Auf dem Wagen des Lebens

Konkurrenten Sonja Hilzinger hat eine Inge-Müller-, Jörg Magenau eine Martin-Walser-Biographie geschrieben

In Zeiten der Orientierungslosigkeit erfreut sich das Genre der Biographie besonders großer Beliebtheit. Anhand eines konkreten Lebensverlaufs hoffen wir, zugleich etwas über die Gesellschaft und über uns selbst zu erfahren. Biographische Erzählungen täuschen eine Folgerichtigkeit der unterschiedlichsten Ereignisse und Handlungen vor, die aus dem unscheinbaren Alltagsleben eine Geschichte der Reifung oder des Scheiterns werden lassen. Frauenlebensgeschichten widmen sich noch immer mehr deren emotionalem Entwicklungsprozess als solche über Männer, und Autorenbiographien thematisieren noch immer eher den Status des öffentlichen Intellektuellen als Autorinnenbiographien. Dies gilt auch für die beiden Lebenserzählungen, um die es hier geht.

Über die 1925 in Berlin geborene Inge Müller sind vor allem Schlagworte in Umlauf: (dritte) Frau Heiner Müllers, 1945 in Berlin verschüttet, scheue Exzentrikerin, sinnliche Schönheit, depressiv, alkohol- und tablettensüchtig, 1965 Tod durch Selbstmord. In der Figur der Wiedergängerin, der "Frau mit dem Kopf im Gasherd", begegnet einem die Dichterin in einer Vielzahl von Theatertexten Heiner Müllers. Eine früh verstorbene Ostberliner femme fatale, die tatsächlich Literatur geworden ist, klassischerweise als "schöne" Leiche.

Eingeweihte kennen neben Kinderliteratur und einigen abgebrochenen Prosafragmenten meist den posthum von Richard Pietraß zusammengestellten Lyrikband Wenn ich schon sterben muss von 1985: Kurze Gedichte, karg und lakonisch um eine traumatisierende Kriegserfahrung kreisend, für die "1945" zur Chiffre und "Unterm Schutt" zur Metapher wurde. Solche "rückwärtsgewandten" Töne wollte in den frühen sechziger Jahren niemand hören, in den Kanon der deutschen Nachkriegslyrik wurde diese "naive" Dichtung erst Ende der achtziger Jahre aufgenommen. 2002 erschien eine Inge-Müller-Biographie von Ines Geipel im Henschel Verlag. Sonja Hilzinger, die nun nur drei Jahre später die zweite vorlegt, erwähnt ihre Vorgängerin kein einziges Mal. Auch der 1996 im Aufbau-Verlag von Ines Geipel herausgegebenen Band Irgendwo; noch einmal möchte ich sehn, der bis dahin weitgehend unbekannte Prosafragmente und Tagebuchausschnitte zugänglich machte, wird ignoriert. Hilzinger zitiert ausschließlich aus der von ihr selbst verantworteten (und mit 600 Seiten bisher umfassendsten) Ausgabe Daß ich nicht ersticke am Leisesein. Gesammelte Texte, die 2002 pikanterweise im selben Verlag erschienen waren.

Die Texte Inge Müllers haben bislang alle ihre Interpreten veranlasst, Leben und Werk zu vermischen. Gelingt es der erfahrenen Literaturwissenschaftlerin Sonja Hilzinger nun, in der äußeren Biographie die innere aufzufinden und darüber den Prozess der Formung des literarischen Materials zu rekonstruieren? Hilzinger weicht Wertungen aus, sobald sie Ästhetisches betreffen, hat jedoch ihre Erklärungsmuster bereits zur Verfügung, wo es um die Schriftstellerehe geht. Der Narzist Heiner Müller kann dabei nur schlecht abschneiden. Das hat man in Annett Gröschners Darstellung im oben erwähnten Sammelband von 1996 nicht weniger kritisch, jedoch differenzierter lesen können. Das Fragmentarische und Heterogene der Texte Inge Müllers fordert eine ästhetische Wertung jedoch heraus, sind im Nachlass, aus dessen Erschließung die zweite Biographin ihre Legitimation bezieht, doch sowohl Belanglosigkeiten und misslungene Textentwürfe wie minimalistische Gedichte überliefert, die in ihrer ausgestellten Naivität bestechen und Schmerzerfahrungen unterschiedlichster Art poetisch verdichten. Gut möglich, dass sich zwischen den frühen Kinderbüchern, journalistischen Arbeiten und Gebrauchstexten der fünfziger Jahre und dem Anspruch des Jona-Fragments, einen "weiblichen Faust" zu schreiben, ein Graben auftut, den zu überwinden das Talent der Autorin eben nicht ausreichte.

