Florian Schmid
21.02.2011 | 13:00 3

Attraktive Antikapitalistin

Buffy Studies Was hat eine Teenager-­Serie über ein blondes, Vampire tötendes High-School-Girl mit Genderforschung und postmarxistischer Theorie zu tun?

Buffy the Vampire Slayer ist für das linke akademische Milieu eine der wichtigsten popkulturellen Fundgruben. Zu kaum einer Fernsehserie hat es bisher so viele Aufsätze und Dissertationen gegeben – vor allem der Cultural- und Gender-Studies, aber auch in den Medien- und Literaturwissenschaften. Von 1997 bis 2003 ausgestrahlt, brachte es die Serie auf sieben Staffeln mit 144 Folgen. Hierzulande lief sie unter dem unglücklichen Titel Buffy im Bann der Dämonen, was der Hauptperson eine passive Rolle zuschreibt; dabei ist das attraktive Girl eine knallharte Macherin. Derzeit sind jeden Montagabend drei Folgen auf dem ARD-Digitalsender Einsfestival zu sehen. Nur warum erfreut sich eine Teenager-Horror-Serie derartiger Beliebtheit in linken Kreisen, dem Feuilleton und bei den theorielastigen Studiengängen? Denn flapsig gesagt: Buffy, die Jägerin, sieht aus wie eine pubertierende Barbie mit Superkräften.

Nichts desto trotz attestieren ihr die Autoren des Essaybandes Horror als Alltag. Texte zu Buffy the Vampire Slayer nicht nur Pop-Kultstatus, sondern auch klassenkämpferische Ambitionen. Darunter auch Dietmar Dath, der schon vor Jahren ein Buch über das Phänomen Buffy veröffentlichte. Dennoch sind Publikationen über die kalifornische Vampir-Killerin, die im US-Fernsehen bei der Erstausstrahlung für gewöhnlich von vier bis sechs Millionen Zuschauern gesehen wurde, im Vergleich zur USA noch selten. Dort gibt es nicht nur eine wissenschaftliche Vierteljahreszeitschrift der so genannten Buffy Studies samt Internetseite mit umfangreichem Archiv, sondern auch akademische Kongresse und zahlreiche Buchveröffentlichungen.

Ausdruck der Marktgesetze

Während die Aufsätze auf der Webseite slayageonline.com nahe legen, dass Buffy im popkulturell inspirierten literaturwissenschaftlichen Mainstream angekommen ist, orientieren sich die im Verbrecher-Verlag erschienenen Texte eher an postmarxistischer Theorie. Buffy schlachtet ja nicht einfach nur Monster dahin. Nein, die Dämonen und Vampire sind eine Materialisation der spätkapitalistischen Wirklichkeit – und der wird kickboxend und Holzpflock schwingend zu Leibe gerückt.

Die nie endende Meute in den Alltag drängender Monster steht für die völlige Durchdringung privater Lebenswelten durch das Kapital und seine Marktgesetze, so die gängige Interpretation. Birgit Ziener betont die Unheimlichkeit des Marx’schen Fetischcharakters der Ware, der hier in den dämonischen Verkehrsformen seinen Ausdruck findet. Lars Quadfasel macht darüber hinaus in den Vampiren das ideale Sujet der Kulturindustrie aus: „Seelen-, alters- und entwicklungslos prallt Zeit an ihnen ab.“ Die antirealistischen Monster sind eindimensional, verbreiten keinen wirklichen Schrecken. Im Gegensatz zum klassischen, realistisch inszenierten Horror, der tief sitzende Ängste mobilisiert, sind die Untoten hier banaler Alltag.

Buffy und ihre Freunde leben in einem kalifornischen Retortenstädtchen namens Sunnydale und besuchen die dortige High School. Direkt darunter befindet sich ein so genannter Höllenschlund, der den ständigen Nachschub an Dämonen und Vampiren garantiert. Buffy, die Auserwählte, „the chosen one“, verfügt über Superkräfte, meuchelt fleißig Untote und rettet so Woche für Woche die Welt. Aber nur sie und ihre Freunde wissen von der ständigen Bedrohung, der Rest Sunnydales, vor allem die Erwachsenen, dümpeln vor sich hin. Die Jugend der Akteure spielt eine sinnfällige Rolle, wie Annika Beckmann und Heide Lutosch in ihrem Text schreiben. Denn in der Adoleszenz gibt es noch einen Blick für das, was „furchterregend schlimm“ ist, und im Erwachsenenalter dann ignoriert wird. Dementsprechend wären dann Buffy und ihre Freunde „linke Gesellschaftskritiker, die wie ein Teil ihrer deutschen Fans in einer der vielen sich ständig wandelnden, ständig kurz vor der Auflösung stehenden Kleingruppen organisiert sind“.

