Atemberaubende Aussichten

Im Gespräch Der britische Wirtschaftsforscher Greg Muttitt über den drohenden Ausverkauf irakischen Erdöls über Jahrzehnte hinweg

Von 80 bekannten Ölfeldern des Irak sollen 63 für einen Zeitraum von bis zu 40 Jahren de facto privatisiert werden. Über entsprechende Verträge verhandeln unter anderem BP und Chevron, unterstützt durch die Regierungen Großbritanniens und der USA. Dies ergaben Recherchen dreier britischer NGO, die gerade in einer Studie veröffentlicht wurden (www.CrudeDesigns.org).

Greg Muttitt ist für die britische NGO Platform Mit-Herausgeber dieses Reports. Platform arbeitet hauptsächlich zu den globalen Auswirkungen britischer Erdölgeschäfte auf Entwicklung, Umwelt und Menschenrechte.

FREITAG: Anti-Kriegs-Gruppen argumentieren schon lange, die Gründe für den Angriff auf den Irak seien ökonomischer Natur gewesen: Es gehe um das irakische Erdöl. Konnten Sie diese These mit Ihrer Studie erhärten?
GREG MUTTITT: Ein Stück weit sicherlich, aber es gab schon vorher Belege. In Strategiepapieren der USA und Großbritanniens wurde wiederholt das Interesse an den Erdölressourcen in der Golfregion bekundet. Im Irak befinden sich zehn Prozent der nachgewiesenen globalen Erdölvorkommen, in den Nachbarstaaten - Saudi Arabien, Kuwait und Iran - liegen weitere 40 Prozent. Auch wenn eine Kriegsentscheidung komplex ist, also zahlreiche Aspekte berücksichtigt, gab es eine ganz entscheidende Motivation: die Kontrolle über die irakischen Reserven zu erlangen und den Einfluss auf die gesamte erdölreiche Region auszudehnen.

Laut Ihrer Studie wird die irakische Volkswirtschaft zwischen 74 und 194 Milliarden US-Dollar verlieren, sofern die multinationalen Erdölkonzerne sich dort etablieren. Wie kommen Sie auf diese Zahl?
Wir haben die so genannten "Vereinbarungen über gemeinsame Produktion" (PSA) unter die Lupe genommen, bei denen der Herkunftsstaat nur mit äußerst geringem Gewinn rechnen kann. Diese Vertragsart wird vor allem von den USA für Geschäfte zwischen dem irakischen Erdölministerium und Ölkonzernen favorisiert. Wichtig ist, dass entsprechende Abkommen noch nicht unterzeichnet wurden. Geschieht dies, wird jegliche öffentliche Debatte sinnlos, weil die PSA Laufzeiten von bis zu 40 Jahren vorsehen. Als offenbar wurde, dass im Irak PSA abgeschlossen werden sollen, haben wir uns diese Verträge in anderen Staaten angesehen und die Konditionen auf die irakische Situation übertragen. Mit den Daten aus verschiedenen Ländern und den Angaben des Bagdader Erdölministeriums erstellten wir dann eine Wirtschaftskalkulation, um die voraussichtlichen Gewinne von Staat und Konzernen zu ermitteln. Die Marge von 74 bis 194 Milliarden US-Dollar bezieht sich dabei nur auf die zwölf Ölfelder, an denen private Konzerne bislang Interesse gezeigt haben.

Wir mussten bei dem Ausblick natürlich eine Reihe von Vermutungen anstellen. So gingen wir von einem durchschnittlichen Weltmarktpreis von 40 US-Dollar pro Fass Erdöl für die kommenden 30 Jahre aus. Grundsätzlich gilt: Je höher der Preis, desto größer die Verluste für den irakischen Staat.

Wer würde also vom irakischen Erdöl profitieren?
Nach unseren Berechnungen könnten multinationale Erdölkonzerne Ertragsraten zwischen 40 und 160 Prozent erwarten - das sind atemberaubende Aussichten. Zum Vergleich: Erdölkonzerne setzen die notwendige Profitschwelle gemeinhin bei zwölf Prozent an. Liegt der Ertrag über dieser Rate, ist das Geschäft profitabel. Angestrebt werden gemeinhin 15 bis 18 Prozent, 20 Prozent gelten als Topwert.

Geschäfte zwischen Staaten und privaten Investoren sind im globalen Energiegeschäft doch üblich. Inwiefern heben sich die PSA ab?
Jeder Erdölkonzern würde Ihnen sagen, dass diese Verträge an der Tagesordnung sind. Nach Angaben der Internationalen Energiebehörde gelten PSA aber nur für zwölf Prozent der globalen Erdölgeschäfte. Tatsächlich werden PSA fast ausschließlich von Staaten unterzeichnet, die über kleine Erdölvorkommen verfügen, die schwer zu erschließen sind und deren Ausbeutung ein hohes Geschäftsrisiko in sich birgt, bei Erdölfeldern auf hoher See etwa. In diesen Fällen ist die ungleiche Gewinnaufteilung zugunsten des privaten Partners sogar gerechtfertigt. Der Irak hingegen verfügt über die weltweit zweitgrößten Erdölvorkommen, die einfach zu erschließen sind. PSA haben für Bagdad schlichtweg keinen Sinn.

Seit 1970 war im Irak die Privatisierung des Erdöls verboten. Mitte Oktober trat nun eine neue Verfassung in Kraft. In dieser heißt es nur noch, das Erdöl gehöre dem irakischen Volk. Wo liegt der Unterschied?
Die Formulierung in der neuen Verfassung bedeutet, dass die Regierung als Vertreterin des Volkes die Erdölgeschäfte kontrolliert. Das wäre aber ohnehin der Fall gewesen. Selbst in Ländern, in denen die natürlichen Ressourcen privatisiert sind, behält sich der Staat in jedem Fall ein Eingriffsrecht vor. Im Nachbarland Iran ist die Privatisierung bis heute grundsätzlich verboten - so wie im Irak bis vor wenigen Wochen.

Macht die neue Verfassung die Ausbeutung der Erdölressourcen durch multinationale Konzerne erst möglich?
Nach der neuen Verfassung sollen alle Erdölfelder, die im Moment nicht in Betrieb sind, nach den "Prinzipien des Marktes und zur Steigerung der Investitionen" ausgebaut werden. Außerdem wird den Regionen eine stärkere Verhandlungsposition eingeräumt. Die regionalen politischen Strukturen haben aber bei weitem nicht die Kompetenz und Verhandlungsmacht des Erdölministeriums in Bagdad. Kurzum: Sie können leichter über den Tisch gezogen werden.

Das Gespräch führte Harald Neuber


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00:00 02.12.2005

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