Atomkraft blockiert Klimaschutz

Stromerzeugung Wir müssen raus aus der Kohle, daran zweifelt kaum noch wer. Doch der Energiehunger der Welt wird weiter wachsen – ist Kernenergie die Lösung? Nein, meint Anika Limbach
Zigmal wurde die Atomlobby wissenschaftlich widerlegt
Zigmal wurde die Atomlobby wissenschaftlich widerlegt

Foto: Carsten Koall/Getty Images

Kernkraft „ist zu gefährlich, zu teuer und zu langsam verfügbar“, heißt es im Fazit einer Studie der Scientists for Future. Sie ist auch „zu transformationsresistent“. Anders gesagt: Nicht nur die Super-GAUs, auch Unfall-Historien aller Regionen zeigen, dass in Kernkraftwerken jederzeit Katastrophen möglich sind. Die Risiken der Atommülllagerung lasten auf den nächsten 33.000 Generationen.

Atomkraft war noch nie wettbewerbsfähig. Sogar bereits abgeschriebene Uraltreaktoren können (ohne Subventionen) nicht mehr mit Wind- und Solaranlagen konkurrieren. Der Bau eines AKW verschlingt horrende Summen und dauert – außer in China – im Schnitt zwei Jahrzehnte, zu lange, um für die Bekämpfung der Klimakrise relevant zu sein. Das gilt besonders für die viel diskutierten Minireaktoren. Generell geht die Zahl der AKW-Neubauprojekte zurück, zumal große Konstrukteure wie AREVA und Westinghouse in den Konkurs schlitterten. Die größte Herausforderung der Transformation im Energiesystem liegt in der Überwindung der blockierenden fossilen und nuklearen Infrastruktur. Hierzulande müssen deshalb auch die Atomfabriken in Gronau und Lingen geschlossen werden.

Zigmal wurde die Atomlobby wissenschaftlich widerlegt. Doch weil in der EU durch Fake News ein Greenwashing der Kernenergie droht, muss man immer weiter streiten. Viel zu selten kommt zur Sprache, dass sich die Risiken der Atomkraft potenzieren. Das Durchschnittsalter der Reaktoren liegt weltweit bei gefährlichen 31 Jahren. Die 40er-Marke haben die USA, die Niederlande, Finnland, Belgien und die Schweiz teils längst überschritten. Mit jedem Jahr steigt die Wahrscheinlichkeit eines Super-GAUs.

Kriminelle Machenschaften verschlimmern alles. 2020 wurde der Sprecher des Repräsentantenhauses in Ohio verhaftet, weil er gegen Geld die Rettung zweier unrentabler Atom- und einiger Kohlekraftwerke durchgesetzt hatte. Das Gesetz wurde kassiert. Trotzdem erhalten 13 US-Altreaktoren jetzt schon hohe Subventionen – 20 weitere womöglich bald.

Frankreichs Staatskonzern EDF vergrößert seinen riesigen Schuldenberg für die Nachrüstung uralter Meiler, weil er die Rückbaukosten fürchtet. So wird der Strom teurer, die Gelder fehlen für die Beschleunigung der Energiewende. In Japan wurden Studien manipuliert, um den Zusammenhang zwischen Radioaktivität und Krebs zu verschleiern. Dabei weiß die Forschung längst, dass proportional zur Strahlenbelastung die Todesrate steigt. Auch Niedrigstrahlung über Kleinstpartikel in Luft oder Nahrung kann töten, das zeigen die erhöhten Krebsraten nahe von Uranbergwerken. Wie vernichtend ist da erst hohe Strahlung? 2017 wurden am Eingang des Reaktors 2 in Fukushima 530 Sievert gemessen. Schon zehn Sievert töten Menschen binnen drei Wochen. Da sollen die Unmengen radioaktiven Mülls beherrschbar sein? Der Inhalt eines Castors entspricht der Radioaktivität, die in Tschernobyl freigesetzt wurde. Die Stahlbehälter halten nicht ewig. Das ganze Ausmaß des Atommülldebakels begreifen wir noch nicht mal ansatzweise.

Anika Limbach ist Journalistin und Autorin des Energieindustrie-Romans Gefahr ohne Schatten

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