Auf den Markt geworfen

Erregung Sextäter empören uns, weil sie wahr machen, was niemand wahrhaben will: Der Mensch zählt heute nur dann, wenn er benutzbar ist

Wollen wir das übliche Gerede über Kachelmann oder Strauss-Kahn vermeiden, dann müssen wir ganz andere Fragen stellen, als es derzeit getan wird.

Erste Frage: Fallen Gewalttäter aus dem allgemeinen Rahmen? Antwort: Nein, sie sind prinzipiell gleichgeschaltet. Das Skandalöse am individuellen Gewalttäter ist, dass er etwas wahr macht, was niemand wahrhaben will. Er nimmt andere Menschen als so belanglos, willenlos, bereits abgestorben und zu Stoff geworden, wie es zwar im Gang unserer Gesellschaft liegt, im Alltagsbewusstsein aber maskiert bleibt. Er reißt all die mehr oder weniger verdrehten menschenfeindlichen Tendenzen der Gesellschaft aus der Abstraktion: den Egoismus, den Sexismus, den Rassismus, die Preisgabe, die Selbstpreisgabe, die Abtötung des fremden und des eigenen Lebens. Indem der gemeine Gewalttäter die Devise wahr macht, nach der der Mensch nur dann zählt und nur so viel, sofern und inwieweit er benutzbar ist, scheint sein individuelles Tun mit dem Vernichtungscharakter der Kultur identisch zu sein. Umso heftiger unser Aufschrei.

Alle alten Perversionen sind inzwischen elektronisch zerstreut und partiell entdämonisiert worden – mit Ausnahme der nach wie vor tabuisierten Pädosexualität. Doch auch sie pluralisiert sich nach marktwirtschaftlicher Logik. Wer sexuelle Gewalt ausübt, macht deutlich, dass nichts und niemand der Benutzung entgeht. Immer mehr sexuelle Fragmente und Nöte werden in die Warenförmigkeit gepresst. Flirtschulen, Partnervermittlungen oder Hersteller von Sadomasochisten-Möbeln bieten ihre Dienste an. Embryonen oder Jungfrauen werden auf den Markt geworfen.

Potent = erniedrigen und beherrschen?

In der Europäischen Union werden pro Jahr etwa 500.000 Frauen zum Zwecke der Prostitution „verkauft“, vor allem aus Ländern Osteuropas. Neben den alten Typus des Pädophilen ist der Biedermann getreten, der massenhaft Kinder in bettelarmen Ländern sexuell missbraucht. Er macht damit wie die Alltagssexisten einen Verdacht wahr, den Sigmund Freud schon vor einem Jahrhundert hegte: dass diese Männer sich nur dann als „potent“ erleben, wenn sie das Sexual-„Objekt“ erniedrigen und beherrschen.

Es kostet gar nichts, weder finanziell noch politisch noch moralisch, sexuell imponierende Gewalt in jeder Form zu verpönen. Da machen sich alle Parteien im Bundestag schnell ein falsches gutes Gewissen. Dass dieses gute Gewissen falsch ist, werden jene Abgeordnete wissen, die es nicht für möglich halten, Menschenwürde mit den Mitteln des Strafrechts herzustellen. Dass ihr falsches gutes Gewissen aber als falsches notwendig ist, wird kaum jemand reflektieren.

Er müsste dann nichts Geringeres als die hiesige Art und Weise zu denken und zu produzieren infrage stellen, mit einem Wort: den generellen Gewaltzusammenhang. Und weil das so ist, wird reale Gewalt dem Reich des Irrationalen zugewiesen, um nicht erkennen zu müssen, dass die rationalen Maschinerien im Grunde irrational sind: Deutsche investieren in Streubomben, gehören zu den größten Waffenhändlern der Welt. Mit der alltäglichen Gewalt in Familien scheint das nichts zu tun zu haben. Es scheint sich ja aus der Logik des freien Marktes, aus unabweisbaren Sachzwängen zu ergeben. Alles Verdrehung, alles Verleugnung.

Das Ich ist zu schwach, seine Form zu riskieren

Individuen seien aggressiv oder gewalttätig aus Angst, heißt es. Ich denke, die Angst ist so verbreitet, weil Vernichtung real auf dem Plan steht, weil die Geschichte der Moderne eine der Abschaffung des Menschen ist, mystifikatorisch und fleischlich, weil das destruktive Bedürfnis nicht nur subjektiv vorzustellen ist, sondern heteronom produziert durch gesellschaftliche Mechanismen wie die der Zerstreuung und der Verstofflichung. Das Ich ist zu schwach, seine Form zu riskieren.

Alle Individuen wollen identisch und eingepasst sein, gerade oder queer, weil nur das Ruhe garantiert. Doch jede Identität, jede Einpassung grenzt Andersartiges aus, stellt es zur Disposition, vernichtet es im Ernstfall. Nur das Ich, das bewusst bis an die Grenze seiner Auflösung ginge, könnte erahnen, dass das Nichtidentische und Nichteingepasste fremd und eigen, zusammenfügend und auflösend zugleich ist. Dieser Zustand konfrontierte das Ich mit seiner Gesellschaftlichkeit und dem, was darüber hinaus- und darunter hinwegweist. Das permanent geängstigte und durchgehend erniedrigte Ich aber hofft, durch eine Gewalttat endlich einmal Herr der Lage zu sein – und sei die Folge auch der Tod des Beherrschten.

