Auf den Gabentisch!

Sachbücher Literaturprofessor Erhard Schütz bespricht neue Sachbücher - diesmal Fotobände über schwarze Körper, die Junker, die Primaten und die Bibliotheken selbst

„Wer Tiere ‚vermenschlicht’, wird in der Wissenschaft schief angesehen.“ Das schreibt der ebenso renommierte wie rührige Primatenforscher Volker Sommer einleitend zu diesem wunderbaren, im genauen Sinne edlen und so schnell nicht wieder zu vergessenden Bildband – und sieht es eben darauf ab. Er fasst hier seine Argumente, die er andernorts wissenschaftlich vertritt, die eines schützenderen Umgangs mit den Vettern, die uns ähn­licher sind als wir gemeinhin zu akzep­tieren gewohnt sind, zusammen. Das ist nicht nur klug, sondern auch human, nämlich klar und von urgründigem Humor getragen. Doch diesmal stehlen ihm, was er gerne zulässt, die sublimen Fotografien von Jutta Hof die Schau. Die Aufnahmen stammen aus Zoos, nicht aus freier Wildbahn, aber die Porträts, geradezu überwältigend nahe, detaillierte Aufnahmen von Schimpansen, Orang Utans, Gorillas und Bonobos, liefern, so unterschiedlich sie einander sind, derart abgründige, Ehrfurcht heischende Bilder, dass man davon nicht mehr loskommt. In den Runzeln und vor allem den Augen liegt eine Würde von ganz weit her, die man kaum mehr wird vergessen wollen. Diese Unheimlichkeit einer zunächst verspürten Nähe und dann unendlichen Ferne zugleich, sie ist nicht zum wenigsten geeignet, auch an den respektvolleren Umgang mit Mitmenschen zu erinnern.

Ein krasserer Kontrast zu den anrührenden Bildern der Mitprimaten ist kaum denkbar als der, den man in den nahezu 400 schwarzweißen bis grell bunten Abbildungen findet, die der Historiker Joachim Zeller zur Darstellung „schwarzer Körper“ seit dem 19. Jahrhundert aus Postkarten, Sammelbildchen, Fotografien u. ä. in einem beeindruckenden Bildband zusammen­gestellt hat. Die sind – für den heutigen weißen Blick – wahlweise peinlich, beschämend und lächerlich, aber doch manchmal auch ironisch oder subversiv. Der durchaus kompetente Begleittext allerdings misstraut unserer möglichen Wahr­nehmung gründlich. Rechtschaffen bis rechthaberisch diszipliniert er, was wir zu sehen haben, nämlich: rundum Pfuibäh. Es ist schlimm, was sich da zwischen Kannibalenwitzen und Autowerbung, Ethnovoyeurismus und Kamerunfesten der DDR, Kriegshetze und Reklameblödsinn auftut, aber es ist – von heute aus gesehen – auch surreal. Und aus einer solchen Perspektive wird man allemal mehr immunisiert und sensibilisiert werden, als wenn einem das Didaktik-Kasperl mit der Deutungspritsche aufs Hinterhaupt trommelt. Sieht man, was es da alles zu sehen gibt, und liest man, was man dem Autor zufolge daraus lesen soll, dann hat man eine doppelt vergnügliche Aufklärung – über rassistischen Irrsinn wie über gutmeinendes Eiferertum.

Junkers – das war der Inbegriff für Warmduscher wie für coole Kerle. Die Profiteure der Junkerschen Durchlauferhitzer waren keine heißen Enthusiasten, die Flugzeugfans um so mehr. Kein Wunder, dass die Haushälter hier kaum, die Fliegeradoranten um so mehr auf ihre Kosten kommen – in der Geschichte eines leidenschaftlichen Ingenieurs und einer ziemlich verrückten Crew von Mitarbeitern. Vor den kundigen Aufsätzen zu Geschichte und Hintergrund geht es um die Bebilderung, um direkt und indirekt werbende Bilder, werbend für eine wunderbare Zukunft und für Junkers gleichermaßen. Und da das Ganze von Steidl – ebenso leidenschaftlich wie verrückt– kommt, ist es Werbung für schönste Buchkunst wie Verlockung zum Besitz.

Fehlte einem in der Bibliothek so gar nichts mehr, könnte man immerhin noch ein Buch über Bibliotheken hinzunehmen, solch ein Buch könnte aber auch Anreiz sein, allererst eine Bibliothek aufzubauen. Bibliotheken benötigen viel Zeit und unendlich viel Zeit ist her, seit es sie gibt. Ob man sich nun gleich in die Höhlen der Neolithiker begeben muß, wie Uwe Jochum, um ihre Ahnenschaft zu würdigen, sei dahingestellt. Solch Ahnenstolz ist meist Ahnung prekärer Gegenwarts­berechtigung. Doch wer sich in die Obhut dieses kundigen Buchhöhlenführers begibt und ihm seine staubtrockene Sprache nachsieht, der wird durch ein ungemeines Wissen, das nicht nur aus Büchern kommt, belohnt. Voller Andacht wird er immer wieder vor den Bildern der groß­artigsten Bibliotheken verharren, die das Abendland hervorgebracht hat. Solch ein Buch gehört gar nicht in eine Bibliothek, sondern auf den Gabentisch – und anschließend mindestens auf den Teatable …

Menschenaffen wie wirJutta Hof u. Volker Sommer Edition Panorama 2010, 192 Seiten, 110 großformatige Farbfotos, 58

Weiße Blicke Schwarze Körper. Afrikaner im Spiegel westlicher AlltagskulturJoachim Zeller Sutton 2010, 250 S., 34,90

Junkers Dessau. Fotografie und Werbegrafik 1891 1933Hans Georg Hiller von Gartringen (Hg.), Steidl 2010, 143 S., zahlr. Abb., 45

Geschichte der abendländischen Bibliotheken Uwe Jochum Primus Darmstadt 2010, 160 S., zahlr. Abb., 39,90

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14:30 13.12.2010

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