Atombomben sollten die Wende bringen

50. Jahrestag der Schlacht von Dien Bien Phu Am 7. Mai 1954 zerbrach Frankreichs Kolonialmacht in Indochina

Die Bataille beginnt am 12. März 1954 und dauert 55 lange Tage. General Vo Nguyen Giap erinnert sich später: "Die Franzosen wollten in Dien Bien Phu Hackfleisch aus den Viet Minh machen, sie wollten die Festung wie eine Vernichtungsmaschine gebrauchen, aber in jedem Krieg gibt es Stellen, an denen sich der Feind strategisch schwach präsentiert, dort muss man ansetzen ..."

Die Schwachstellen der Festung Dien Bien Phu im Norden Vietnams sind die Lage in einer Talsenke und die feste Überzeugung von General Navarre, des französischen Oberbefehlshabers für Indochina, es sei unmöglich, auf den Bergen des Hochlandes von Tonking, die sich wie ein Ring um das Fort legten, leichte, geschweige denn schwere Artillerie zu platzieren. Die Barfuß-Soldaten des General Giap aber, des Geschichtslehrers aus Hanoi, der ein gepflegtes Französisch spricht und einer der engsten Vertrauten Ho Chi Minhs ist, vollbringen das Unmögliche. In wochenlangen Gepäckmärschen durch den Gebirgsdschungel, auf Fahrrädern und Menschenrücken, in der Nacht und während der Schlammperiode des "crachin", des dünnen, kalten Monsunregens im Norden, schleppen sie Geschützrohre, Lafetten und Munition auf die Höhen über Dien Bien Phu. In den Monaten vor der Schlacht schlägt die Geburtsstunde des legendären Ho-Chi-Minh-Pfades, der im chinesisch-vietnamesischen Grenzgebiet für den Nachschub aus der Volksrepublik China gebraucht wird. Mao Zedongs Kommunisten und Ho Chi Minhs Viet Minh seien "so unzertrennlich wie Lippen und Zähne" versichern ihre Kommuniqués und überspielen eine zweitausendjährige Geschichte der Kriege, Besetzungen und Demütigungen, auf die Chinesen und Vietnamesen zurückblicken.

Als die ersten Artilleriegranaten die Bunkerwände von Dien Bien Phu erbeben lassen, wollen die Franzosen nicht glauben, was ihnen widerfährt. "Wenn sie mit Granatwerfern herankommen, haben sie schon viel erreicht ...", hatte General Navarre herablassend erklärt und damit wieder einmal den Satz von Georges Clémenceau aus dem Jahr 1917 bestätigt, Krieg sei eine viel zu ernste Angelegenheit, als dass man ihn den Militärs überlassen dürfe.

Ende April 1954 wird die Lage der bedrängten Garnison von Tag zu Tag hoffnungsloser. Georges Bidault, der Außenminister Frankreichs, das sich als Hort der Menschenrechte wähnt und andere Nationen gern seine zivilisatorische Überlegenheit spüren lässt, fragt bei der US-Regierung an, ob nicht durch den Abwurf taktischer Atomwaffen Dien Bien Phu gerettet werden könnte. John Foster Dulles zaudert und kontaktiert den britischen Premierminister Winston Churchill, der sein striktes Veto einlegt. So steigt am 7. Mai 1954 über dem zuletzt eroberten Bunker einer geschlagenen Bastion die rote Flagge mit dem Gelben Stern der Demokratischen Republik Vietnam auf, die Ho Chi Minh bereits am 2. September 1945 proklamiert hat. Frankreichs Indochina-Korps ist bis ins Mark getroffen, so dass auch die letzten Positionen von strategischem Wert - in Hanoi wie im Delta des Roten Flusses - die totale Niederlage nicht aufhalten können.

Der Versuch, sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Vietnam, das zuvor jahrelang durch die japanische Armee besetzt war, wieder als Kolonialmacht zu etablieren, ist endgültig gescheitert. Die Franzosen haben sich am Widerstand einer Unabhängigkeitsbewegung aufgerieben, deren Kern die nationalkommunistischen Viet Minh mit ihrem Führer Nguyen Ai Quoc sind, für den es viele Pseudonyme gibt. Eines davon lautet Ho Chi Minh, was soviel bedeutet wie "Ozean voller Licht und Gerechtigkeit". Ein anderes heißt "Lucius" und erinnert an die Aufstände gegen die Japaner Anfang der vierziger Jahre, als die Viet Minh von den Amerikanern unterstützt werden und der Geheimdienst OSS regelmäßig Kontakt zu "Lucius" alias "Onkel Ho" unterhält. Als der 1945 die Souveränität seines Landes proklamiert und eine Republik ausruft, die den Tugenden "der Freiheit und des Wohlergehens" dienen soll, sind die ersten Abschnitte der vietnamesischen Unabhängigkeitserklärung fast wörtlich der amerikanischen vom 4. Juli 1776 entnommen.

Anfang 1946 jedoch wendet sich die US-Regierung brüsk von Ho Chi Minh ab. Mit dem ausbrechenden Kalten Krieg ist er als Kommunist verfemt, eine weitere Zweckallianz verbietet sich, die Akte "Lucius" wird geschlossen. Noch sechs Mal wendet sich der Viet Minh-Führer zwischen 1946 und 1949 mit persönlichen Briefen an Präsident Truman, ohne auch nur einer Antwort gewürdigt zu werden. So bleibt ihm nur das Arrangement mit den ungeliebten Franzosen, die vorgeben, eine unabhängige vietnamesische Republik respektieren zu wollen, sofern sie Mitglied der "Union Française", der Indochinesischen Föderation, ist. Darüber wird im März 1946 ein Abkommen zwischen Jean Sainteny, Frankreichs Indochina-Gesandten, und Ho Chi Minh unterzeichnet, aber schon im November 1946 kommt es zu Kämpfen zwischen französischen Fremdenlegionären und Viet Minh in Haiphong, wenig später auch in Hanoi. Ho Chi Minh zieht sich mit seinem Stab in die Berge des nördlichen Viet Bac-Gebirges zurück. Es folgen zermürbende Jahre eines "sale guerre", eines schmutzigen Kolonialkrieges, wie die Pariser Presse mehrheitlich beklagt, bis General Navarre glaubt, den Gegner mit der Entscheidungsschlacht im Talkessel von Dien Bien Phu stellen zu können.

In Genf, wo am 8. Mai 1954, einen Tag nach dem Fall der Festung, die Indochina-Konferenz beginnt, muss der französische Premierminister Pierre Mendès-France schließlich einem vollständigen Truppenabzug aus Vietnam zustimmen. Man einigt sich, am 17. Breitengrad eine militärische Demarkationslinie zwischen Nord- und Südvietnam zu ziehen, mit der das Land nicht geteilt, sondern lediglich die Truppen entflochten werden sollen. Für Juli 1956 sind nationale Wahlen zu einer gesamtvietnamesischen Nationalversammlung vorgesehen, doch wird es dazu nie kommen - mit der Ankunft der ersten US-Berater in Saigon zieht schon der nächste Indochina-Krieg herauf.


00:00 07.05.2004

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