Auf den Verrat

Literatur Doris Gerckes neuer Roman „Die Nacht ist vorgedrungen“ erzählt von drei Niederlagen einer linken Journalistin
Auf den Verrat
Mit Niederlagen kennen sich Linke aus, leider

Foto: Mladen Antonov/AFP/Getty Images

Ihren ersten Roman schrieb Doris Gercke 1987, da war sie 50 Jahre alt und steckte gerade mitten im juristischen Staatsexamen. In ihrem zweiten Roman ließ sie ihre Heldin Bella Block mutwillig zwei Vergewaltiger töten. Inzwischen hat Gercke siebzehn Bella-Block-Romane verfasst, die mit der famosen Hannelore Hoger verfilmt wurden, und ein Dutzend weiterer Werke. Sie ist 84 Jahre alt und hat nichts von ihrer Kompromisslosigkeit verloren. Auch nichts von ihrem Zorn. Und nichts würde dieser durch und durch norddeutschen Autorin ferner liegen, als ihre Geschichten von Verbrechen an Frauen in ein gefälliges Leseerlebnis zu verwandeln. Die Chronistin deutscher Zustände schreibt in einer nüchternen Prosa, die ans Spröde grenzt.

In ihrem neuen Band Die Nacht ist vorgedrungen verbindet sie über 20 Jahre hinweg drei Episoden aus dem Leben der Journalistin Klara Böhm, die entscheidende historische Momente markieren. Es beginnt nach einem kurzen Vorlauf 1989: Die Ich-Erzählerin arbeitet in Hamburg als freie Journalistin für eine große Illustrierte, sie spart nicht mit Invektiven gegen Augstein und Co, gegen Edelfedern, neidische Kritiker und abgehalfterte Schreiberlinge, die in denselben Kneipen abstürzen, oder linke Journalisten, die „beschützt vom liberalen Adel an der Finanzierung ihres Eigenheims arbeiten“.

Klara Böhm selbst hat aber auch nichts gegen Arbeit, die gut bezahlt wird. Sie geht gern im Vier Jahreszeiten essen. Zusammen mit dem Fotografen Franz, ihrem Partner und gelegentlichen Liebhaber, beschließt sie, nach Moskau zu reisen, um sich ein eigenes Bild von der kollabierenden Sowjetunion zu machen. Ein windiger Typ namens Kleinert verschafft den beiden die nötigen Visa, Klara vermutet, dass er in Ost-Berlin für den KGB gearbeitet hat und mit dieser Gefälligkeit für zwei Westjournalisten auf einen Persilschein hofft.

Die Reise droht für Franz und Klara ein Reinfall zu werden. Sie haben keine Sprachkenntnisse, keine Ahnung, keine Kontakte. Aber es kommt schlimmer: Die beiden Journalisten erhalten Zutritt zu einer vom Burda-Verlag veranstalteten Miss-Wahl, die den Beginn freiheitlicher Kultur einläuten soll: Endlich wieder Schönheit wertschätzen, Frauen bewundern! Die sowjetische Gesellschaft war ja so prüde! Runde um Runde müssen sich die jungen Frauen vor reichen und mächtigen Männern zur Schau stellen, bis sie am Ende einer langen und wilden Nacht „erniedrigt, beleidigt, vergewaltigt“ aus dem Luxushotel auf die Straße gekippt werden. Es ist nicht nur ein Exzess der Frauenfeindlichkeit. Hier werden Frauen den Siegern angeboten, denkt Klara: „Natürlich weiß ich, was mit Frauen im Krieg geschieht. Aber haben wir Krieg?“ Das gleiche Spektakel findet wenige Wochen später in Leipzig statt: „Scharmante Damen erwarten Sie“. Klaras Reportage Die Kultur der Sieger wird nicht veröffentlicht.

