Auf den Hund gekommen

Biologie Naturschützer feiern gerade die Rückkehr des Wolfs in die Zivilisation. Er kann dort aber nur überleben, wenn er sich zähmen lässt
Helmut Höge | Ausgabe 20/2013 4
Auf den Hund gekommen

Im Januar 2000 gelangte der erste osteuropäische Wolf über die Oder nach Brandenburg, wo sich gerade nicht zufällig die Abwanderung der Menschen auf dem Höhepunkt befand. Der Wolf wurde eingefangen und in den Eberswalder Zoo verbracht. Der Tagesspiegel titelte damals: „Die Angst vor dem Osten oder Sibirien ist unheimlich nah.“ Der Wolf, von den Brandenburgern „Iwan“ genannt, hatte nur drei Beine, vermutlich war er in Polen in eine Wolfsfalle geraten. Das hinderte ihn jedoch nicht, gleich nach seinem Grenzübertritt bei Ossendorf angeblich ein Rind zu töten und eine deutsche Schäferhündin zu schwängern. Zehn Wochen später machte Bild mit einer Geschichte über die Geburt der „Mischlinge“ auf, die nach Meinung von „Wolfs-Experten“ sofort getötet werden müssten, weil sie „unberechenbar“ blieben. Es kam dann allerdings DNS-klar heraus, dass „Iwan“ gar nicht ihr Vater war.

Derweil wanderten weitere Wölfe aus dem Osten ein, „Iwan“ war nur so etwas wie eine Vorhut gewesen. Inzwischen leben bereits 13 Wolfsfamilien, etwa 100 Tiere, allein im sorbischen Siedlungsgebiet der Lausitz. Die Rudel werden seit einigen Jahren quasi ideologisch flankiert von zwei Wolfsforscherinnen und zwei „Wolfsbüros“. Die Landesregierung verabschiedete dazu kürzlich einen „Wolfmanagement-Plan“ bis zum Jahr 2017.

In der DDR durfte der Wolf ganzjährig gejagt werden, seit der Wiedervereinigung, da aus Gegnern Partner wurden, ist er dagegen ganzjährig geschützt. Für etwaige Wolfsschäden kommt der Staat auf. Das betrifft in erster Linie die Schafzüchter. Schon 1990 unkten Agrarjournalisten, dass die Züchter fortan jedes unter der Hand verkaufte Lamm als vom Wolf verschleppt deklarieren würden. Umgekehrt befürchteten die Züchter jedoch, dass immense Unkosten auf sie zukommen würden – mit der vorgeschriebenen Anschaffung von Wolfschutzvorrichtungen für ihre Herden. Starke Bedenken kamen auch von der Wolfskonkurrenz, den Jägern. Von ihnen wurde immer mal wieder „aus Versehen“ ein Wolf erschossen, weil man ihn für einen verwilderten oder wildernden Hund hielt.

An der Ökofront

Neulich rief der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) den „Tag des Wolfes aus“, Motto: „Rotkäppchen lügt“. In Frankreich und Italien glaubt man das schon länger, dort werden die Diskurse an der Ökofront schon länger durchgekaut. In Italien überwacht man sämtliche Wölfe per Funk. Zwischen ihren riesigen Revieren befinden sich kleinere von herrenlosen Hunden, sie sind meist um wilde Müllkippen zentriert. Italien wiederverwertet den Müll von allen EU-Ländern am wenigsten, weil man dort die Abfallwirtschaft der Mafia überließ; dies hat jedoch den positiven Effekt, dass die italienischen Wölfe und herrenlosen Hunde sich nur selten an Nutztiere vergreifen (müssen). Dabei gilt: Ehemalige Haushunde sind den Wölfen bei der Jagd auf Wildtiere intellektuell unterlegen, dafür haben sie bei den Nutztieren größere Chancen, weil sie als ehemalige Partner des Menschen die Gefahren beim Einbrechen in Gehege oder Ställe realistischer einschätzen können.

Haushunde sind nichts anderes als domestizierte Formen des Wolfes, aber laut dem US-Psychoanalytiker Jeffrey Masson dauere deren Verwildern nur wenige Minuten, während es mehr als 10.000 Jahre brauche, den Wolf im Hund auszumerzen, wie er in seinem Werk Hunde lügen nicht schrieb. Viel entspannter sieht der US-Philosoph Mark Rowlands dieses Hin und Her zwischen Herr und Hund. Rowlands schaffte sich einen Wolf an, ließ ihn nach der „Koehler Method of Guard Dogs Training“ abrichten und nahm fortan das Tier auch in seine Lehrveranstaltungen mit und auf Partys: „Fast immer erwies sich der Wolf als ‚Mädchenmagnet‘, sodass er sich ‚die übliche mühsame Anbaggerei‘ sparen konnte.“ Mit der Koehler-Methode lernte der Wolf eine Sprache und hatte damit „die Chance, auf sinnvolle Weise“ mit seinem Besitzer „zusammenzuleben. „Wir können diese Sprache verstehen“, schrieb Rowlands 2009 in Der Philosoph und der Wolf.

