Auch wenn Mr. Bush ein Alptraum ist

Déjà vu David Crosby und Graham Nash inszenieren ihre Europa-Tournee als Zeitreise und Hommage an die andere Hälfte der USA

Auf den Rock´n´Roll ist Verlass. Auf die Musikanten nicht. Ich habe mir einen tief schürfenden Fragenkatalog ausgedacht für das Interview, doch man lässt mich ins Leere laufen. David sei unpässlich, der Jet-Lag mache ihm zu schaffen ... Wie das denn? Die Tour der beiden gestandenen Alt-Rocker David Crosby und Graham Nash begann am 3. Februar in Amsterdam, seitdem ist etliches an Zeit vergangen. Vielleicht leidet Mr. David Crosby vorsätzlich bis zum 24. März, wenn sich der Konzertreigen, der durch vier Länder geht, wieder schließt? Er gibt ja auch keine Autogramme, und in der Branche gilt er als Gesprächs-Muffel, der schnell mal aus der Haut fahren kann. Doch es ist ruhiger geworden um jene Sechziger-Jahre-Legende, die heute auf der Bühne wie ein in sich ruhender Tanzbär wirkt; relaxed, nicht stoned, gelassen, nicht gelangweilt ... Nie seine Mütze absetzend, als wolle er den Dickschädel verbergen. Die letzte skandalträchtige Medienerwähnung liegt eineinhalb Jahre zurück. Mr. Crosby ließ seine Tasche in einem Hotel in New Jersey liegen, mit 28 Gramm Mariuhana darin, was ihm eine richterliche Vorladung einbrachte und Strafandrohung von sieben Jahren Haft. Aber Amerika ist auch in erzkonservativen Zeiten immer für eine Überraschung gut. Der Richter ermahnte ihn, gegen 5.000 Dollar Bußgeld selbstverständlich, sich beim nächsten Mal nicht erwischen zu lassen. David liebt diesen Teil, diese liberale Seite seines Landes. Es sind die anderen 50 Prozent, sagt er lässig den Europäern vom Bühnenrand herunter.

David Crosby ist, von seiner schön-geistigen, verführerischen Musik abgesehen, von Anfang an dafür bekannt gewesen, dass er Ärger machte. Die Byrds, deren Gründungsmitglied er war und für die er das als Drogenwerbung missverstandene, kapriziöse Eight Miles High schrieb, verbannten ihn aus der Band, als er in einer TV-Show Zweifel anmeldete an der öffentlichen Version von der Ermordung John F. Kennedys. Crosby tingelte daraufhin, wie ganz zu Anfang seiner Laufbahn, allein in kleinen Clubs herum, bis er Graham Nash traf, später Stephen Stills und Neil Young. Alle kamen sie aus renommierten, erfolgreichen Bands damals, aber man wollte noch mehr, verließ die Teenager-Glückseligkeit und gründete die Supergroup Crosby, Stills, Nash Young. Mit gescheiten, den schlechten Zustand der Welt beklagenden und die Liebe feiernden Texten und einem ausgefeilt mehrstimmigen Gesang schafften die vier Einzelkämpfer in Woodstock 1969 den großen Durchbruch. Aber die Harmonie der Gesänge trog. Die Superindividualisten kamen zusammen, um sich sogleich wieder abzustoßen, im Fahrwasser von Egomanie, Größenwahn und musikalischem Zwist. Bis heute geht man so miteinander um: in Freundschaft und auf Distanz.

Kommt der eine nicht, kommt der andere. Vor mir sitzt ein schlanker Mann, dem man seine 63 Jahre nicht anmerkt; auch er ist das, was man eine Musiklegende nennen darf. Millionen Platten hatte er mit den Hollies verkauft, Ohrwürmer wie Bus Stop und Jennifer Eccles. Aber genau das trieb ihn damals aus der Band, das Süffig-Süßliche. Nach einer US-Tour blieb der aus Manchester stammende ehemalige Maschinenbaulehrling und Postbote spontan in Amerika und traf in David Crosby den ambitionierteren Partner. Die Partnerschaft, zugleich ein Freundschaftsbund über vier Jahrzehnte, hält bis heute an. Gerade hat man mit neuen Liedern ein Doppelalbum herausgebracht, das den Aufhänger für die Tournee bildet.

Was ist die Botschaft heute? Die Musik natürlich, sagt Graham Nash ohne Zögern; das ist die Substanz, die zeitlos gut sein muss, weder trendy noch bemüht. Alle Konzerte dieser Tour von David Crosby und Graham Nash beginnen mit Military Madness. Dieses, damals gegen den Vietnam-Krieg geschriebene Lied, scheint eine gespenstische Aktualität zu bekommen, wenn Nash näselnd singt, dass der militärische Irrsinn sein Land zerstöre. Es ist eine Art déjà vu, genauso wie der Titel ihres berühmtesten Albums lautet, damals mit Stephen Stills und Neil Young eingespielt. Helpless war seinerzeit jener Song, der melancholisch die Hilflosigkeit der Künstler beschrieb. Aber die erkämpften Freiheiten von damals sind nicht verloren, sagt Nash im Interview, auch wenn Mr. Bush ein Alptraum ist. Der Wahlkampf des Präsidenten war brillant, er war dreckig und hässlich, so wie man es sich eigentlich nicht vorstellen mochte. Aber das Land hat einem ja auch erlaubt, dagegen anzusingen, in einer Liga mit Bruce Springsteen und vielen anderen gleichgesinnten Rock-Größen. Andererseits war man nie eine politisch motivierte Band, sondern will den Geist der sechziger Jahre bewahren. All die LSD-Trips, die Drogenexperimente, die Grenzüberschreitungen, die hohe Schule der freien Liebe, - das kann doch nicht umsonst gewesen sein, sagt der Zeitzeuge lachend.

Die Konzerte der Europa-Tour drücken diese positive Energie aus, die glaubwürdig wird in Form von neu geschriebenen Liedern. Die Songs sind zeitbezogen kritisch, phantasievoll vieldeutig und intim wie damals, als Graham für Joni Mitchell Our house schrieb, vielleicht das anrührendste Liebeslied in der Rockmusik und das klare Bekenntnis, dass das Glück nur zu zweit bestehen könnte ... Mit zwei Katzen im Hof.


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00:00 04.03.2005

Ausgabe 38/2020

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