Auf Augenhöhe

Asyl Nabil Haddad ist aus Syrien geflohen, nun will er in Berlin arbeiten. Ein Pilotprojekt macht ihm Hoffnung
Lea Wagner | Ausgabe 39/2015 5

Am Ende des Beratungsgesprächs will die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur von ihrem Kunden wissen, ob er mobil erreichbar sei. Der Angesprochene stockt. Sein Handy habe er auf See verloren, sagt Nabil Haddad. Der 28-Jährige ist kein gewöhnlicher Kunde – er ist aus Syrien geflohen. Im dritten Anlauf hat er Europa erreicht, er ist über die Türkei und Griechenland geflohen. Haddad ist stolz, dass er es geschafft hat. Drei Monate war er unterwegs. „Auf meiner Reise habe ich so viel gelernt wie noch nie zuvor – über den Krieg und über die Menschen.“

Haddads Gegenüber fehlen die Worte. „Glückwunsch“, bringt die Beraterin zaghaft hervor. Sie und ihre Kollegin sind Teil eines Pilotprojekts in Berlin-Spandau, seit August beraten sie Asylbewerber zum Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt. Das normale Verfahren ist kompliziert, es gibt jede Menge Hürden zu nehmen und außerdem dauert es oft sehr lang. Denn Asylbewerber dürfen in Deutschland in den ersten drei Monaten ihres Aufenthalts grundsätzlich nicht arbeiten und bis zum 16. Monat nur dann eine Stelle antreten, wenn für sie kein Inländer gefunden werden konnte. Dazu gibt es oft Probleme bei der Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen.

Der Willkommenszettel

Vor dem Flüchtlingsgipfel an diesem Donnerstag drängen Unternehmer auf eine Beseitigung der Barrieren; Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und SPD wollen zudem ein fünfjähriges Bleiberecht für Asylbewerber mit Ausbildungsvertrag, unabhängig vom Ausgang ihres Verfahrens. „Viele Menschen, die auf der Flucht vor Krieg, Vertreibung und politischer Verfolgung hierher kommen, bringen Berufserfahrungen und gefragte Kompetenzen mit“, sagt Alexander Wilhelm von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

Haddad ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Gleich nachdem er einen Asylantrag gestellt hatte, drückte ihm der Sachbearbeiter einen Zettel in die Hand, auf dem unter anderem steht: „Die Bundesagentur für Arbeit heißt Sie in Deutschland herzlich willkommen. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt werden gegenwärtig Fachkräfte mit Berufsausbildung oder Studium gesucht.“ Der Zettel ist eine Einladung, am Pilotprojekt teilzunehmen. Dieses ist auf zunächst drei Monate angelegt, auf Berlin und Brandenburg beschränkt, zuständig sind die Arbeitsagentur und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Es ist eine Ergänzung zum Early-Intervention-Programm, das seit 2014 an neun Standorten deutschlandweit das gleiche Ziel verfolgt: Potenziale von Asylbewerbern frühzeitig erkennen und nutzen. Teilnehmer müssen mindestens 18 Jahre alt sein, eine hohe Motivation aufweisen und eine große Bleibewahrscheinlichkeit haben.

Wer wie Haddad aus dem Bürgerkriegsland Syrien kommt, hat gute Karten. Eine Altersbeschränkung nach oben gibt es nicht. Kürzlich habe ein 60-jähriger Ingenieur aus Syrien ihr Büro aufgesucht, erzählt eine Mitarbeiterin des Projekts: In Saudi-Arabien habe er jahrelang Windparks gebaut. Seine Motivation, möglichst schnell wieder zu arbeiten, sei derart groß gewesen, dass sie ihn nicht aufgrund seines Alters habe abweisen wollen.

Ingenieure, Pfleger, Busfahrer und Bauarbeiter hätten derzeit die besten Chancen, eine Stelle zu finden, sagt die Leiterin der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg, Jutta Cordt. „Ganz entscheidend bei der Suche sind ausreichende Deutschkenntnisse.“ Hier liegt das zentrale Problem: Es gibt noch viel zu wenige Sprachkurse. Die Arbeitsagentur kann nur berufsbezogene Sprachkurse finanzieren, die zu schwer sind für Anfänger – für sie geeignete Kurse wiederum finanziert das BAMF in der Regel erst nach Abschluss des Asylverfahrens und das kann dauern. Nun will die Bundesregierung die BAMF-Kurse für Asylbewerber und Geduldete öffnen, der Bund kündigt eine „bedarfsgerechte Finanzierung“ an – auch für die berufsbezogenen Kurse der Arbeitsagentur. Sprachunterricht soll künftig möglichst schon in Erstunterbringungseinrichtungen stattfinden. Bis es so weit ist, können Asylbewerber nur hoffen, dass Flüchtlingsinitiativen in ihrer Stadt Kurse organisieren oder ihr Bundesland, wie derzeit Bayern, eigene Kurse anbietet.