16 Jahre später (so viel kann verraten werden, denn der Clou des Buches liegt ganz woanders) hat Klara mit ihrem Journalismus Schiffbruch erlitten. Sie überlegt, Hamburg zu verlassen und aufs Land zu ziehen. Dann wird Franz ermordet, der chronisch pleite war und sich auf die dubiosesten Sachen einließ, der aber auch ein genialer Fotograf war und ein hervorragender Rechercheur. Er wird tot an der Alster aufgefunden. Klara muss ihn identifizieren, aber außer ihr scheint sich niemand für den Mord zu interessieren. Die Polizei versucht, den Mord unter den Teppich zu kehren. Klaras Wohnung wird durchsucht. Geheimdienste scheinen involviert, Franz hat zu den Geschäften des Rüstungskonzerns Erbus (!) recherchiert. Der Wirt, in dessen Kneipe sich Franz oft betrunken hat, wird ebenfalls ermordet. Der ermittelnde Kripo-Mann wird aufs Abstellgleis geschoben. Immerhin so viel gesteht er ihr: „Ich kann Ihnen nicht helfen bei der Suche nach den Tätern, die Ihren Freund hingerichtet haben.“ Der Mann liest allerdings hervorragende Kriminalromane, Charles Willeford steht in seinem Regal, und Klara trinkt mit ihm Brüderschaft: Auf die Freundschaft, prostet er ihr zu. „Auf den Verrat“, antwortet sie.

Im dritten Teil ist Klara aufs Land gezogen. Geflüchtet. Sie schreibt jetzt Romane und Reisereportagen. Die Geheimdienste firmieren bei ihr nur noch als „die Guten“, seit sie in einer Anzeige des Verfassungsschutzes die Stellenbeschreibung „Im Verborgenen Gutes tun!“ gelesen hat. Aber, fragt sie sich, hilft es, die Orte zu meiden, an denen Gute Gutes tun?

Die drei Episoden in diesem Band fügen sich nicht wirklich zu einem Roman. Ein eklatanter Konstruktionsfehler besteht beim Übergang von der Reise nach Moskau zu dem Mord an Franz, der sich 16 Jahre später ereignet, aber erzählerisch unmittelbar anschließt.

Andere irritierende Momente sind dagegen Programm: Wie in ihrem Erzählungsband Frisches Blut (2019) verzichtet Gercke auf kriminalistischen Schnickschnack: Tathergang, Spurensicherung, Ermittlungsprozeduren, das alles ist Gercke schnuppe. Sie erzählt von Verbrechen, für die es politische Verantwortlichkeiten gibt und vor denen die Gesellschaft ihre Augen verschließt. Nichts wird aufgelöst. Vieles wird nur angerissen. Vieles bleibt Verdacht.

Offene Rechnungen? Ja

Und auch in diesen Geschichten zeigt sich Gercke unversöhnlich. Man erschrickt vor mancher Härte, aber sie kann einen nicht verwundern: Wie hätte sie sonst all die Kämpfe durchstehen sollen? 1937 in Greifswald geboren und in Hamburg aufgewachsen, heiratet Gercke mit 20 Jahren, wird erst Hausfrau und Mutter, dann aber 1968 gleich doppelt aufgerüttelt: Sie tritt der DKP bei und wird Frauenbeauftragte der Partei. 1980 macht sie das Begabtenabitur und beginnt Jura zu studieren und revolutioniert schließlich das Frauenbild im deutschen Kriminalroman. Wer sich selbst so geschaffen hat, bringt wenig Nachsicht auf für Menschen, die den Weg des geringsten Widerstands gehen.

Aber auch wenn Doris Gercke hier die eine oder andere offene Rechnung begleicht, erzählt sie keine Geschichten des nachträglichen Triumphs. Im Gegenteil. Aus keiner einzigen geht Klara Böhm als Siegerin hervor. Die drei Episoden fügen sich zu einem Triptychon der Niederlagen. Aber bei aller Illusionslosigkeit verfällt sie nicht in Resignation. Wenn die Nacht vorgedrungen ist, heißt es in dem Choral, der dem Buch den Titel gab, dann ist der Tag nicht mehr fern.

Info

Die Nacht ist vorgedrungen Doris Gercke Argument Verlag mit Ariadne 2021, 256 S., 18 €

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06:00 22.04.2021

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