Zweite Frage: Sind die alten Sphären der Libido und der Destrudo heute stärker getrennt als vor 50 Jahren? Antwort: Ja, sie wurden im Verlauf der 1980er Jahre durch die neosexuelle Revolution kulturell weitgehend getrennt. Damals löste sich die aggressive und trennende Seite der Sexualität von der zärtlichen und vereinigenden so gründlich ab, dass jene diese uniform überblenden konnte. Die einen historischen Moment lang als „rein“ imaginierte Sexualität wurde wieder manifest „unrein“. Die Schatten, die die Angst‑, Ekel‑, Scham‑ und Schuldgefühle werfen, wurden so dunkel und breit, dass viele Frauen und folglich auch Männer keinen Lichtstrahl mehr sahen. Gefühle der Nähe, der Freude, der Zärtlichkeit, der Lust und des Wohlseins drohten in einem diskursiven Affektsturm aus Hass, Wut, Bitterkeit, Rache, Angst und Furcht zu ersticken. Die Stichworte, die wir alle kennen, lauteten und lauten: frauenverachtende Porno‑ und Sexografie, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, alltäglicher Sexismus, Inzest, Vergewaltigung, sexueller Kindesmissbrauch und sexuelle Gewalt gegen Frauen. Der ehemals singuläre und kranke Triebtäter wurde zum ubiquitären und normalen Geschlechtstäter, zum Missbraucher und Vergewaltiger vervielfältigt. Männer schienen nur noch geil, gewalttätig und impotent zu sein.

Richtete sich die Dissoziation der aggressiv‑trennenden von der zärtlich‑verbindenden Seite der Sexualität zunächst gegen Männer, erreichte sie bald auch alle anderen. Inzwischen sind nicht nur Frauen in heterosexuellen Beziehungen Täterinnen, womit ihnen ein Subjektstatus und nicht nur die Opferrolle zugesprochen wurde. Inzwischen wurde auch die Gewalt in mannmännlichen und weibweiblichen Beziehungen aufgedeckt, die vordem subkulturell tabuisiert und von der Sexualforschung übersehen worden war. Der jüngste Versuch, Destruktion und Gewalttätigkeit aufzuspüren, besteht darin, Frauen ausfindig zu machen, die sich an Kindern vergehen, und Kinder zu erforschen, die andere Kinder sexuell missbrauchen.

Der Aufschrei enthüllt etwas über die Intim-Verhältnisse

Inbegriff des Täters aber ist nach wie vor „der Mann“, was nicht verwundert, weil sich der Patriarchalismus trotz aller Modernisierungen strukturell fortschleppt und weil die skandalöse gesellschaftliche Benachteiligung des weiblichen Geschlechts in Zeiten ökonomischer Krisen wieder zunimmt. Einerseits ist der gegenwärtige Gewalt‑ und Missbrauchsdiskurs insofern eine zivilisatorische Tat im emphatischen Sinn, als erst durch ihn ins Bewusstsein kommt, wie sehr unsere intimsten Verhältnisse auf Überwältigung und Asymmetrie basieren. Andererseits verhindert die allgemeine Empörung über die angeblichen oder tatsächlichen individuellen Akte der Kachelmänner oder Strauss-Kahns, die gerade nicht für den arbeitslosen, alkoholabhängigen Familienvater stehen, dass über den allgemeinen Gewaltzusammenhang nachgedacht wird.

Dritte Frage: Könnte Sexualität als leitender kultureller Erregungsmodus von Aggressivität abgelöst werden? Anders gefragt: Könnten die alten Begehren und Leidenschaften nicht nur umkodiert und verschoben werden in neuartige sexuelle Selbstbezüglichkeiten, in öffentliche sexuelle Inszenierungen, in neosexuelle Süchte dank Internet, sondern auch in nonsexuelle Thrills und in aggressive Aktionen, sodass sich zunehmend Gewaltformen neben die Sexualformen stellen und sie kulturell ablösen? Die intendierte Erregung könnte dann nicht mehr sexuell genannt werden. Sie würde nicht mittels Libido und Verliebung, sondern mittels Destrudo und Hass erreicht. Antwort: Denkbar ist es.

Volkmar Sigusch, Jahrgang 1940, ist Arzt und Soziologe. Er leitete von 1973 bis 2006 das Institut für Sexualwissenschaft am Klinikum der Universität Frankfurt am Main. Er ist einer der angesehensten Sexualforscher der Welt. Zuletzt veröffentlichte Sigusch unter anderem Sexuelle Störungen und ihre Behandlung (2007), Geschichte der Sexualwissenschaft (2008) und Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion (2005)

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08:00 01.06.2011

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