Asyl für Fledermäuse

13 Jahre Einheit bei uns auf dem Dorfe Wovon leben die Leute eigentlich?

Die "Wende" muss bei uns auf dem Dorfe in aller Herrlichkeit erfolgt sein. Man hatte nichts zu verlieren; man saß wie die Made im Speck. Das Dorf war das beliebteste Tages-Ausflugs-Ziel der DDR-Hauptstädter am wahrscheinlich reizendsten Binnensee innerhalb des Warschauer Paktes. Jeder Quadratmeter war verpachtet an den FDGB-Feriendienst; noch die letzte Scheune, der feuchteste Pappbungalow wurde im Sommer "schwarz" vermietet. Außerdem hatte man die berühmte "Pionierrepublik" am Werbellinsee - ein Juwel! Und nun? Weg mit der diktatorischen Einheitsgewerkschaft und ihren repressiven Urlaubsangeboten für die Werktätigen und endlich die Pensionen, Feriendörfer, Gaststätten und Steganlagen in Volkes Hände genommen! Denn Geld verdienen wie die Wessis, das können wir auch. Die Freiheit kam als Gewerbefreiheit ins Dorf.

Der erste frei gewählte Gemeinderat tilgte die sozialistischen Symbole, pflasterte die Gustav-Adolf-Straße mit Steinen aus dem Westen und ließ sich für das kommende Wirtschaftswunder eine großzügig dimensionierte Fernwärme-Versorgung und die "auf Zuzug" berechnete Kläranlage überhelfen. Seitdem trägt unser Dorf viele Millionen Schulden durch die Jahre der Einheit, die aber, seit sie in Euro ausgedrückt werden, halb so schlimm aussehen.

Als ich vor sechs Jahren ins Dorf kam, um dort zu bleiben, (*) war die Bürgerschaft bereits in Lethargie gefallen. Dort ist sie noch heute. Nach all den Jahren der Freiheit nur Zeichen des Verfalls, von ein paar Zeichen der Raffgier - in der Lokalpresse "unternehmerischer Geist" genannt - einmal abgesehen! Das "Bebel-Heim", einst das größte Urlauberhotel am Ufer, ist ein Asyl für Fledermäuse. Die Natur kreist es langsam ein. Aus einem anderen Heim wurde der "Kaiserhof". Aber kaum jemand will in unserem Dorf übernachten. Im Gesträuch ist inzwischen manch großformatiges Schild verwittert, das uns eine prächtige "Seniorenresidenz" oder ein pikfeines Landvillenviertel für Berliner vor Augen führte. An der Promenade finden die Besucher drei Gaststätten vor, die ein tüchtiger Dorfbewohner allesamt erworben hat. Eine davon lässt er verfallen. Und mit den anderen beiden sorgt er dafür, dass ihm niemand den Preis für Forelle mit Petersilienkartoffeln unterbieten kann. Im Dorf gibt es außerdem nur noch einen Laden (den einstigen KONSUM), den Frisör und den Kindergarten. Die "Pionierrepublik" (sie trägt natürlich längst einen harmlosen Namen) wurde mindestens dreimal weltweit zum Kauf ausgelobt. Aber so lange man dort Kinder beherbergen muss und nicht etwa Luxusappartements errichten darf, bleibt sie, was sie ist.

Der "Aufschwung Ost" zeigt sich bei uns im Dorf in der Aufhängung einer Kirchenglocke an einem Holzgestell. Wir sind über Jahrhunderte zwar ganz gut ohne Kirchenglocke ausgekommen. Aber christliche Fundamentalistinnen aus Schwaben, deren Gatten in der nahen Kreisstadt jene verantwortlichen Tätigkeiten ausüben, die man Ostlern nicht zutraut, brauchten eine Beschäftigung und sammelten heftig für das Geläut.

