Auf dem Weg zu Marx

Lehrstück Bemerkungen zur späten, aber doch rechtzeitigen Fortsetzung der Ausgabe der Werke Georg Lukács´

Ein eigenartiges Jubiläum: Vor genau 20 Jahren, im Mai 1985, im Umfeld des 100-jährigen Geburtstags der Dioskuren Georg Lukács und Ernst Bloch erschien in der legendären Offenbacher links, einem publizistischen Zentrum der undogmatischen Linken, ein offener Brief, den ich zusammen mit Axel Honneth und György Markus verfasst hatte. Titel: "Lehrstück Luchterhand". Es ging um die Vernachlässigung des Œuvres eines großen Denkers durch seinen Verlag, der genau das Gegenteil von dem praktizierte, was Suhrkamp vorbildlich mit Ernst Bloch veranstaltete.

Die Philippika gegen einen Verlag, der statt zu fördern, verhinderte (oder gar verhütete), bei dem die Publikation des bedeutenden Nachlasses nicht erwünscht war und Lukács-Forschung nicht mehr stattfand, der die Publikation des Briefwechsels dem Konkurrenten J.B. Metzler überließ, der die begonnene Gesamtausgabe als Ruine in der Forschungslandschaft stehen lassen wollte, fand Unterstützung bei einem Großteil der damaligen linken Intelligenz. Die Unterzeichnerliste ging von Paul Breines und Hauke Brunkhorst über Agnes Heller, Michael Jay, Oskar Negt bis zu Alfred Schmidt und Albrecht Wellmer. Ich kann nicht leugnen, dass es eine Genugtuung ist, zwei Jahrzehnte später - endlich! - einen der ausstehenden drei Bände in den Händen zu halten. Ein wenig amüsant ist das Faktum, dass die Neuveröffentlichung zu einem Zeitpunkt erfolgt, zu dem mancher das Gespenst der Kapitalismus-Kritik wieder auferstehen sieht. War der Triumphgesang der Neoliberalen, der "Enjoy Capitalism"- und "Marx(ismus)/Lukács ist tot"-Propheten doch verfrüht?

Ein Lob gilt Detlev Kopp und Michael Vogt vom kleinen, aber rührigen Aisthesis-Verlag, die sich nicht scheuen, eine so umfangreiche und in dieser Zeit schwer zu kalkulierende Ausgabe wie die der Lukács-Werkausgabe zu übernehmen. Sollte die Zeit ein Ende finden, in der selbst ein Lukács praktisch vom philosophischen Büchermarkt verschwunden war? Kann der politisch, theoretisch und/ oder literarisch interessierte Leser damit rechnen, dass in den besser sortierten Buchläden es wieder möglich sein wird, neben Heidegger und Cassirer, Adorno und Leo Löwenthal auch umstandslos auf den Klassiker des westlichen Marxismus zurückgreifen zu können? Um danach - so selbstverständlich wie Edward W. Said - auf Foucault, Thomas Kuhn, Derrida, Chomsky und Lukács in einem theoretischen Atemzug zugreifen zu können.

Der vorliegende Band wartet nicht mit unpublizierten Novitäten auf. Er versammelt - dabei durchaus kritisch auswählend, auf die Vermeidung von Dubletten bedacht - wichtige autobiografische Texte, relevante Gespräche und einige wenige (offene) Briefe. Natürlich bildet Lukács´ autobiographische Skizze Gelebtes Denken aus den Jahren 1970/71 das Zentrum des ersten Teils, ergänzt durch Istvan Eörsis Interviews mit dem greisen Philosophen. Lukács versucht darin, seine Entwicklung als (gleichsam goetheanisch-) organische Evolution zu präsentieren: als schwierigen, aber doch ans Ziel gelangenden Weg zu Marx. Liest man vergleichend die frühen Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1910-11, wird schnell das Porträt eines problematischen Menschen sichtbar, der seine Liebe (Irma Seidler) durch Selbstmord verliert ("Die Erinnerung an eine Episode mit ihr ist mehr als ein Leben, das man mit einer anderen verbringen kann"), unter "einer merkwürdigen Krankheit, der Frivolität" leidet ("die F. der durch transzendenten Pessimismus bewirkten empirischen Faulheit"), der stets auf der Suche nach dem Augenblick ist, "in welchem ich ich war", der den Mai für seinen "schlechten Monat" hält, der den "einzigen Tanz (s)eines Lebens ... tragisch-notwendigerweise" verpasst, der zwischen "Heroismus und Frivolität" schwankt, der darauf wartet, dass irgendein Mensch kommt und gleichzeitig nur Menschen braucht, "vor (!) denen er reden kann". Noch im Alter wird Lukács einem französischen Schauspieler ohne philosophische Avancen seine Monologe über die ontologischen Grundlagen des menschlichen Handelns und Denkens halten, ohne Rücksicht auf Verluste oder Verständnisarmut.