In Deutschland entstand schon früh neben einer auf Gefolgschaft und Gehorsam abzielenden Dressur ein sanfteres Modell der Erziehung: die „Führhunde-Ausbildung“. Ausgerechnet im Führerjahr 1933 stellten der Biologe Jakob von Uexküll und sein Assistent Emanuel Sarris ihre neue Methode vor. Es ging ihnen darum, „die Führhundausbildung auf eine ganz neue Basis zu stellen und an Stelle der Dressur die Erfahrung zu setzen, um den Hund zu einem zwar im Interesse des Blinden handelnden, aber durchaus selbstständigen Wesen zu erziehen, das den Umbau seiner Welt sich selbst verdankt und nicht dem Stock des Dresseurs.“ Joseph Goebbels tat diese Idee im Völkischen Beobachter als „Kötereien eines deutschen Professors“ ab. Nach dieser Methode wird jedoch noch heute ausgebildet, man hat sie zu Recht als antiautoritär bezeichnet. Aber ist mit ihr wirklich eine Gleichheit zwischen Tier und Mensch hergestellt? Die Kulturwissenschaftler Benjamin Bühler und Stefan Rieger bezweifeln, dass das Herr-Knecht-Verhältnis aufgehoben wird.

Versuche gibt es dennoch immer wieder. Zu nennen ist My Dog Tulip von Joe Randolph Ackerley (1956/2011). Der englische Schriftsteller schaffte es, dass „sein Hund im London der Nachkriegsjahre ein schönes, freies Leben führen“ konnte, notierte die verstorbene Berliner Pädagogin und Hundebesitzerin Katharina Rutschky in ihrem Buch Der Stadthund (2001). Oder Elizabeth Marshall Thomas, die sich, in Peterborough, New Hampshire, wohnend, mehrere Schlittenhunde und eine Dingohündin hielt, die sie herumstreunen ließ, wann immer sie wollten. Dabei versuchte die Ethnologin, ihnen zu folgen. Oftmals verschwanden die Tiere vorübergehend. Einer ihrer Huskywelpen verpaarte sich später im Wald mit einem Kojotenweibchen. In ihrem Bericht Das geheime Leben der Hunde (1993) lobt auch sie Ackerleys Hundehaltung als artgerecht: Wie wir alle wissen, „sind Menschen für Hunde bloß ein hundeähnlicher, schwacher Ersatz.“ Anders gesagt: „Meist wollen sie leben wie Hunde.“

Aus dem Streichelzoo

Katharina Rutschky behauptete dagegen: „Im eigentlichen Sinne kann nur der Stadthund als bedeutendes Kommunikationsmedium gelten. Hunde auf dem Lande, ja schon solche mit eigenem Haus und großem Garten, können wenig am Prozess der Zivilisation mitwirken, weil sie dort, entgegen ihrer Neigung, als Naturwesen gehalten werden und darüber leicht vertrotteln. Gebildete Stadthunde finden sich überall zurecht, auch in Wald, Feld und Garten. Sie kennen die unterschiedlichsten Leute und Lebenssituationen und vor allem natürlich jede Menge andere Hunde von der Straße – wie soll ein Landhund da mithalten?“

Aber vielleicht löst sich der Gegensatz zwischen Stadthund, Landhund und Wolf auch einfach von selbst auf, analog zur Verstädterung der Menschheit. In Frankreich hält man die dort lebenden Wölfe schon für so zivilisiert, dass es längst nicht mehr nur darum geht, sie dazu zu bringen, keine Schafe mehr zu reißen, sondern dass man sich jetzt auch bei ihnen auf „antiautoritäre Methoden“ besinnt, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb. „Statt auf Drill und eine harte Hand setzt man auf Effekte aus dem Streichelzoo der Pädagogik. Um die Wölfe zum Umdenken zu bewegen, sind Wildhüter neuerdings gehalten, auf frischer Tat ertappte Exemplare lediglich zu markieren und wieder laufen zu lassen. Der Wolf soll sozusagen mit dem Schrecken davonkommen.“ Außerdem verspricht man sich von einer Farbmarkierung eine abschreckende Wirkung im Sozialen, in den Rudeln: „Welche Wölfin lässt sich schon mit einem Rüden ein, dessen Hinterteil im Dunkeln orange leuchtet?“, fragt einer der Befürworter dieser französischen Erziehungsmaßnahme. Dieses Problem droht in absehbarer Zeit wohl vielen Wildtieren, mindestens den Säugetieren, deren Reservate und Rückzugsgebiete unaufhaltsam schrumpfen.

Den letzten Vertretern ihrer Art, die bald alle elektronisch überwacht werden von Verhaltensforschern, Wildhütern und Tierschützern, bleibt nichts anderes übrig, als auf dieses Angebot einzugehen, das heißt sich mit uns irgendwie zu arrangieren – ähnlich den Naturvölkern. Diese halbe Domestizierung ist freilich nicht weit entfernt vom Treiben der Konquistadoren, die allerdings nicht antiautoritär vorgingen. Für den Wolf kommt das so oder so einer zweiten Verhundung gleich.

Helmut Höge, Jahrgang 1947, forschte auch über Poller, Kartelle und Glühbirnen

 

09:00 18.05.2013

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