Weitere Superhelden

Buffy und ihre Freunde sind also eine autonome Kleingruppe, die konspirativ gegen den kapitalistischen Normalvollzug zu Felde zieht? Dabei bilden die Personen in Buffys Umfeld und ihre Beziehungen untereinander sowie die Einsamkeit der Titelheldin eines der zentralen Motive der Serie. Während die Jägerin auf die Hilfe ihrer Freunde angewiesen ist für Recherchen oder für die Logistik im Kampf gegen Monster, fällt sie immer wieder, ebenso seriell, wie Dämonen und Vampire auftauchen, in die Einsamkeit der Erwählten zurück. Darin sehen die Autorinnen eine Entsprechung zum heutigen Zwang, immer wieder seine Einzigartigkeit in Arbeitsprozessen unter Beweis stellen zu müssen und sich unentbehrlich zu machen.

Solange Buffy zur Schule geht, wirken die gesellschaftlichen Zwänge, denen sie sich stellen muss, eher harmlos. Erst in den letzten Staffeln, als ihre Freunde am College studieren, sie aber in einem Fastfood-Restaurant jobbt, wird aus der Schülerin eine prekarisierte Arbeitskraft, die auf die akademische Karriere verzichten muss, um sich ihrer Mission als Jägerin widmen zu können. Dabei ist Buffy nicht die einzige prekarisierte Superheldenfigur unserer Tage. In Spiderman 2, für dessen Skript der Schriftsteller Michael Chabon verantwortlich zeichnet, muss Tobey Maguire unter unglaublichen Bedingungen als Pizzabote arbeiten und verliert prompt seinen Job. Clark Kent alias Superman konnte von den vierziger bis in die achtziger Jahre problemlos die Welt retten und nebenher als Lokalreporter ohne großen Aufwand die Arbeitswelt meistern. Dagegen setzen die neunziger und die nuller Jahre in sozialer wie ökonomischer Hinsicht sogar den Superhelden zu.

Ein Stück Fernsehgeschichte

Vampirgeschichten boomen momentan. Ganz anders als Buffy ist die derzeit wohl erfolgreichste Vampir-Saga Twilight, deren jüngster Teil Bis(s) zum Abendrot im Sommer 2010 in unsere Kinos kam. Die literarische Vorlage, Stephenie Meyers Roman­tetralogie, bedient ein reaktionäres Weltbild. Es geht um Triebverzicht, bürgerliche Werte und die im christlichen Amerika so wichtige Entsagung von vorehelichem Sex. Dagegen sind sexuelle Beziehungen bei Buffy allgegenwärtig. Die große unerfüllte Liebe der Jägerin ist ein Vampir, der beim Sex zum Monster mutiert.

Später lässt sie sich mit einem anderen Vampir auf eine sadomasochistische Affäre ein. Überhaupt sind heterosexuelle Beziehungen stets scheiternde Projekte in dieser Serie im Gegensatz zu der lesbischen Liebe, die Buffys beste Freundin Willow mit ihrer Mitschülerin Tara erlebt; eine der ersten lesbischen Liebesbeziehungen im amerikanischen Fernsehen zur besten Sendezeit. Nach massiven Protesten der Zuschauer wollte der Sender auf das Skript Einfluss nehmen, aber der Versuch einer Zensur scheiterte. Buffy schrieb damit ein Stück Fernsehgeschichte.

Aber auch formal setzt die Serie Maßstäbe. In einer Folge taucht ein Dämon auf, der die Welt zum Verstummen bringt, was zu einer fast halbstündigen absolut geräuschlosen Sendung führte – als wäre die Tonspur gekappt. Für eine Teenager-Serie außergewöhnlich ist die Folge Restless, der sich Dietmar Dath in seinem Essay widmet und die auf Einsfestival am 28. Februar ausgestrahlt wird. Dieses Finale der vierten Staffel besteht aus vier ineinander geschnittenen surrealen Traumsequenzen mit Zitaten aus Apokalypse Now über Twin Peaks bis hin zu Szenen aus Tod eines Handlungsreisenden.

