Auf Dauer ziemlich langweilig

Literatur Hat Charles Bukowski den Jungen noch etwas zu sagen? Unsere Autorin hat sich „Hot Water Music“, eine Sammlung später Storys, genauer angesehen
| Ausgabe 07/2014 1

Die Regeln sind einfach erklärt: Immer wenn in Hot Water Music eine Figur Alkohol trinkt, nimmt der Leser einen Schluck derselben Alkoholsorte. Zusätzlich einen Schluck einer Alkoholsorte der eigenen Wahl immer dann, wenn gefickt, gefurzt oder gekotzt wird. Erfahrene Trinker genehmigen sich einen weiteren Schluck, wann immer ein Kolloquialismus für das weibliche Geschlechtsteil verwendet wird. Wer bei diesem Trinkspiel mitmacht, gerät bereits nach wenigen Seiten in den Zustand, in dem sich Charles Bukowskis Charaktere im Allgemeinen befinden und in dem auch der Autor selbst beim Schreiben dieser 36 Kurzgeschichten des Öfteren gewesen sein dürfte.

Als ein „Muss für alle Bukowski-Fans, gerade auch in der jüngeren Generation“ preist der Verlag Kiepenheuer & Witsch seine Neuauflage der auf Englisch erstmals 1983 und auf Deutsch schon mal 1991 erschienenen Kurzgeschichtensammlung an. Eine neue Übersetzung, ein aufschlussreiches Vorwort oder sonst irgendetwas, das die Wiederauflage rechtfertigen würde, gibt es nicht.

Das Buch spielt in den Nebenstraßen von Hollywood, sein Personal sind fast ausschließlich Anti-Helden, abgehalfterte Loser, ein paar neureiche Arschlöcher, allesamt verbittert und versoffen, untreu und vulgär. Wenn ihnen langweilig ist, gehen sie je nach Tageszeit in die Kneipe oder zum Pferderennen. Seine Geschichten erzählt Bukowski mal aus der Ich-Perspektive, mal in der dritten Person. Dabei legt er besonders viel Wert auf Dialoge und Umgangssprache.

„Camus redete von Angst und Verzweiflung und menschlichem Elend, aber in einer Sprache, die so ausgeruht und blumig war – man hatte den Eindruck, dass die Zustände weder ihn noch seine Schreibe irgendwie erreichten“, schreibt er in Hot Water Music und erklärt damit ganz nebenbei seinen eigenen Stil. Das „menschliche Elend“ verdichtet er in einer Sprache, die derbes Vokabular mit lakonischem Witz vermischt und dabei oft eigenwillige Aphorismen hervorbringt: „Leute, die sich die Hämorrhoiden kurieren ließen, waren Dummköpfe. Hämorrhoiden leisteten einem Gesellschaft, wenn sonst niemand da war.“

Nerv getroffen

Richtig erfolgreich wurde der 1920 in Andernach geborene und seit 1923 in Los Angeles beheimatete Bukowski erst um 1970, vor allem in Deutschland. Dort traf seine Glorifizierung des Lotterlebens offenbar den Nerv einer Generation, die ihrerseits die Nase voll hatte vom verlogen-spießigen Bürgertum. Die 68er-Generation rauchte, trank und kopulierte zumindest in ihren Phantasien genauso gern wie Bukowskis Helden und die rohe, direkte Sprache jenseits des gutbürgerlichen Vokabulars passte zum Lebensgefühl von Kommunarden, Hippies und Studenten.

In den darauffolgenden Jahren wurde Bukowski auch in anderen Teilen Europas populär. Über diesen Umweg kam der späte Ruhm Bukowskis mit noch mehr Verspätung schließlich auch in seiner Wahlheimat, den USA, an. Mit steigender Bekanntheit häufte sich allerdings auch die Kritik an Bukwoski. Streckenweise liest sich Hot Water Music denn auch wie eine Rechtfertigung des eigenen Werks.

„Sie schreiben wirklich starke Sachen. Vieles ist zwar Scheiße, aber sie verstehen es, die Gefühle des Lesers zu packen“, sagt an einer Stelle eine Frau zu Bukowskis Alter Ego Henry Chinaski, worauf dieser erwidert: „Da haben Sie recht. Ich bin nichts Großartiges, aber ich bin anders.“ Entsprechend häufig ist in Hot Water Music die Rede davon, Konventionen aufzubrechen – ob zwischenmenschliche, sexuelle, literarische oder gesellschaftliche. Doch obwohl Bukowski so gerne radikal anders sein will, ist er letztlich einfach nur reaktionär.

Die einseitigen und sexualisierten Frauenbilder, die ständige Wiederholung der immer gleichen Motive und das andauernde Rechtfertigen des eigenen Werkes: All das ist nicht anders, nicht aufregend, sondern auf Dauer langweilig. Vor dreißig Jahren hatte der Kulturbetrieb einen vulgären Bohemien wie Bukowski dringend nötig. Heute jedoch sind Fäkalsprache und explizite Beschreibungen von Exzessen jeglicher Art in Literatur und Kunst nichts Subversives mehr, man denke an Charlotte Roche, Helene Hegemann... Geschichten aus Halbwelt und Unterschicht sind mittlerweile nicht nur der Stoff, aus dem Graphic Novels und Gangsta-Rap gemacht sind, sondern füllen gar das Nachmittagsprogramm mehrerer Privatsender.

Somit muss man sich fragen, ob Bukowskis Geschichten formal und inhaltlich genug hergeben, um auch zwanzig Jahre nach seinem Tod noch lesenswert zu erscheinen. Das ist jedoch kaum der Fall – über weite Strecken wirkt Hot Water Music belanglos, nur selten ist so etwas wie ein Spannungsbogen auszumachen. Am Ende vieler Stories bleibt der Leser ratlos zurück. Wie gut, dass die „jüngere Generation“ Trinkspiele super findet. So kann sie vielleicht doch noch etwas mit dem Buch anfangen.

Hot Water Music Charles Bukowski KiWi 2013, 288 S, 8,99 €

Lea Becker, geb. 1987, studiert Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin


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