Auf dem Dornbusch

Literatur Hanns Cibulkas Aufzeichnungen von Hiddensee, „Sanddornzeit“, entwerfen eine Poetik des Nature Writing. Ihren Autor gilt es nun neu zu entdecken
Auf dem Dornbusch
Die Frucht ist sauer, der Sommer lang

Foto: Michael Peuckert/Agentur Focus

Der Krieg hat ihm die Heimat entrissen, das mährische Altvatergebirge: „unsere Heimat / ist schlafen gegangen, / eine alte Fahne / in windloser Nacht“, schreibt Hanns Cibulka im Gedicht Halina. Seitdem sucht er sie in den Landschaften des Südens und des Nordens, immer stärker vom Bewusstsein durchwirkt, dass sie nicht zu finden ist. Das macht ihn, wie es Adorno dem Romantiker Eichendorff attestierte, zu einem Dichter des Heimwehs, der aus der Erkenntnis des unwiederbringlichen Verlustes die Fähigkeit schöpft, Beziehungen zu neuen Landschaften zu stiften. Literarisch findet das vor allem Niederschlag in Cibulkas Tagebüchern. Hier zeichnet er nach, wie er sich durch langsame sinnliche Annäherung, genaues naturkundliches Beobachten und behutsames Erlesen der Kulturgeschichte in neuen Räumen beheimatet: in Sizilien während des Krieges und in amerikanischer Kriegsgefangenschaft; an der Ostsee während seiner Zeit als Schriftsteller in der DDR; im Thüringer Wald als Leiter der Heinrich-Heine-Bibliothek in Gotha.

Matthes und Seitz legt nun, zu Cibulkas hundertstem Geburtstag, eine bibliophile Neuausgabe seiner Sanddornzeit von 1971 vor. Mit virtuoser Leichtigkeit schlägt er gleich in den ersten beiden Einträgen die Akkorde an, die dem gesamten Text unterlegt sind. Cibulka verbringt einen langen Sommer auf der Teile Hiddensees dominierenden Endmoräne mit dem alttestamentarischen Namen Dornbusch. Er empfängt hier allerdings keinen göttlichen Auftrag, sondern Einblicke in die Tiefenzeit: „Diluviale Schichten, horizontale Lagerungen mit hellen leichten Farbtönen, Geschiebemergel, Kreide und Ton. […] Alles hat die Natur in diesen Lehmklotz nebeneinandergepackt, den flachen scheibenförmigen Alaunschiefer, Tigersandstein, Uppsala Granit. […] Vor zehntausend Jahren ragte dieser Block, von Kyklopenfaust ins Meer gesetzt, zum ersten Mal aus der Brandung.“ Doch bald erinnert ihn die Begegnung mit dem lokalen Naturkundler „Doktor H.“, auch den Mikrokosmos – den „Griffel einer Lilie“, den „borstigen Kelch einer Lichtnelke“, die „Schraubenlinie der Kürbisranke“ – nicht zu vernachlässigen.

Sprachliche Behutsamkeit

Der karolingische Theologe Hrabanus Maurus mahnt gleich zu Beginn: „Das Wort ist, nach seiner Natur, die freieste unter den geistigen Kreaturen, aber auch die gefährdetste und gefährlichste.“ Hier sucht sich ein Schriftsteller in der DDR einen Gewährsmann aus dem frühen Mittelalter, um eine Lanze für die Meinungsfreiheit zu brechen. Und er findet jemanden, der ihm Vorsicht gebietet bei der Suche nach dem „rechten Wort“, und ihn sensibilisiert für den verantwortlichen Sprachgebrauch. Cibulka antwortet mit einer Art phänomenologischer Disziplin: Er möchte zurück zu den Dingen, beschränkt sich auf die Beobachtung und registriert den Wechsel von Atmosphären. „Hiddensee war meinem Wesen fremd. Ich wehrte mich gegen die spröde norddeutsche Landschaft“, bekennt er. In der Fähigkeit, sich einzulassen auf dieses Neue, und diese Bewegung nachzuzeichnen im Wort, liegt das Ethos von Sanddornzeit.