Die kapitalistische Welt liegt in Schutt und Asche

So gleichbleibend die Bedrohung durch Vampire und Dämonen ist, gibt es am Ende der Serie doch eine Auflösung und einen grundlegenden Wandel der bestehenden Verhältnisse. Buffy und ihre Freunde kämpfen zwar gegen Dämonen, Vampire, Zombies und was sich sonst noch an Untoten in der zeitgenössischen Kulturindustrie tummelt, das Magische an sich ist aber nicht ihr Feind. Aus Buffys Freundin Willow wird im Lauf der Serie eine Hexe. Die Titelheldin selbst verfügt als Vampir-Jägerin über magische Kräfte. Nur wird ihr Alleinstellungsmerkmal von der Gruppe genommen, als am Ende der letzten Staffel ein ganzes Kollektiv von Jägerinnen begründet wird.

Mittels Aneignung werden die magischen Kräfte vervielfacht, um die finale Schlacht gegen die Monster aus dem Höllenschlund zu schlagen – und zu gewinnen. In der letzten Szene der Serie stehen Buffy und ihre Freunde am eingestürzten Höllenschlund, der Sunnydale mit in die Tiefe gerissen hat. Die Dämonen, also die kapitalistische Welt, liegt in Schutt und Asche. Von der kalifornischen Kleinstadtherrlichkeit ist in diesem postrevolutionär-apokalyptischen Schlüsselmoment nichts mehr übrig. Zuletzt fragt Buffys kleine Schwester: „What are we gonna do now?“ Die schlichte Antwort darauf ist eine lächelnde Buffy.

Horror als AlltagAnnika Beckmann, Ruth Hatlapa, Oliver Jelinski, Birgit Ziener Verbrecher-Verlag 2010, 256 Seiten, 14

Buffy Im Bann der Dämonen jeden Montag auf Einsfestival ab 21 Uhr

Florian Schmid schreibt regelmäßig für den Freitag. Demnächst über Jonathan Lethems neuen Roman Chronic City

Kommentare (3)

donda 25.02.2011 | 22:54

Dieser Artikel ist unglaublich lame. Nicht nur dass "buffy studies" in den USA bereits ein alter Hut sind, und hier bloss die deutschen Nachahmer zitiert werden -- auch handelt es sich bei den angeführten Beispielen um extrem flache Vereinnahmung. Der Antikapitalismus z.B. hält sich bei Buffy eher in Grenzen. Tatsächlich geht es in der Serie um grundlegende und alltägliche menschliche Qualitäten: Freundschaft, Loyalität, Mut, die prekäre Balance zwischen dem, was geteilt werden kann und dem womit jeder für sich allein klar kommen muss, Wissen und Handeln, Zweck und Mittel, usw. usw. Buffy rules, soviel ist klar, aber das ist so unabhängig von akademischen Exerzitien.

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Ehemaliger Nutzer 23.03.2011 | 20:29

Mich wundert es immer wieder, was aus Serien und Filmen alles rausgeholt wird. Ich habe mir erst vor kurzem aus nostalgischen Gründen alle Staffeln der Serie angeschaut, habe auch über das Gesehene nachgedacht und philosophiert, niemals kamen mir allerdings Begriffe wie Genderforschung und postmarxistische Theorie oder ähnliches in den Sinn. Ich bezweifle stark, dass dies die Intention Josh Whedons beim Dreh der Serie (oder des Filmes) war.
Im übrigen erinnert mich das Ganze an eine Aufführung von Eraserhead (von David Lynch) mit anschliessendem Austausch mit einem Mann, der über diesen Film seine Abschlussarbeit (oder etwas in der Art) schrieb. Nach diesem Austausch wurde mir zwar eine Handlung im Film klar aber wenn ich die Augen schliesse und an David Lynch denke, sehe ich ihn lachend auf dem Boden liegen bei all den Interpretationen seiner Filme (und auch der Serie!!!).