Auch für Weiße

Interview Die italienisch-amerikanische Philosophin und Aktivistin Silvia Federici sieht in den USA neue inklusive Bewegungen von unten

In ihren zwei neu erschienenen Büchern beschäftigt sich die italienisch-amerikanische Philosophin Silvia Federici mit autonomen Räumen, den Commons; „diese Infrastruktur ist die Saat für eine neue Art der Selbstverwaltung“, ist sie überzeugt. Unser Gespräch findet per Skype statt. Das Erste, was aus New York durch die Leitung dringt, ist der Ton einer Alarmsirene.

der Freitag: Frau Federici, Sirenen hören Sie zurzeit sicher oft.

Silvia Federici: Ja, ich lebe in der Nähe einer Klinik und man hört ständig Krankenwagen. Und dann natürlich die Polizeisirenen – die hören sich besonders unheilvoll an. Erst kürzlich wurden neue Alarmsignale eingeführt. Vielleicht wollte die Polizei sich stärker von den anderen Sirenen absetzen, etwa der Feuerwehr. Es gibt viele Feuer hier, die Häuser sind aus Holz, die elektrischen Leitungen oft dürftig. Besonders in den ärmeren Wohngegenden wird die Infrastruktur nicht gut erhalten. Es brennt ständig, nicht bloß in New York, sondern überall in den Vereinigten Staaten.

Bemerkt man Klassenunterschiede jetzt deutlicher?

Ja, absolut. Die Pandemie zeigt die Krise, die schon lange vorher existiert hat und über die Jahre kontinuierlich schlimmer wurde, wie unter dem Vergrößerungsglas. Zum Beispiel sind die schwarzen und lateinamerikanischen Communitys viel stärker betroffen. Das hat zu tun mit einem systematischen Investitionsabbau, wenn es um die Reproduktion der Menschen geht, insbesondere der Arbeiterklasse. Wenn man bei Sozialleistungen auf den Staat angewiesen ist, erhält man die denkbar schlechteste Fürsorge.

Hier und anderswo zeigt sich, wie besonders in der Fleischindustrie die Gesundheit der Angestellten aufs Spiel gesetzt wird.

Es ist in den USA exakt dasselbe. Die Fleischindustrie wurde als systemrelevant eingestuft. Ich habe recherchiert, was dort vor sich geht. Viele Tiere kommen in die Schlachtbetriebe, ohne jemals auf ihren Beinen gestanden zu haben. Ihre Knochenstruktur ist zu schwach, um das ganze Fett zu tragen. Hühner werden dazu gebracht, mehr Eier zu legen, indem das Licht im Stall die ganze Nacht brennt. Sauen gebären heute doppelt so viele Ferkel wie in der Vergangenheit. Es ist barbarisch, unmenschlich. Es ist dumm, zu denken, das sind ja bloß Tiere. Es gibt Kontinuitäten dazwischen, wie wir Tiere behandeln – wir wissen ja, dass sie leiden, dass sie empfindsame Wesen sind – und unserem Verhältnis zu anderen Menschen. Gott behüte, dass die Amerikaner kein Steak bekommen. Menschen müssen sterben dafür, weil sie zur Arbeit gehen müssen. Das zeigt, dass manche Menschen aus Sicht des politischen und gesellschaftlichen Systems entbehrlich sind.

In „Die Welt wieder verzaubern“ erwähnen Sie ein Phänomen, das es in den späten achtziger Jahren in China gab, die „Rote-Augen-Krankheit“ – sie soll Menschen, die auf die Reichen eifersüchtig waren, angeblich ereilt haben. Heute wird ja vielen Protestierenden bei den Black-Lives-Matter-Demos auch unterstellt, aus Raffgier zu plündern.

Es wird nicht gesehen, was diese Deprivation bedeutet, dieser Dauerzustand des Nicht-Habens in einer Gesellschaft, die einem ständig den Wohlstand unter die Nase reibt. Dass im Rahmen von Aufständen der Besitz einiger weniger geschädigt wird, wird als wichtiger angesehen als der Fakt, dass es durch die Polizei zu grausamen und sadistischen Morden kommt. Die Polizei reagiert unfassbar brutal auf diese höchst legitimen Proteste. Das ist abscheulich. Ich habe große Hoffnung, dass diese Bewegung, die ja sehr stark ist, Veränderungen bewirken wird.

