische Politik zu verdeutlichen, ihnen ein größeres US-Engagement anzukündigen und verstärktes Eigenengagement abzuverlangen. Japan und Australien ließ er wissen, dass Washington über engere Bündnisbeziehungen nachdenkt. China verdeutlichte er, dass Peking zwischen Kooperation und Konfrontation wählen müsse - der chinesische Umgang mit Taiwan sei das entscheidende Kriterium.

Neue Handlungs- und Stationierungsmöglichkeiten für amerikanische Truppen in Asien zu schaffen, ist besonders wichtig. Überlegt wird, die amerikanische Pazifik-Insel Guam als zentrales Nachschublager und Flugplatz für Bomber großer Reichweite auszubauen. Große Teile der in Europa lagernden Kriegsreserven der US-Streitkräfte sollen nach Südwestasien und Ostasien verlagert werden. Außerdem wird darüber nachgedacht, die Schlagkraft der US-Luftwaffe und der US-Marine sowie die schnelle Verlegbarkeit von US-Heereseinheiten im Pazifik systematisch zu verbessern. Doch all das erscheint den Planern im Pentagon noch nicht hinreichend. Auch vor unkonventionellen Überlegungen machen die neuen US-Konzepte nicht halt. Die Präsenz amerikanischer Truppen in Korea könnte im Fall einer Vereinigung der koreanischen Staaten gefährdet sein. Dann müsste Ersatz her. Zum Beispiel auf den südlichsten Inseln Japans, auf den Philippinen, in Thailand oder - warum auch nicht - in Vietnam.

Zudem soll verhindert werden, dass regionale Großmächte, die mit den Vereinigten Staaten rivalisieren, eine eigenständige und konkurrierende Machtbasis entfalten. China ist bereits ein solcher möglicher Kandidat, den es in Schach zu halten gilt - vor allem im Blick auf Taiwan. Ein strategisches Bündnis zwischen Peking und Moskau - trotz des neuen Freundschafts- und Partnerschaftsvertrages unwahrscheinlich - will Washington daher auf jeden Fall unterbinden.

Indien kommt - auch deshalb - entscheidendes Gewicht zu und soll daher in die amerikanischen Planungen soweit möglich eingebunden werden. Erste Zeichen waren schnell gesetzt. Robert D. Blackwill, ein sicherheitspolitisches Schwergewicht, wurde als Botschafter in New Delhi ernannt. Namhafte Vordenker der neuen Asienpolitik übernahmen wichtige Posten in der neuen Administration. Die Zeiten, in denen Indien wegen seiner Atomtests mit Sanktionen belegt wurde, gehen rasch dem Ende entgegen. Kürzlich wurde vereinbart, dass amerikanische Soldaten den Kampf gegen Guerillas im indischen Dschungel üben dürfen. Der US-Befehlshaber für den Pazifik, Admiral Blair, bemerkte anlässlich eines Besuches in Sri Lanka, es gebe viele gemeinsame oder parallele Interessen, bei denen sich die Zusammenarbeit mit Indien lohne - die Bekämpfung von Piraterie und Terrorismus, friedenserhaltende Maßnahmen und nicht zuletzt die Sicherheit und Kontrolle nuklearer Waffen. Selbst die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit Indien bei einem Lieblingsprojekt der neuen US-Administration - der Raketenabwehr - wurde angedeutet.

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00:00 24.08.2001

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