Hilzinger geht jedoch ähnlich unkritisch mit ihrem Gegenstand um wie ihre Vorgängerin, Dokumente des Leidens sind nicht zu kritisieren. Dabei geben gerade die Brüche in manchen Texten Aufschluss über den Punkt, an dem die Autorin in ihrem Versuch scheiterte, Herrschaft über die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse zu erlangen. Die Spannung, die sich, sagen wir in dem Gedicht Da kommt der schwarze Wagen zwischen dem Rhythmus des kindlich vertrauten Binnenreims und der kalten Spröde der letzten Zeile ("Und wer allein nicht laufen kann/ den nimmt der Wagen mit") ergibt, geht dieser biographischen Erzählung verloren. Der Horizont des Todes, der gerade in den gelungensten der 300 überlieferten Gedichte Inge Müllers auftaucht, löst sich in Hilzingers Darstellung auf in Exkurse über Alkoholismus, Traumatisierung und weibliche Emotionalität. Eine innere Biographie ist so nur unzureichend auffindbar.

Die These, dass die Überlieferungssituation des bis 2000 mit dem Heiner-Müller-Archiv verbundenen Nachlasses den Autorschafts- wie den Werkbegriff als Ganzes in Frage stelle, könnte nur überzeugen, wenn es tatsächlich gelänge, eine "verschüttete Autorschaft zu rekonstruieren". Dazu bietet jedoch die Publikationsgeschichte des Lohndrückers, also der mysteriöse Wegfall des Namens der anfangs noch als Koautorin aufgeführten Inge Müller, nicht genug Argumente. Der literaturgeschichtliche Verweis auf das Muster der Brecht-Beziehungen erfolgt hier vorschnell. Dass die meist ungeordneten Manuskripte der einen auf freien Rückseiten des anderen zu finden sind, gegenseitige Korrekturen bis zur Ununterscheidbarkeit ineinanderfließen und Datierungen häufig fehlen, macht die Erschließung schwierig. Deshalb jedoch von einem kollektiven Arbeitsprojekt zu sprechen, dessen weiblicher Teil verdrängt wurde, scheint mir unangemessen. Wo Ines Geipel sich Leben und Text der Müller anverwandelt und aus ihrer Biographie eine Art emphatischen Lebensroman gemacht hatte, da bleibt Sonja Hilzinger in Ehrfurcht gefangen und versucht, "ihre" Autorin durch Christa-Wolf-Bezüge zu adeln. Als Retterinnen einer Marginalisierten verstehen sich beide.

Jörg Magenau war dagegen vor drei Jahren mit einer betont sachlichen Darstellung des Lebens und Arbeitens Christa Wolfs (s. Freitag 13/2002) unter die Biographen gegangen, das Ergebnis verband die Hinterfragung autorenbiographischer Fakten mit gründlichen Textinterpretationen und einer problemorientierten kursorischen Einführung in die DDR-Geschichte. Nun wagt sich der Literaturkritiker mit dem 1927 am Bodensee geborenen Martin Walser sozusagen an das männliche westdeutsche Pendant derselben Generation, wohl wissend, dass "jede Biographie eine Anmaßung" und zudem von zeittypischen Interessen abhängig sei. Selbstbewusst (und etwas zu oft) bekennt er sich zu seiner methodisch provokativen Prämisse, das Werk Walsers als "die wichtigste und die intimste Quelle dieser Biographie" zu behandeln, und benennt als deren Ziel den Versuch, "das Verborgene im Werk zu lesen". Magenau gelingt es, erfrischend sachbezogen in die Tiefenschichten der Selbstaussagen wie der Romane seines Autors vorzudringen. Respektvoll, aber immer distanziert-kritisch und wohlinformiert übernimmt er kaum eine Meinung ungeprüft, sei es die Walsers selbst oder die eines Zeitzeugen, Freundes, Kollegen, der Ehefrau oder Geliebten.

