Atzen mit Abitur

Deichkind Ist der Erfolg der Band verdächtig? Auf jeden Fall! „Wer Sagt Denn Das?“ ist das siebte Album der Electropunker
Linus Volkmann | Ausgabe 39/2019 1

Als in dem Buch Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams die ultimative Antwort auf jegliches Mysterium des Universums verkündet wird, macht sich nach der ersten Euphorie schnell eine Erkenntnis breit: Das Ernüchternde ist gar nicht die Antwort („42“), sondern vielmehr das fehlende Wissen um die eigentliche Frage. Damit hat sich nun auch das hinter seiner angetrunkenen Selbstdarstellung stets betont smarte Post-Hip-Hop-Electropunk-Kollektiv aus Hamburg beschäftigt: Deichkind präsentieren mit ihrem siebten Studioalbum die Frage auf diverse Antworten – und die lautet: Wer Sagt Denn Das?

Ja, wer sagt denn das? „Dass nicht Oma dich betrügt beim Enkeltrick“, „dass dieses Graffiti hier von Banksy ist“ oder „dass das Raucher auf der Schachtel sind“?

Ausverhandelte Gewissheiten in Frage stellen, mal frech nach der Sprecherposition fragen, bei Deichkind gerinnt dieses Prinzip zur populärsten Trademark. Spätestens mit dem Hit Leider geil von 2012 konnte quasi jeder, der sich für Pop, Fun und ironische Selbstkasteiung interessiert, mit dem Kollektiv um die Musiker Philipp Grütering, DJ Phono und Sebastian „Porky“ Dürre etwas anfangen. Das wird sich auch mit den 18 neuen Stücken auf Wer Sagt Denn Das? nicht ändern, denn Deichkind haben eine Platte gemacht, die fast ein wenig obszön das eigene, höchst erfolgreiche Power-Selbst noch mal reproduziert.

Macht sie das nicht verdächtig? Unbedingt! Doch da Deichkind nun einmal wirklich nicht doof sind, ist ihnen dieses Dilemma längst bewusst. In dem Song Keine Party immunisieren sie sich gegen die Kritik, auch nur ein rast- und letztlich ratloses Kulturprodukt zu sein: „Wie soll man sich bei so ’nem Krach denn ord’lich unterhalten? / Die spielen doch nur, um das eig’ne Image zu verwalten.“

Bisschen Ballermann

Sich in kritische Posen werfen und dabei die Selbstironie nicht vergessen ... damit treffen Deichkind den Zeitgeist der Zehnerjahre genau zwischen die Augen. Und das ist das eigentliche Geheimnis dieser Erfolgsgeschichte. Langsam in die Jahre kommende Millennials, die nörgelige Generation Twitter, aber auch den schon eher abgekämpften älteren Pop-Fan eint das Wissen darum, „wie der Hase läuft“. Sie durchschauen Rechtspopulisten genauso wie den Hype um die neueste Serie auf Netflix. Ihre Smartheit wird dabei bloß noch getoppt von einer – das soll gar nicht despektierlich klingen – gewissen Bequemlichkeit. Bloß weil man alles besser weiß, gleich die Welt verändern? Das mögen doch bitte die nachfolgenden Generationen regeln, die Kids um Greta Thunberg mit ihren „Fridays for Future“ sind da doch schon dran, oder? Aktivismus ist einfach nicht so unser Ding. Besser mit maximaler Distanz alles humorig bis gallig auf Social Media kommentieren. Und den Soundtrack zu diesem Lebensgefühl, den liefert einem die neue Deichkind.

Es ist pointierte Vulgärkritik an den modernen Verhältnissen, wenn im Refrain des Stücks Cliffhänger von einstigem Pop-Empowerment wie „Can’t stop dreaming“ oder „Can’t stop believing“ nur noch übrig bleibt: „Can’t stop streaming.“

Unser hoher moralischer Anspruch scheitert also nicht nur an den Verhältnissen, sondern in erster Linie an uns selbst, schließlich sind wir ja die Verhältnisse. Deichkind spenden also vor allem Trost, wenn sie herrschende Ambivalenzen nicht wie so viele andere Songwriter ausblenden, sondern daraus Refrains basteln – und sogar auf eine Lösung kommen. Und diese Lösung ist: Saufen. Nun, bei so einer verhängnisvoll pauschalen wie gesundsheitsgefährdenden Antwort mag sich der eine oder die andere sicher die 42 zurückwünschen, die war wenigstens noch irgendwie uneindeutig. Doch der Deichkind-Kosmos ist halt auch nicht Hegel – und hat dahingehend auch schon immer mit offenen Karten gespielt. Bereits der erste große Hit Remmidemmi lotete die tendenziell wohlstandsverwahrlosten wie auch anarchischen Aspekte aus, wenn das Kid zu Hause sturmfrei hat, weil die Eltern auf einem „Tennisturnier“ sind.