Es mag an den mangelnden Sprachkenntnissen liegen, dass die bisherigen Ergebnisse des Early-Intervention-Programms ernüchternd ausfallen: 46 in Arbeit und 13 in Ausbildung vermittelte Flüchtlinge bundesweit. Beim Berlin-Brandenburger Pilotprojekt gehen nun Mitarbeiter der Arbeitsagentur aktiv auf Asylbewerber zu, und das, anders als bei Early Intervention, bereits in Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften. In der zweiten Etage der BAMF-Außenstelle in Berlin-Spandau haben die beiden Beraterinnen der Arbeitsagentur ein Büro bezogen. Hierher, in das von einer mehrspurigen Straße, Industriebauten und einem heruntergekommenen Campingplatz umgebene Gebäude, muss jeder, der in Berlin einen Asylantrag stellen will. Noch während der Antragstellung scannt das BAMF-Personal die Bewerber auf Qualifikationen und schickt passende Kandidaten direkt im Anschluss in den zweiten Stock.

Haddad macht sich schnell auf den Weg nach oben, er nimmt immer zwei Stufen auf einmal. Mit erwartungsvollem Blick betritt er den Raum. 10 bis 20 Gespräche täglich führen die Beraterinnen hier, von ihren Bewerbern wissen sie nichts außer Namen, Geburtsdatum und -ort. Aus Datenschutzgründen teilt das BAMF der Arbeitsagentur später nur den Ausgang des Asylverfahrens mit. Jetzt steht Haddad, ein Mann mit gegelten Haaren, auffällig durchtrainierten Armen und sorgfältig gestutztem Dreitagebart vor den Sachbearbeiterinnen. Er trägt ein königsblaues Polohemd, Jeans, Turnschuhe und ein silbernes Armband; sein Englisch ist perfekt.

Wie in einem Bewerbungsgespräch lobt Haddad zuallererst das Projekt: „Das ist ein entscheidender Schritt für die Gesellschaft.“ In seiner Jugend habe er zwölf Jahre in Saudi-Arabien gelebt, dann zwei Jahre im Libanon BWL studiert, allerdings ohne Abschluss. Seine Berufserfahrung als Fitnesstrainer beläuft sich auf zweieinhalb Jahre. Gerne wäre er in Deutschland weiter in diesem Beruf tätig, alternativ käme „etwas mit Ernährung“ in Frage.

„Er wird vom Markt gehen wie warme Semmeln“, prophezeit die Beraterin. Leute wie Haddad, „hochmotiviert, mit geschliffenen Umgangsformen und guten Englischkenntnissen“, seien überaus gefragt. Unbesetzte Stellen als Fitnesstrainer gebe es in Berlin genug. Zeugnisse hat Haddad keine dabei. Um sich von der Universität in Beirut einen Nachweis über erbrachte Leistungen schicken zu lassen, bräuchte er erst einmal Geld. Für die Beraterin eine Kleinigkeit, verglichen mit einem anderen Fall: Da habe sie einen jungen Syrer gebeten, sich Zeugnisse von Verwandten schicken zu lassen. Das sei nicht möglich, habe er geantwortet, sein Haus sei zerbombt worden und alle Unterlagen zerstört.

Haddad verliert kein Wort über die Umstände seiner Flucht. Muss er auch nicht. Die beiden Beraterinnen betonen, dass sie Asylbewerber „genau wie unsere anderen Kunden behandeln“; man begegne sich „auf Augenhöhe“, wie es sich eben im Umgang „mit zukünftigen Mitbürgern“ gehöre. Da würden keine persönlichen Fragen gestellt, erst recht nicht beim Erstgespräch. „Viele, die zu uns kommen, sind stark verängstigt. In vielen Fällen ist das hier ihr erster Kontakt mit der deutschen Bürokratie, da wollen wir sie nicht noch zusätzlich einschüchtern.“ Später folgt ein zweites Gespräch, bei dem berufliche Ziele festgelegt, Maßnahmen wie Bewerbungstrainings, Deutschkurse und Praktika vereinbart und Tipps zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse gegeben werden.

Zukünftige Mitbürger

Arbeit sei die beste Form der Integration und ein erzwungener Stillstand quäle viele, sagt die Beraterin. 99,9 Prozent der Menschen, die in ihr Büro kämen, wollten unbedingt arbeiten, ob in ihrem gelernten Beruf oder fachfremd, sei dabei zweitrangig. Sie ist überzeugt, dass Arbeit bei der Verarbeitung von Traumata helfen könne. Wie viele ihrer Kunden traumatisiert seien, vermag sie nicht zu sagen, dafür sei das Erstgespräch meist zu kurz. Kein Zweifel habe neulich bei einem eritreischen Flüchtling bestanden, der sechs Jahre als Soldat in der Regierungsarmee gedient habe.

Haddad hat nun alle Fragen beantwortet. Seine Beraterin legt ihm noch nahe, sich nach Gratis-Deutschkursen umzusehen. Beim Aufstehen entschuldigt er sich „für die Störung und das Chaos“. Wieder blickt Haddad in ungläubige Gesichter. „Es ist gut, dass Sie hier sind“, verabschiedet ihn die Mitarbeiterin. Diesmal mit fester Stimme.

Lea Wagner arbeitet als freie Journalistin vor allem zu Migrationsthemen

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06:00 24.09.2015

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