So kommen auch verdeckte Dynamiken und Verhaltensmuster ans Licht, "Familiengeheimnisse" im weitesten Sinne, sei es die Zerrissenheit Walsers zwischen "existenzialistischem Einsamkeitsheroismus" und der Sehnsucht nach öffentlichem Erfolg oder der Geständnischarakter seines Schreibens und öffentlichen Redens. Immer wieder werden Schlüssel zum Textverständnis gesucht wie etwa das Einhorn, das Mangel als kontinuierlichen Schreibantrieb symbolisiert. Lebensgeschichtliche Details sind organisch in ihren jeweiligen historischen Kontext eingeordnet: Der wissenshungrige Gastwirtssohn, der in der Bibliothek eine 600 Seiten lange indogermanische Grammatik abschreibt, der medienkritische Radioreporter der Nachkriegszeit, der (durchaus ambivalent) als "schwäbischer Kafka" gehandelte Jungautor in der Gruppe 47, der Beobachter im Auschwitzprozess, dessen Essay Unser Auschwitz 1965 immerhin auch im DDR-Fernsehen verlesen wurde und der Außenseiter, der mal als Kommunist und mal als Nationalist verschrien ist. Ganz nebenbei wird dabei ein lebendiges Bild des westdeutschen Literaturbetriebs seit den fünfziger Jahren, ein Porträt des Verlegers Peter Suhrkamp oder der schwierigen Männerfreundschaften mit Uwe Johnson und Siegfried Unseld modelliert.

Vor allem aber sensibilisiert Magenau für Abhängigkeit und Konkurrenz als literarisches Lebensthema Walsers. So kommt er zu überraschenden Deutungen eines frühen Theaterstückes wie Der schwarze Schwan (UA 1964) oder eines späten Kindheitsromans wie Ein springender Brunnen (1998), worin Walser Geschichte aus dem Mikrokosmos Wasserburgs begreife und die Dorfwelt gegen alle späteren Anklagen verteidige. Stets versuche er, deutsche Vergangenheit "zurückzugewinnen", sie so zu rekonstruieren, wie er sie einst erlebte, "das heißt: außerhalb des bundesrepublikanischen Koordinatensystems von Schuld und Sühne". Zugleich sei das Jüdische in Walser Romanwelt libidinös besetzt. So gelesen, stellt sich das Werk dieses Autors als paradigmatisch für deutsche Denkgeschichte des 20. Jahrhunderts dar. Fluchtpunkt dieser biographisch-werkgeschichtlichen Erkundungsreise ist ganz offensichtlich, den Walser der Paulskirchenrede von 1998 als einen politischen Autor zu erklären, der seine unbändige Produktivität aus dem Dissens mit dem öffentlichen Meinen bezieht. Nach der Lektüre der Walserbiographie hat man, im Unterschied zu derjenigen über Inge Müller, mehr Fragen als Antworten - das Beste, was "angewandte Lebensphilologie" leisten kann.

Sonja Hilzinger: Das Leben fängt heute an. Inge Müller. Biographie. Aufbau, Berlin 2005, 302 S., 22,90 EUR

Jörg Magenau: Martin Walser. Eine Biographie. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2005, 352. S., 22,90 EUR


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00:00 18.03.2005

Ausgabe 38/2020

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