Die durchaus von subtiler Psychologie zeugenden Tagebuchaufzeichnungen zeigen weiterhin: da war ein Mensch, eher ein Verwandter von Thomas Mann und Sören Kierkegaard als von Friedrich Nietzsche, der auf Erlösung wartete, Erlösung für die Menschheit und für sich selbst. "Ein Nichts ist die ›Seelengemeinschaft‹, und ein Nichts ist es, ›verliebt‹ zu sein. Das Befruchtende, das Befreiende ist darin: beisammen zu sein". Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Lukács´ Zuwendung zu Marx auch eine therapeutische Funktion hatte: die der Selbsterlösung durch Teilhabe an der universellen Erlösung. Natürlich kann man bei der erneuten Lektüre der autobiographischen Skizzen, die mehr verschweigen als offenbaren, an der politischen Gretchenfrage "Wie hielt es Lukács mit dem Stalinismus?" nicht vorbeigehen. Kürzlich hat selbst der Kofler-Exeget Christoph Jünke dem philosophischen Lehrer seines Forschungsobjekts antistalinistische Inkonsequenz, ja mangelnden Mut vorgeworfen. Wilhem S. Wurzer meint gar (ganz postmodern), für Lukács sei Politik eher ein spielerisches Projekt gewesen, die kommunistische Partei seine theoretische Spielwiese, sein Kunstwerk. Volker Caysa und Udo Tietz rücken ihn in die Nähe Nietzsches, sehen in ihm eine proletarisierte Version des "Willens zur Macht". Solche Thesen sind durch die vorliegenden Texte und Dokumente wenig bestätigt. Und in seiner späten Demokratisierungsstudie hat Lukács, die Ereignisse des Prager Frühlings beobachtend, eine basisdemokratische Orientierung gegeben, die in Hardt/ Negris "Multitude"-Konzeption eine Bestätigung, Korrektur und Weiterentwicklung findet, freilich aber auch konzeptionelle Unschärfen teilt.

Der junge Philosoph vom Rande Europas, der sich selbst einen "asensualen, asexuellen, rationalistischen Erlebnisverlauf" sowie Kälte attestiert, obwohl er mit Die Seele und die Formen und seiner Theorie des Romans außergewöhnlich sinnliche, lebensphilosophisch durchtränkte und das Andere der Vernunft berücksichtigende Werke schreibt und in der Weltkriegszeit ein Faible fürs Mystische hat, lebt im Gespräch - sui generis. Glanzvoll sind auch heute noch die im Jahr 1966 geführten Gespräche mit Hans Heinz Holz, Wolfgang Abendroth und Leo Kofler; Lukács (noch) in Hochform veranlasst Kofler zu dem Zwischenruf: "Sie kennen es? Was kennen Sie nicht, Herr Lukács?" Es ist sehr zu begrüßen, dass diese Gespräche in der Werkausgabe den ihnen gebührenden Platz endlich erhalten haben. Sie könnten dazu beitragen, den ontologischen Ansatz, den der betagte Philosoph nur noch mäandernd paraphrasieren konnte, paradigmatisch zu entfalten. Dass die Herausgeber eine größere Zahl bedeutender und autorisierter Interviews nicht berücksichtigt haben, mag man bedauern - wie die Tatsache, dass das von Adelbert Reif in den siebziger Jahren gesammelte und mühsam aufbereitete Material für einen Band Interviews mit GL aus politischen Gründen nie publiziert werden konnte.

