Bettina Hartz
Ausgabe 2614 | 01.07.2014 | 06:00 7

Auf dem Fahrrad in eine bessere Welt

Verkehr Mit der Kritischen Masse gegen etablierte Strukturen? Immer mehr Radfahrer stellen sich gegen die Alleinherrschaft des Automobils

Auf dem Fahrrad in eine bessere Welt

Foto: tetedelacourse / Flickr (CC)

Ich bin eigentlich keine große Freundin von Massenveranstaltungen – mit einer Ausnahme: Seit gut einem Jahr fahre ich bei den monatlich stattfindenden Critical Mass Rides in Berlin mit. Wenn sich vor einem Jahr noch nicht so recht von einer Masse sprechen ließ, so doch jetzt: Vor zwölf Monaten waren es um die 100 Radfahrerinnen und Radfahrer, die gemeinsam durch die Straßen fuhren – inzwischen sind es über 1.000.

Man könnte annehmen, das müsse ein fürchterliches Chaos sein. Aber nein! Ganz entspannt geht es durch die Straßen. Begleitet von Beats, die aus auf Lastenräder montierten Boxen schallen, mit Klingeln und Johlen, wenn es unter Brücken hindurchgeht. Die Bewegung im Schwarm ist eine Wahnsinnserfahrung. So unbeschwert fährt man inmitten der anderen, gibt sich Zeichen, wenn man die Spur wechseln will,plaudert, flirtet, genießt das samtige Gleiten durch die Nacht, die Lichter.

Eine solche radelnde kritische Masse ist mehr als eine Party auf zwei Rädern. Sie ist, auch ohne explizit erklärte Absicht, eine politische Aktion, kehrt sie doch die normalerweise herrschenden Verhältnisse auf den Straßen um. Für ein paar Stunden werden sie nicht von stinkenden, lärmenden Motorschwergewichten besetzt, sondern auf ihnen tummeln sich grazile, leise surrende, anmutige Maschinen, von denen womöglich ein Vorschein der Zukunft ausgeht: So kann Verkehr auch aussehen, leicht, leise, leuchtend, sich selbst regulierend und kommunikativ.

Die Theorie sagt: Kleine Änderungen im öffentlichen Konsens können, wenn sie eine kritische Masse von etwa fünf Prozent erreichen, Diskurshoheit gewinnen. Bei den Critical Mass Rides gehen die Änderungen von einer Gruppe aus, die den vermeintlich naturgesetzlichen Status quo untersucht – indem sie ganz praktisch danach fragt, wem der Straßenraum gehört, ob er gerecht verteilt ist. Und ob eine Nutzung, die nach ökologischen, ökonomischen und ästhetischen Gesichtspunkten die unverträglichste Gruppe, die Autofahrer, extrem privilegiert, nicht Alternativen zu weichen hat.

Damit reihen sich die Critical Mass Rides in die weit umfassendere internationale Bewegung Reclaim the Streets ein. Da geht es gegen die zunehmende Privatisierung des öffentlichen Raums – und um dessen Rückgewinnung für eine vielfältige, solidarische Nutzung. Die Masse darf gern noch kritischer, also größer werden. Auf itstartedwithafight.de/critical-mass-deutschland sind die bundesweiten Termine gelistet. Ich schlage vor: Man sieht sich demnächst mal auf dem Sattel.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 26/14.

Kommentare (7)

balsamico 02.07.2014 | 10:22

Ich lese solche Sachen auch gerne, vor allem, weil sie so schön weltfremd sind. Vom Standpunkt der Weltfremdheit lässt sich das Auto nämlich prima als eine Art Handfeuerwaffe betrachten: Kaufen und Geldausgeben darf man dafür, aber man darf es möglichst nicht benutzen. Daher nur als kleine Randbemerkung:

Zitat:

Die Automobilindustrie ist in der deutschen Verarbeitenden Industrie hinter dem Maschinenbau der größte Arbeitgeber. Sie zählt (...) zu den wenigen Industriezweigen in Deutschland, die im zurückliegenden Jahrzehnt noch zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen haben...

Quelle:

ftp://ftp.zew.de/pub/zew-docs/gutachten/AutomobEndBericht_final.pdf

balsamico 02.07.2014 | 15:51

Nun, mit ihren 25 Jahren ist mein fahrbarer Untersatz bereits eine recht betagte Dame, die möchte ich natürlich nicht überanstrengen, damit sie mir noch lange erhalten bleibt :o))

So ein "Gerät" habe ich auch. Doch ist dieses alleine nicht das Problem. Ab einem gewissen Alter ist man einfach nicht mehr so gut zu Rad. Aber das braucht unsere jungen Freund/Innen ja nicht zu kümmern, da sie bekanntlich nie alt werden.