Audienz beim König

Berliner Abende Ich bin zu nervös, um mir noch eine Tasse Kaffee zu holen. Meine Hand würde zittern und das zarte Service zum Klingeln bringen. Es herrscht zwar ...

Ich bin zu nervös, um mir noch eine Tasse Kaffee zu holen. Meine Hand würde zittern und das zarte Service zum Klingeln bringen. Es herrscht zwar lautes Stimmengewirr hier in einem der edlen Lobby-Säle des Four Seasons - um mich herum begrüßen sich ständig Menschen mit "Du? Hier?" -, aber irgendwas sagt mir, dass ich keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen soll. Erwartung liegt in der Luft. So, als finde hier etwas ganz Großes statt. So groß, dass es kaum mit rechten Dingen zugehen kann, dass ich dabei bin.

Tut es natürlich nicht wirklich. Es handelt sich lediglich um den Pressezirkus zur Europapremiere des letzten Teils Der Herr der Ringe-Die Rückkehr des Königs. Die Organisation solcher Events wird meist in militärischen Metaphern beschrieben: Promotions-Feldzug. Werbeschlacht. Nun haben sie ihre Zelte in Berlin aufgeschlagen. Aber von wegen Militär, mit strahlendem Lächeln wurde ich bei der Anmeldung begrüßt. Und beim nächsten Termin wusste sie meinen Namen noch: "Barbara, right?" Mein Nachname sei so kompliziert ...

Ich kann mich also über die Behandlung nicht beklagen. Außerdem gibt es den Kaffee umsonst. Und trotzdem nagt diese Angst an mir, im nächsten Moment als Außenseiter entlarvt zu werden: "Sie da, gehören Sie eigentlich hier her?"

Endlich ist es soweit, wir werden gebeten in den zugeteilten Zimmern Platz zu nehmen, in Gruppen von acht bis zehn Journalisten. Die ersten an meinem Tisch verständigen sich darüber, ob man schon letztes Jahr in Paris dabei war, oder das Jahr davor in London. Ich gebe vor, mit meinem Aufnahmegerät beschäftigt zu sein.

Dann tritt eine weitere der freundlichen Damen herein und vermeldet: "Noch zehn Minuten." Bis Liv Tyler alias Arwen zu uns kommt. Danach dann Ian McKellen, der Darsteller des Gandalf, und so den ganzen Tag weiter. Der letzte auf unserer Liste ist Viggo Mortensen, der König Aragorn spielt. "Da werden wohl alle bis zum Ende bleiben müssen", seufzt eine der Frauen am Tisch laut auf; ihr Englisch ist fast akzentfrei. "Ihr könnt aber auch gehen und Viggo mir überlassen", entgegnet eine andere keck. "Finden Sie ihn denn wirklich so toll?" versucht ein Mann - er hatte sich zuvor den besten Platz am Tisch gesichert - die sich aufladende Stimmung zu neutralisieren. "Sie werden ja ganz rot!", triumphiert da schon die erste. Alle schauen wir die Angesprochene an und tatsächlich ... Komplizenhaft lachen die Damen am Tisch auf, während die anwesenden Herren etwas betreten ihre Gesichter verziehen. Die weibliche Begeisterung für Aragorn scheint ihnen wenig geheuer. Das muss der Neid sein.

Liv sei bekanntlich schwierig, versucht der belgische Kollege wieder ins professionelle Gleis zu kommen, schließlich sind wir kein Mädchen-Fanclub, sondern ernsthafte Journalisten. Ja, sie sei schrecklich schnell beleidigt, ergänzt der schüchterne Brite neben mir. Für welches Blatt er denn schreibe? Für die Sun, gesteht er ein wenig schuldbewusst. Ein Aufschrei geht durch die Runde, das soll er vor den Stars doch bitte verheimlichen! Einen waschechten Boulevard-Reporter habe ich mir bis dahin immer ganz anders vorgestellt, keinesfalls so verlegen. Und doch: als endlich - wieder eine Dame mit Headset: "She´s coming" - Liv eintritt und sich zu uns an den Tisch setzt, reichen zwei harmlose Fragen des Briten aus, um sie misstrauisch zu machen: "Für wen schreiben Sie denn?" Er verrät es nicht.

Fragen können also mindestens so entlarvend sein wie Antworten; über meine acht Kollegen erfahre ich in den folgenden Stunden fast mehr als von den 14 Schauspielern und anderen am LotR-Projekt Beteiligten, die uns hier einer nach dem anderen für 20 Minuten Gesellschaft leisten. Ich bewundere den Belgier, der seine Fragen so formuliert, dass die Befragten schon antworten, bevor sie merken, dass es Fragen sind; der Münchnerin bin ich dafür dankbar, dass sie von allen wissen will, ob sie Tolkien tatsächlich gelesen haben; und der Portugiese verschafft uns schöne Zitate, wenn er sich bei den Prominenten nach Lieblingsfilmen und -Regisseuren erkundigt.

Langsam fange ich an, mich nicht länger wie jemand zu fühlen, der sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eingeschlichen hat und ein Mikrofon als Verkleidung trägt. Da holt der Portugiese zum ersten Mal seinen Silberstift heraus und schiebt ihn Ian McKellen zu, damit der auf dem schwarzem Grund seines Pressehefts unterschreibe. Neidisches Raunen geht durch den Raum. Bin ich hier etwa unter lauter Fans geraten? Von Mal zu Mal werden mehr Reliquien zum Signieren gezückt. Außer mir hält sich nur noch der Schwede zurück, den ich prompt für den Professionellsten unter uns halte. Bis er dann ganz am Ende, Viggo Mortensen wollte gerade gehen, ein DIN A3(!)-Photo von sich und ihm aus der Tasche zieht. Sogar Viggo ist verblüfft. Ich verlasse schnell den Raum.


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00:00 19.12.2003

Ausgabe 39/2020

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