Auf dem neuen Album findet das promillehaltige Spiel mit gesellschaftlichen Ambivalenzen nun, wenn schon keine Fortsetzung, dann auf jeden Fall eine Wiederholung. 1000 Jahre Bier beispielsweise, ein Stück, das mehr über diese Band erzählt als die raren Interviews mit ihren auch daher kaum gesichtsbekannten Akteuren. 1000 Jahre Bier hat nämlich etwas von einer besoffenen Version von Rammsteins Deutschland. Gerade auch musikalisch sind die beiden Stücke sich nicht unähnlich, Deichkind suchen ebenfalls eher den entschiedenen Bombast bei der elektronischen Kriegsführung denn feingeistige Nuancen. Und ähnlich wie bei Rammstein nimmt man die unfreiwillige Komik des breiten Ballermann-Sounds zwar mit, aber letztlich geht es gerade auch ganz unironisch um den fetten Effekt. Der Hörer soll gegen die Wand gedrückt werden, mit Bässen, bauchigen Schiffssirenen und einer sinistren Düsternis.

Zum Glück erlöst einen der Songtext dann aus dieser ja auch irgendwie ehrabschneidenden Rammstein-Analogie. Denn Deichkind erzählen die deutsche Geschichte einfach über das Thema Bier – und wirken damit weit authentischer als Rammsteins Buzzword-Gefasel.

1000 Jahre Bier bringt ein ausgedachtes Jubiläum auf den sehr griffigen Punkt: „Freudentanz im Tal der Tränen“. Da ist sie also schon wieder, diese sinnstiftende Deichkind-Ambivalenz, die dem Hörer vermittelt: Ja, es ist alles echt nicht gut für dich, aber mach einfach trotzdem, hilft ja nix. Oder verkürzt gesagt: Prost!

Aber bei allen großen Gesten: Das Faszinosum Deichkind strahlt 2019 besonders in den kleinen Feinsinnigkeiten in den Textzeilen, die manchmal neben dem Big Beat und den fetten Überschriften fast untergehen. Ohne diese wäre die Band bloß eine Partyband unter vielen.

„Eigentlich bin ich Pazifist / aber auf dem Dorf brauchst du echt ’ne Waffe!“ – „Eigentlich schmeckt es ganz gut / aber, sagen Sie, haben Sie auch Ketchup?“ – „Eigentlich macht Fliegen Dreck / aber wie soll ich sonst nach Bonn?“ Für solch lakonische wie entlarvende Punchlines in dem Stück Quasi (mit Olli Schulz als Gast) könnten einfache Leute über Monate die Könige auf Twitter werden. Was für viele vermutlich überaus reizvoll wäre, Deichkind indes haben es gar nicht nötig. Sie sind längst ihr eigenes soziales Medium geworden – eines, das natürlich nicht nur per Bildschirm zu seinen Followern spricht.

Deichkind live? Lieber nicht

Nein, denn all diese Versprechen von Spaß und Rausch, die die Band serienmäßig aussendet, müssen natürlich auch im echten Leben wieder eingefangen werden. Leider! Die Junggesellenabschiede der anderen, das bringt einen dann auch zur wirklich abgründigen Seite dieses bunten Phänomens: Deichkind live. Eine neue Platte bedeutet ja eben auch eine neue Tour – und wer sich als Hörer gerade noch an den originellen Spitzfindigkeiten der neuen Songs erfreute, kann sich dieses differenzierte Bild der Band als postmodernes Kunstwerk dann auch gleich wieder kaputtkloppen lassen. Denn wenn diese Gruppe auf der Bühne steht, packt jegliche Subtilität ein, dann sind Deichkind einfach bloß Die Atzen für Leute mit mehr Hochschul-Hintergrund – und man kann nun wirklich nicht sagen, sie hätten einen in ihren Texten nicht davor gewarnt. Hier wird die Band dann selbst zum bloßen Dienstleister eines Meta-Gags, dessen Pointe auf einmal auch nicht mehr viel attraktiver wirkt als bei jedem anderen Junggesellenabschied oder Schlagermove. Somit sei diese Platte genauso empfohlen, wie vor ihrer Inkarnation als nervige Bierzitzen-’n’-Schlauchboot-Veranstaltung gewarnt ist ...

Und was ist eigentlich mit dem Schauspieler Lars Eidinger, der bei allen jüngsten Musik-Clips von Deichkind als exzentrischer Blickfang auftrat? Am Rande seiner Ausstellung befragt, gibt jener zu Protokoll: „Seit ich in Musikvideos mitspiele, stehe ich gerade auch bei den Freunden meiner kleinen Tochter hoch im Kurs. Allerdings ausschließlich, weil ich bei Yung Hurn dabei war. Deichkind interessiert die gar nicht.“

Deichkind, das Gründungsdatum ist 1997, ist eben eine Band, deren Witz wohl erst mit fortschreitender Lebenserfahrung wirklich Spaß macht und bei der ein kleines, gesellschaftlich anerkanntes Alkoholproblem sicher ganz förderlich ist.

Info

Wer Sagt Denn Das? Deichkind Sultan Günther Music 2019

Info

Linus Volkmann lebt und arbeitet in Köln. Er ist ein einfacher Mann, der seine Freunde liebt

06:00 27.09.2019

Ausgabe 13/2020

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