Lukács´ Korrespondenz wartet trotz der verdienstvollen Edition von Èva Karádi und Èva Fekete (Briefwechsel 1902-1917) und zahlreicher Einzelveröffentlichungen des Budapester Lukács-Archivs und zumal im Jahrbuch der Internationalen Georg Lukács-Gesellschaft noch weitestgehend auf ihre Erschließung und Verbreitung. Daran ändert natürlich auch der Abdruck des (Anti-)Stalinismus-Briefs von 1962 und des Empfehlungsschreibens für die Budapester Schule (1971) nichts Wesentliches. So warten wir weiterhin auf die stückweise Edition auch der privateren Briefe des ungarischen Denkers, der in den letzten Jahrzehnten seines Lebens nur selten Einblicke in sein Innenleben zuließ, obwohl sein Leben ja alles andere als undramatisch verlief. Mehr als glücklich ist die Entscheidung, den Band mit dem Brief zur Budapester-Schule ausklingen zu lassen. Lukács, der stets eine philosophische Schule gründen wollte und dem dies in den unterschiedlichen Phasen seines Lebens unterschiedlich gut glückte, hatte mit seinem letzten Versuch wenig Glück: die Schüler aus seiner Heimatstadt vertrauten nur eine kurze Zeit dem Projekt einer Sozialontologie, das das Zeug hat, Heideggers Daseinsanalyse eine radikale Alternative gegenüberzustellen.

Die Herausgeber Frank Benseler und Werner Jung komplettieren ihre verdienstvolle Edition, die sie ausdrücklich als Teil einer Leseausgabe charakterisieren, durch eine Dokumentation der Textüberlieferung und ein nützliches, ausführliches Register, das zumal den ungarischen Hintergrund beleuchtet. Es stehen noch die Bände 1 und 3 der Werkausgabe aus. Sehr zu wünschen ist, dass darin auch die wichtigsten Elemente des Nachlasses enthalten sein werden: Die Heidelberger Notizen (1910-1913), die im Ersten Weltkrieg entstandenen Dostojewski-Notizen, die den Schlüssel für die intellektuelle Entwicklung des Philosophen liefern und auf die späteren Begründungsprobleme des Verdinglichungstheoretikers bereits hinweisen; die Chvostismus-Studie (1924/25), in der Lukács seine genialen Ansätze von Geschichte und Klassenbewusstsein gegen die Dogmatiker des KI verteidigt (und nach der der Lukács-Bewunderer Rudi Dutschke seinerzeit suchte); die von György Mezei sorgsam rekonstruierten Ethik-Notizen, die die Intuitionen der späten ontologischen Phase verständlich machen; die im Umfeld des Prager Frühlings entstandene Studie Sozialismus und Demokratisierung.

Desiderat bleibt eine einigermaßen umfassende Edition der Briefe des ungarischen Philosophen, die bislang an den unterschiedlichsten Orten in nicht selten überarbeitungsfähiger Gestalt erschienen sind. Dass zum Beispiel der Briefwechsel mit seinem Vater, bei dem doch ein Thomas Mann sehr gerne Gast war, noch immer nicht veröffentlicht worden ist, bleibt enigmatisch. Frank Benseler, der sich um das Werk des ungarischen Philosophen verdient gemacht hat wie vermutlich kein anderer hierzulande, hebt in seinem Vorwort hervor, wie bedauerlich es ist, dass der Suhrkamp Verlag die Übernahme der gesamten Lukács-Werkausgabe in ein Programm, das Adorno, Benjamin, Habermas, Marcuse, (ich ergänze: Simmel) präsentiert, abgelehnt hat. Damit folgt der Verlag einer Handlungsanweisung, die ein anderer Suhrkamp-Autor (Peter Bürger) als den Imperativ der "verdrängten Spuren" bezeichnet hat. Um die Schlusssentenz des zu Beginn zitierten offenen Briefes an Luchterhand zu variieren: Mag sein, dass der Frankfurter Verlag durch sein dem Klima der politischen Wende angepasstes Desinteresse nur bewusst macht, wie sehr die pessimistischen Vermutungen des jungen Lukács sich zu bewahrheiten scheinen.

Georg Lukács: Autobiographische Texte und Gespräche. Herausgegeben von Frank Benseler und Werner Jung unter Mitarbeit von Dieter Redlich. Georg Lukács: Werke, Band 18. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2005, 253 S., 29,80 EUR

Die im Text erwähnten Aufsätze von Volker Caysa, Christoph Jünke, Udo Tietz, William S. Wurzer werden in dem von mir edierten Lukács-Adorno-Dossier (Teil II) im Lukács-Jahrbuch 2005 publiziert.


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