Assistierte Selbstgespräche

#allesaufdentisch Problematisch an den Videos ist weniger ihr Inhalt, sondern wie sehr sie uns noch aufregen können
Assistierte Selbstgespräche
Die diskursive Sumpfblase in Farbe

Screenshot: www.allesaufdentisch.tv

Wenn „alles auf den Tisch“ soll, was für ein Tisch ist damit eigentlich gemeint? Ein Konferenztisch, ein Stammtisch, ein Esstisch? Den Initiatoren der Aktion #allesaufdentisch schwebt offenbar ein runder Tisch vor. Dort sollen endlich mal Experten angehört werden, „die bisher, trotz ihrer oft hohen Reputation, in der öffentlichen Debatte kaum oder gar nicht wahrgenommen wurden“. Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden.

Wenig einzuwenden war auch schon gegen #allesdichtmachen, dem Vorgänger der aktuellen Tisch-Aktion. Darin machten sich Schauspieler über Coronamaßnahmen lustig. Nichts spricht gegen Kunst, und sei sie auch noch so lahm als Satire verkleidet. Und selbstverständlich bilden sich beim öffentlichen Nachdenken über eine krisenhafte Großlage, wie Corona es ist, Hauptströmungen mit tiefem Bett, Stromschnellen der Leidenschaft und brackige Seitenarme.

Auch dieser Aufruf zu „eigenem Denken“ findet große Aufmerksamkeit – vor allem dort, wo er sie sucht. Wenn aber Forscher, deren Erkenntnisse „trotz ihrer oft hohen Reputation“ tatsächlich „kaum oder gar nicht wahrgenommen werden“, dann liegt das sicher nicht an den bewährten Methoden wissenschaftlicher Arbeit. Wer glaubt, Staat oder Medien hätten hier ihre manipulativen Finger im Spiel, traut beiden Institutionen verdächtig viel zu. Nicht ausreichend gehört wurden, nebenbei gesagt, auch Experten, die der Ansicht sind, bei der Erde handele es sich um eine Scheibe.

Medien, die etwas so Komplexes wie die Pandemie in eine sinnfällige Erzählung packen, gibt es allenfalls in totalitären Systemen. Wo übrigens auch bewährte Methoden zur Anwendung kämen, die Macher von #allesaufdentisch zum Schweigen zu bringen.

Dabei ist unklar, welchem Genre diese Videoaktion überhaupt angehören will. Oberflächlich betrachtet sind es 50 Interviews zu Themen wie „Kollektive Angststörung“, „Masken“, „Meinungsfreiheit“, „Gekaufte Forschung“, „Wahrheitsdefinition“ oder „Kindeswohl“. Es könnte sich also um einen Journalismus handeln, wie ihn die Medien angeblich nicht leisten. Gegenöffentlichkeit.

Tatsächlich sind es therapeutische Gespräche, eher noch: assistierte Selbstgespräche. Die Künstlerinnen und Künstler wollen von einem Kommunikationsforscher, einem Anwalt, einem Publizisten oder einem Psychologen nichts wissen als das, was sie ohnehin schon zu wissen glauben, mindestens aber geahnt haben. Es sind im Grunde 50 Echokammern.

Einige der erörterten Standpunkte sind vernünftig, andere nicht falsch, manche wirklich sensationell – etwa die Behauptung des Medienkritikers Michael Meyen, die Methode des Faktenchecks sei in Wahrheit von US-Tech-Firmen erfunden worden, um die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen.

Problematisch ist dabei weniger, dass diese Gespräche oft von keinerlei Fachkenntnis angekränkelt wären, oder dass sie offen sind für rechte Verschwörungserzählungen. Das könnte man notfalls noch aushalten. Problematisch ist nicht einmal, dass sich hier ohne Widersacher ein Dissidententum behauptet, das sich mit den eigenen Meinungen und Ansichten im öffentlichen Diskurs nicht hat durchsetzen können; der lauernde Trotz, mit dem das geschieht.

Problematisch dagegen ist, wie erschöpfend das alles ist. Und wie durchschaubar. An diskursive Sumpfblasen wie #allesaufdentisch werden wir uns gewöhnen müssen. Wir müssen lernen, auf den Quatsch mal nicht mit „Aufsehen“ zu reagieren. Sondern mit einem Gähnen, beispielsweise.

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06:00 07.10.2021

Ausgabe 42/2021

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