Es geht es ja auch um den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit, etwa darum, die Denkmäler für Sklavenhändler zu stürzen. Wie ordnen Sie das ein?

Diese Statuen von bekannten Rassisten, Sklavenbesitzern und Menschen, die in diesem gewaltvollen sozialen System als Akteure mitgewirkt haben, sind eine Beleidigung. Das waren ja Mörder und Vergewaltiger, die ihre Sklaven wie Dinge behandelt haben. Es ist auch ein feministisches Thema. In Virginia hat man, als es um 1800 schwieriger wurde, Sklaven aus Afrika zu beschaffen, eine regelrechte Industrie geschaffen, bei der weibliche Sklavinnen zur Fortpflanzung gezwungen wurden. Wie um alles in der Welt soll das zu rechtfertigen sein? Die Jim-Crow-Gesetze waren eine Fortführung dessen. Es gab auch damals zahllose Festnahmen. Die Gefangenen mussten angekettet arbeiten: Sie haben Straßen und Gebäude errichtet. Der Wiederaufbau in den Südstaaten fand mit der Arbeit der ehemaligen Sklaven statt, die unter den Jim-Crow-Gesetzen inhaftiert worden waren. Die Sklaverei wurde in den USA niemals vollkommen abgeschafft, das System wurde nur umgebaut.

Zur Person

Silvia Federici, geb. 1942 in Parma, lehrte zuletzt an der New Yorker Hofstra University. Für den feministischen Marxismus war Caliban und die Hexe (2004) bahnbrechend. Die Welt wieder verzaubern erschien 2020 bei Mandelbaum, Jenseits unserer Haut ebenfalls 2020 bei Unrast

Wie sieht das heute aus?

Die USA haben die meisten Gefängnisinsassen der Welt: zwei Millionen Menschen, die meisten davon Schwarze. Wenn man sich die heutigen Gefängnisse ansieht, bemerkt man Ähnlichkeiten mit den Plantagen. In Louisiana gibt es etwa eine bekannte Haftanstalt, Angola, mit Tausenden und Abertausenden Gefangenen, die im Grunde dasselbe tun wie die Sklaven früher: Sie bauen angekettet Obst und Gemüse an, die das Gefängnis auf dem Markt verkauft. All das unter der Aufsicht berittener und bewaffneter weißer Wärter. Diese Bilder kennt man aus der Zeit der Sklaverei. Mit dem Unterschied, dass heute Strafgefangene auf den Feldern arbeiten – häufig verurteilt für Taten, von denen man nie annehmen würde, dass Leute dafür zehn, fünfzehn Jahre hinter Gitter müssen.

Wie sehr hängen diese Zustände von der jeweiligen Administration ab?

Trump ist schrecklich, er ruft zu einem „Race War“ auf. Viele halten ihn für einen Psychopathen. Man muss aber auch sehen, dass er die Unterstützung wichtiger kapitalistischer Sektionen hat, darum steht die Republikanische Partei hinter ihm. Er hat etwa dem Energiesektor – Bergbau, Ölindustrie – viel Macht verliehen. Es gab grünes Licht für die Ausbeutung der Natur, auch die Zerstörung geschützter Tierarten, und er hat den absoluten Charakter der Property Laws, also Vermögensrechte, durchgesetzt. Wir sollten in ihm also nicht nur einen Verrückten sehen. Er repräsentiert den Geist des Kapitalismus, der noch nie vor Grausamkeiten zurückschreckte, wenn seine Macht infrage gestellt wurde. Die Demokratische Partei hat keine viel bessere Geschichte. Sie war nach dem Bürgerkrieg die vorherrschende Partei im Süden und setzte sich stark für die Aufrechterhaltung der Rassentrennung ein. Trotz Johnsons Unterstützung des Civil Rights Act hat die Demokratische Partei nie alle Schritte unternommen, um die Diskriminierung schwarzer Menschen zu beenden. Es war Clinton, der im Antiterrorgesetz von 1996 die Zahl der Verbrechen erhöht hat, auf die die Todesstrafe steht. Eine Form des Lynchmordes, wenn man bedenkt, dass die Mehrheit der Hingerichteten Schwarze sind. Er reformierte das juristische System auf eine Weise, die den Habeas Corpus praktisch abschaffte und die Zahl der Inhaftierten, wiederum überwiegend schwarze Menschen, massiv erhöhte. Und die Liste geht weiter. Selbst unter Obama gab es lediglich geringe Gesetzesreformen diesbezüglich, eine vertane Chance. Das gesamte politische System der USA ist kompromittiert. Der Kampf, dem Rassismus in den USA ein Ende zu setzen, ist hart. Er kann nur mit einer Änderung der Logik einhergehen, die die Gesellschaft regiert, da Rassismus seit mindestens vier Jahrhunderten ein wesentlicher Bestandteil des Regierungssystems ist.