Wenn es am Wochenende mindestens 30 Grad sind, kommen ein paar Hundert Berliner, manchmal ist der Parkplatz sogar voll. Nachmittags um fünf fliehen sie uns wieder. Einmal stieg Theo Waigel aus dem Auto und zeigte seiner Frau stolz am Beispiel unseres Sees, wie schön eroberte Gebiete sein können. Solchen Gästen wollte die Bürgerschaft auch "was Geistiges" bieten und zitiert deshalb an der Promenade auf einem eiförmigen Schild den Dichter Fontane: "Es ist ein Märchenplatz, auf dem wir sitzen, es ist das Ufer des Werbellin...". Eine andere Berühmtheit, die hier weilte, war einer der Attentäter vom 11. September, ein gewisser Herr Atta. Aber für einen wirklich prosperierenden Fremdenverkehr reichen zwei Prominente natürlich nicht.

So gründeten Wirte und Reiterhofbesitzer verzweifelt Selbsthilfevereine. Flyer wurden gedruckt. Die Region sollte "als Ganzes und in ihrer Vielfalt" vermarktet werden, tönte der Landrat. Aber nichts geschah. Wenn einer was verdienen will, beispielsweise indem er einen Ausflugskahn fahren lässt, bildet sich gegen dieses Vorhaben sofort eine unbewaffnete Bürgerwehr, die immer auch einen befreundeten Beamten in der Kreisverwaltung findet. Im 13. Jahr der Einheit ist es notgedrungen weniger der Erwerbssinn, der die Dörfler am Leben erhält, sondern der Argwohn, jemand könnte in der allgemeinen Misere doch noch seinen Schnitt machen - das heißt, mit seinem Reingewinn über den Sozialhilfesatz kommen. Der Gemeinderat war jahrelang das Gremium, in dem Gastronomen, Immobilienhändler oder Steganlagenbesitzer ihre Kleinkriege ausfochten. Der Umgangston dort war rauer als im Bundestag. Es wurde gebrüllt, geweint und mit Herzinfarkt gedroht. Wir wählten uns regelmäßig einen Trinker zum Bürgermeister oder einen, der ein heimliches Nebengeschäft zu vertuschen hatte (zum Beispiel an Parkgebühren mitverdiente). Wer bei uns einer Bürgerversammlung beiwohnte, wünschte sich insgeheim, eine Springflut aus dem Werbellinsee möge kommen und der Versammlung der verdrucksten Duckmäuser ein plötzliches Ende bereiten. Ein paar zugezogene Westler, die prächtige Häuser im "Bayern-Look" gebaut hatten, führten das Wort. Die Ureinwohner starrten auf ihre Schuhe oder durch die hohen Fenster des "Kaiserhofs" in den Wald hinein. Sie schwiegen eisern und arg beleidigt - wahrscheinlich wegen der Zumutung, dass sie noch am Leben sind.

Von der Verantwortung, in Wahlen über unser Dorf mit zu entscheiden, ist die Bürgerschaft jedoch nunmehr durch die Gemeindegebietsreform befreit worden. Wir werden jetzt von einer 15 Kilometer entfernten Kleinstadt aus mitregiert.

Manchmal, wenn Tagestouristen durch den Ort streichen, sehen sie alte Frauen in Kittelschürzen im Gemüsebeet stehen und fragen sich: Wovon leben die Leute eigentlich hier? Eine gute Frage. Vom Fischen, von der Landwirtschaft und vom Bootsverleih leben sie nicht. In der Stadt, wo früher Stahl gewalzt und Kräne gebaut wurden, kann sie keiner brauchen, und sogar die Schwarzarbeit wird knapp. Wovon wir eigentlich leben - das ist unser Geheimnis, das Mysterium der Deutschen Einheit! Aber wofür wir leben, verrate ich: für den Preisvergleich, die Schnäppchenjagd. Die gibt dem Dasein Sinn und Farbe, dafür lohnt es durchzuhalten.

(*) siehe auch: Mathias Wedel, Bei uns auf dem Dorfe, Eulenspiegel Verlag 2002.
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00:00 03.10.2003

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