Diese sprachliche Behutsamkeit vermittelt wirkungsvoll ein Bewusstsein für die Fragilität dieser Kulturlandschaft. Sie wird damit zu einem frühen (und seltenen) Zeugnis für Umweltbewusstsein in der Literatur der DDR – und zu einem beredten Plädoyer für die Schönheit des Unerwarteten und Individuellen. Seine Beschreibungskunst ist am überzeugendsten, wenn er das Übergängige und Nicht-Berechenbare in der Natur gestaltet. Womöglich ist dies auch die eigentlich politische Dimension: Der Zweifel an der Planbarkeit, das Bekenntnis zu allem, „wie es wächst und gedeiht“.

Neben dem Meer, von dem „selbst die unscheinbarsten Blüten den Glanz“ annehmen, spielen vor allem Licht und Wetter eine besondere Rolle: „Gedankenschnell huscht hier das Licht über den Strand, hauchblau, legt sich milchig getönt auf die Wiesen, gedämpft durch den zarten silbernen Schleier, der Tag für Tag vom Meer aufsteigt.“ Oder das aufziehende Gewitter: „Der Strand war leer gefegt, stumpf und träge lag das Meer. Selbst die Schwalben zogen schreiend ab, schossen im Tiefflug davon, ihre Brust blitzte weiß vor den zornschwarzen Wolken auf. Der erste Windstoß kam mit einem hellen, schrillen Pfiff. Zu einer Spirale zusammengedreht, hob er den Sand schwerelos in den Himmel. Durch das letzte blasse Sonnenlicht zuckte ein Flächenblitz.“ Bewohnbar wird der Naturraum durch die Begegnung mit anderen Kreaturen – einige der schönsten Passagen sind den Schirmquallen, den Uferschwalben, den Trauermänteln gewidmet – und durch Dialoge mit anderen Menschen, die sich in der literarischen Erinnerung auch zu Bildern von tragfähiger Gemeinschaft verdichten.

Sanddornzeit entwirft auch so etwas wie eine Poetik des Nature Writing als „Brückenschlag zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und poetischer Einsicht“, der die „Verwandtschaft aller Dinge“ sichtbar machen könne. Cibulka bezieht sich auf eine Ahnengalerie von Goethe, Humboldt, Johannes Müller, Carl Ritter und Jean-Henri Fabre; ihnen lauscht er ab, dass das „poetische Bild“ der Natur das „auf einer höheren Ebene“ zurückgibt, „was es von ihr gewonnen hat.“ Was diese „höhere Ebene“ jenseits der eingangs beschworenen „Worte“ des Hrabanus Maurus sein soll, bleibt vage. Überhaupt wirkt die bildungsbürgerliche Attitüde gelegentlich etwas altfränkisch. Wie Cibulka mit Lesefrüchten von Homer bis Hegel jongliert, dient nicht immer der Vertiefung seiner Einsichten.

Es ist zu hoffen, dass dieses schöne Bändchen Cibulka eine neue Leserschaft erschließt. Schade, dass es nur die schmale Sanddornzeit umfasst. Eine Zusammenschau, die den direkten Vergleich mit den anderen Ostseetagebüchern (inklusive der stark umweltpolitischen Tagebucherzählung Seedorn von 1985) oder mit den sizilianischen Tagebüchern ermöglicht hätte, wäre ein stärkeres Zeichen gewesen gegen das drohende Vergessen dieses Schriftstellers. Auch ein etwas leidenschaftlicheres Nachwort als das von Sebastian Kleinschmidt hätte man Cibulka gewünscht.

Info

Sanddornzeit. Tagebuchblätter von Hiddensee Hanns Cibulka Matthes & Seitz 2020, 88 S., 18 €

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06:00 26.07.2020

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