Die Lage ist nicht aussichtslos?

Ich setze mein Vertrauen in die Bewegungen von unten, die neueren Generationen von insbesondere schwarzen Frauen, die häufig an vorderster Front stehen. Es entstehen gerade sehr inklusive Bewegungen, denen sich auch viele Weiße anschließen. Sie drücken deutlich ihre Forderungen, Visionen und Fähigkeiten in diesen Kämpfen für die gesamte Bevölkerung aus.

Apropos feministische Bewegungen: Im Lockdown müssen besonders Frauen Karriere und Interessen zugunsten von Sorgearbeit hintanstellen. Was wurde aus „Wages for Housework“?

Ich denke, dass auch hier die Pandemie lediglich mit größerer Intensität eine Krise zeigt, die schon vorher da war. Frauen arbeiten unter viel prekäreren Bedingungen, Arbeit von zu Hause ist ein Albtraum für viele, weil sie sich zugleich um die Kinder und den Haushalt kümmern müssen. Wissenschaftliche Zeitschriften berichten schon jetzt, dass die Anzahl von Artikeln, die Frauen einsenden, stark zurückgegangen ist. Was gerade geschieht, bestätigt, was viele von uns seit Jahren sagen: Wenn wir uns nicht mit Fragen der Reproduktion beschäftigen, können wir nicht erwarten, dass Frauen mehr Autonomie erhalten, weder wirtschaftlich noch im Hinblick auf Zeit und soziale Möglichkeiten. Die meisten Arbeiten, die man außerhalb von zu Hause verrichtet, sind ja nicht kreativer als Hausarbeit, im Gegenteil. Es sind unterbezahlte Jobs, die kaum finanzielle Sicherheit versprechen. Wir brauchen eine Frauenbewegung, die nicht nur mit Arbeitsbedingungen und der Forderung, männerdominierte Jobs übernehmen zu können, befasst ist. Sondern auch mit reproduktiver Arbeit. Heute sprechen wir die ganze Zeit über essenzielle Jobs. Dazu gehören auch Hausarbeit, Sorgearbeit, Fortpflanzung, Sexualität und so weiter. Wir müssen Veränderungen einfordern, damit diese reproduktiven Arbeiten endlich anerkannt werden.

Es gibt in „Die Welt wieder verzaubern“ die Utopie, Commons als Alternative zu den momentanen Arbeits- und Besitzverhältnissen zu etablieren.

Ja, und ich glaube, dass das bereits geschieht. Die Idee der Commons ist gerade präsenter denn je in den USA. In Seattle haben Aktivisten nach dem Mord an George Floyd sechs Blocks zu einer autonomen, polizeifreien Zone erklärt. In New York gab es die letzten drei Wochen eine Besetzung, bei der sich manchmal 1.000 Menschen vor dem Rathaus zusammengetan haben. Sie forderten von Bürgermeister de Blasio, dass das Budget für die Polizei gekürzt und stattdessen in Sozialleistungen investiert wird, besonders für die schwarze Community. Unglücklicherweise ist das nicht passiert. De Blasio hat der Polizei zwar eine Milliarde gestrichen, das Geld aber dafür verwendet, dass an Schulen mehr Polizisten eingesetzt werden. Das wird zu mehr Festnahmen schwarzer Jugendlicher führen. Wir können nicht darauf vertrauen, dass der Staat unsere Bedürfnisse erfüllt. Wir können mit dem Staat interagieren, um wiederzuerlangen, was uns genommen wurde, und um Repressionen zu beenden. Aber wir müssen auch klarstellen, was wir wollen, welche Art von Reproduktion, wie wir Wohnraum aufteilen und unabhängig von der Polizei für unsere Sicherheit Sorge tragen wollen. Der Enthusiasmus der Leute ist groß, die dort Lebensmittel teilen, Büchereien organisieren und Versammlungen abhalten. Diese Infrastruktur ist die Saat für eine neue Art der Selbstverwaltung. Ich bin sehr begeistert von all den neuen Initiativen.

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06:00 12.08.2020

Ausgabe 38/2020

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