Atemlose Ausdauer

Kinderlähmung Vor über 20 Jahren erklärte die Weltgesundheitsorganisation Polio für ausgerottet. Doch auch heute noch sterben Kinder an dem Virus

Vor 30 Jahren, am 26. Oktober 1979, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Pocken für ausgerottet erklärt. Die entsprechende Kampagne war 1956 von der Sowjetunion initiiert worden. Die berüchtigte Krankheit, die durch ein Virus ausgelöst wird, war seinerzeit in 33 Ländern verbreitet und hatte jährlich circa zwei Millionen Todesopfer gefordert. Die letzten Erkrankungsfälle wurden 1977 aus dem somalischen Ogaden-Gebiet gemeldet, damals Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen Somalia und Äthiopien. Als letzter Pockenkranker gilt der Koch Ali Maow Malin, der sich im Oktober 1977 mit dem Pockenvirus infiziert hatte, aber geheilt werden konnte.

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Nach diesem großen Erfolg hatte die WHO 1988 vorgeschlagen, noch eine zweite Viruserkrankung auszurotten – die Polio oder Kinderlähmung (Poliomyelitis), an der damals weltweit jedes Jahr rund 350.000 Kinder erkrankten.

Ältere Leserinnen und Leser werden sich noch an die Schrecken dieser Seuche erinnern, die in leichten Fällen an eine Sommergrippe erinnert, bei schweren Fällen aber zu Entzündungen des Zentralnervensystems führt: An die periodischen Ausbrüche der Krankheit vor allem im Herbst, an die besorgten Mahnungen der Eltern, in dieser Zeit jede Anstrengung zu vermeiden und auch sonst der möglichen Ansteckung vorzubeugen; an die Begegnung mit weniger glücklichen, teilweise gelähmten Altersgenossen; Bilder von Menschen, die in der „eisernen Lunge“ beatmet wurden und die man mit Grausen und ungläubigem Staunen betrachtete.

Seit 1954 steht mit dem von Jonas Salk (1914-1995) entwickelten Impfstoff ein Schutz gegen die von sogenannten Picorna-Viren verursachte Krankheit zur Verfügung (von RNA und pico = klein). Die von der WHO 1988 gestartete Impf- und Ausrottungskampagne zeigte zunächst beeindruckende Erfolge: 1994 konnten Nord- und Südamerika, im Jahr 2000 die Region West-Pazifik für poliofrei erklärt werden. Allerdings war für eben dieses Jahr 2000 ursprünglich sogar eine poliofreie Welt als Ziel deklariert worden. Diese Absicht konnte nicht verwirklicht werden – zur Jahrtausendwende waren noch 24 Endemiegebiete bekannt, 20 davon in Afrika, vier in Asien. In der zum WHO-Gebiet Europa zählenden Türkei wurden 1998 noch 26 Erkrankungsfälle registriert; da seither keine Neuerkrankungen mehr aufgetreten sind, wurde 2002 auch die Region Europa von der WHO als poliofrei registriert.

Hoffnung ist süß

Seither freilich stagnieren die Bemühungen. Zwar konnte am 25. März 2008 auch Somalia für poliofrei erklärt werden – ein Erfolg, der dem Einsatz von rund 10.000 freiwilligen Helfern zu verdanken ist, die in dem von Krieg und Bürgerkrieg geplagten Land trotz aller Schwierigkeiten unermüdlich Impf-Kampagnen durchgeführt hatten; zu ihnen gehörte auch der Koch Ali Maow Malin, der 1977 die Pocken überlebt hatte. In den vier verbleibenden Endemiegebieten Nigeria, Indien, Pakistan und Afghanistan hingegen hat sich die Lage – auch aus politischen Gründen – eher verschlechtert, wie die folgende Tabelle zeigt.

Weltweit kam es im Jahr 2007 zu 603 registrierten Polio-Fällen, 2008 aber zu mehr als doppelt so vielen, nämlich 1371. Aus den genannten Ländern kommt es immer wieder zur Ausschleppung der Krankheit in benachbarte, aber – durch den modernen Luftverkehr – auch in weit entfernte Gebiete. Dies gilt insbesondere für Nigeria, aus dem im vergangenen Jahrzehnt die Poliomyelitis in 20 zuvor als poliofrei klassifizierte Länder verschleppt wurde, darunter der Jemen und Indonesien, wofür aller Wahrscheinlichkeit nach der Pilgerstrom nach Mekka verantwortlich sein dürfte. Es daher ist nur konsequent, dass Saudi-Arabien für den diesjährigen Hadsch den Nachweis eines Impfschutzes verlangt.

Realität ist grausam

Aber auch in den europäischen Ländern ist die Wiedereinschleppung der Kinderlähmung durchaus möglich. Dies zeigte sich in der Schweiz, wo im August 2007 in einer Abwasserprobe der Stadt Genf Polioviren gefunden wurden, die hohe Ähnlichkeit mit dem seinerzeit im Tschad zirkulierenden (und aus Nigeria dorthin eingeschleppten) Viren-Stämmen hatten. Die WHO empfiehlt deshalb auch für Europa die Auffrischung des Impfschutzes alle zehn Jahre.

Am 21. Januar 2009 nun haben die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die internationale Vereinigung der Rotarier sowie die Regierungen von Deutschland und Großbritannien gemeinsam erklärt, insgesamt 630 Millionen Dollar – etwa eine halbe Milliarde Euro – zur Verfügung zu stellen, um damit die endgültige Ausrottung der Kinderlähmung ins Werk zu setzen.

Zweifellos handelt es sich dabei um ein verdienstvolles Vorhaben. Ins Nachdenken könnte man allerdings geraten, wenn man die für solche Gesundheitsprogramme verausgabten Summen mit jenen vergleicht, die zur selben Zeit für die Rettung angeblich notleidender Banken veranschlagt werden. Im Falle des Polio-Projekts wird ohnehin der Löwenanteil der Kosten (255 Millionen Dollar) von der privaten Gates-Stiftung getragen. Und die deutsche ­Re­gierung hat genau eine Woche vor der Ankündigung, sich „großzügig“ am Polio-Ausrottungs-Projekt zu beteiligen, das Neunzigfache von dessen Gesamtkosten, nämlich 18 Milliarden Euro, der Commerzbank zur Verfügung gestellt, um sie vor Schaden zu bewahren. Eine kranke Bank ist eben auch 2009 allemal wichtiger als kranke Kinder.

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