Auf den Spuren von König Ernst August

Niedersachsen Die CDU-Regierung will kritische Wissenschaft nicht länger dulden

Wer waren eigentlich die Göttinger Sieben? "Keine Ahnung." Und das Gründungsjahr des eigenen Bundeslandes? "Weiß ich auch nicht." Dramatisch schlecht präsentierte sich jüngst die CDU-Fraktion des Niedersächsischen Landtags anlässlich eines kleinen Bildungschecks unter Landespolitikern. Schulminister Bernd Busemann (CDU) hatte die Fragen eigentlich erarbeiten lassen, um den Bildungsstand niedersächsischer Schüler zu testen. Doch auch im eigenen Laden war wenig Sachverstand zu finden, als es um politische und gesellschaftliche Fragen ging. Und auch Busemanns Kabinettskollege, Wissenschaftsminister Lutz Stratmann, musste im Test passen. Bildung tut dringend Not - könnte man meinen. Doch im Land zwischen Ems und Elbe bestimmt derzeit nur der Rotstift die Bildungs- und Wissenschaftspolitik. 40 Millionen Euro will Minister Stratman allein im kommenden Jahr aus den universitären Etats streichen. "Hochschuloptimierungskonzept" heißt das im ministeriellen Sprachgebrauch. Das Land muss sparen, lautet die Vorgabe von Ministerpräsident Christian Wulff.

Zum Beispiel Hannover: Mindestens 150 Stellen mit einem Kostenvolumen von 6,75 Millionen Euro sollen dort abgebaut werden. 100 weitere stehen zur Disposition. Besonders betroffen ist das Soziologische Institut, Heimat der Hannoverschen Schule in den Sozialwissenschaften. Für das Institut fordert Stratmann jetzt die Schließung. "Naiv und parteipolitisch motiviert", nennt das der emeritierte Soziologieprofessor Oskar Negt. "Hier sollen offenbar Vorurteile gegen die Gesellschaftskritiker, gegen die ewigen Nörgler bedient werden." Eine fundierte Begründung stehe dagegen immer noch aus. Und gleichmäßig verteilt sind die Lasten nicht. Nur zweien von insgesamt 150 Instituten in Hannover droht die Schließung, neben der Soziologie noch der Romanistik. Daneben müssen auch die Juristen auf genau den Teil ihrer Ausbildung verzichten, die den hannoverschen Rechtswissenschaften den Ruf eines Reformstudiengangs eingebracht hatten, die sozialwissenschaftlichen und rechtsphilosophischen Zweige. "Hier werden ganz bewusst die Deutungswissenschaften im Allgemeinen angetastet", sagt Negt. Das sei politisch fatal. "Der Orientierungsbedarf in der Gesellschaft wird immer größer, Förderung gerade dieser Disziplinen wäre die richtige Antwort."

Diese Orientierung bietet die Soziologie in Hannover seit gut 30 Jahren. Die Dozentin Xenia Rajewski hat dafür gesorgt, dass die französischen Poststrukturalistinnen Luce Irigaray und Julia Kristeva an deutschen Universitäten rezipiert werden. Die Techniksoziologin Barbara Duden präsentierte den "Frauenleib als öffentlichen Ort" und später das von ihr so genante "Alltags-Gen" - Meilensteine im medizin- und biotechnikkritischen Diskurs. Und Detlev Claussen hat erst jüngst Theodor W. Adorno zum Genie erklärt und damit zur Diskussion aufgefordert. Arbeitssoziologie und Lateinamerikaforschung sind weitere Schwerpunkte des Instituts. "Vielleicht ist der Minister einfach schlecht beraten", sagt Negt. Und so stößt die Regierung mit ihren Sparvorgaben bisher weitgehend auf Unverständnis, zumal die abschließenden Ergebnisse der "Wissenschaftlichen Kommission Niedersachsen", die neben anderen Instituten auch die Soziologie in Hannover begutachtet, noch nicht vorliegen.

Eine andere Untersuchungsgruppe, die Zentrale Evaluationsagentur (Zeva) hält die Schließung für eher nicht sinnvoll. Sie hob jüngst "die guten Forschungsleistungen anerkennend hervor". Die katholisch geprägte Universität in Vechta hingegen sei "keine Institution, die man als Standort für eine Hochschule aktuell akzeptieren kann." Trotz der Zeva-Expertise soll die Soziologie in Hannover bluten, die Uni in Vechta hingegen unangetastet bleiben. Entsprechend scharf reagiert die Opposition im Landtag auf die Vorgaben. "Tausende von Studienplätzen gehen verloren", kritisierte die hochschulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Gabriele Andretta. Die Hochschulen drohten "in die Mittelmäßigkeit zurückzufallen." Auch die Grünen warnten vor "schweren hochschulpolitischen Flurschäden". Der verlangte Stellenabbau sei "Kürzen ohne Sinn und Verstand", klagte die grüne Wissenschaftsexpertin Gabriele Heinen-Klajic.

Wegen der angekündigten Schließung der Soziologie in Hannover hat der Wissenschaftsminister mittlerweile zahlreiche Protestbriefe erhalten, darunter Schreiben des Schriftstellers und Filmemachers Alexander Kluge, von Bundesverfassungsrichter Ernst-Gottfried Mahrenholz und von Politkunstprofessor Klaus Staeck. Andere Protestnoten kommen aus Saó Paulo, New York oder Roskilde in Dänemark. Der Minister sei davon "nicht unbeeindruckt", sagt dazu der Sprecher des niedersächsischen Wissenschaftsministeriums Thomas Reiter. Bislang sei die Streichliste "auch nicht mehr als ein Vorschlag" für das Parlament. "Ob da vielleicht etwas novelliert wird, muss diskutiert werden", so Reiter.

Die Göttinger Sieben übrigens, sieben Professoren, die sich im Jahr 1837 im Streit mit dem einstigen Landesherrn König Ernst August auf ihr Widerstandsrecht beriefen, wurden damals vom König ihrer Ämter enthoben. Die öffentliche Meinung und etliche Professoren aus ganz Deutschland aber solidarisierten sich seinerzeit mit ihnen gegen die Willkür des Landesherrn.


00:00 31.10.2003

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