Auf der Anklagebank

Stoppschilder Das Münchener Völkerkundemuseum zeigt eine Installation zum Genozid in Ruanda

Es beginnt schon bei den Zahlen. Sind elf Hunderttausend, auf die der Künstler bei der Eröffnung im Münchener Völkerkundemuseum hinweist, tatsächlich nur "fast eine Million", wie es in den Ausstellungsbegleitheften steht? Wer zählt? Und warum zählen die einen soviel und die anderen soviel? Immerhin handelt es sich bei dieser monströsen Zahl um Tote, ermordet binnen 100 Tagen. Fast zehn Jahre ist es her, dass über 90 Prozent der Tutsi, die bis dahin ein Siebtel der Einwohner Ruandas ausgemacht haben, durch die übermächtigen Hutu ausgelöscht wurden. Ist also die Zahl wirklich das Entscheidende? Als Kofi Setordji zuhause in Ghana das für den amerikanischen Nachrichtensender CNN typische Zählstakkato auf dem Bildschirm verfolgte, fragte er sich, ab wann das Töten von Menschen als Völkermord gilt. Und wer darüber urteilt. Was danach kommt. Wie Menschen miteinander umgehen, die gegenseitig ihre Familien, Nachbarn, Freunde umgebracht haben. Wer eigentlich dahinter steckt, und warum überhaupt unter den Augen der Weltöffentlichkeit solches Abschlachten passieren konnte.

Für CNN ist Ruanda schon längst keine Schlagzeile mehr wert, neue Brandherde und neue Tote zählen jetzt, immer derselbe Abzählvers, Sensation statt Reflexion. Aber in Kofi Setordji setzte das Entsetzen über die Fernsehbilder des Völkermords schöpferische Kräfte frei, und zwei Jahre später präsentierte er Genocide Monument, um "mit der Sprache der Kunst gegen die Ignoranz der Menschen" vorzugehen. Eine Skulpturen-Installation, die zu den bedeutendsten zeitgenössischen afrikanischen Kunstwerken zählt und die eindringlich zum Innehalten und Nachdenken animiert. Stopp-Schilder nennt der Künstler die Figurengruppen, die er selber in einem großen Raum im Münchner Völkerkundemuseum arrangiert hat.

Drei helle Holzstümpfe auf drei einfachen Holzstühlen bilden die Anklagebank mit den Richtern, minimalistisch die Kennzeichnung durch ein paar Striche und Kerben, kleine Holzstücke als spitze Nasen angesetzt. Davor liegt auf einem Schemel ein fast weißer Schädelkopf in der Form eines Soldatenhelms, und die Frage: "Welche Rolle hast du gespielt?" Soll das eines der 11.000 Laien-Gerichte in Ruanda sein, die erst seit 2002 (!) die über 115.000 inhaftierten "kleinen" Mörder aburteilen? Oder doch eher der Internationale Gerichtshof, der in Arusha, Tansania, tagt und nicht vorwärts kommt? Was, so fragt Kofi Setordji, kann überhaupt ein langjähriges Gerichtsverfahren mit einer lapidaren Gefängnisstrafe bewirken?

Justitia, die Gerechtigkeit, ist aus der Balance geraten. Überlebensgroß ragt ihre Statur in den Raum, am ausgestreckten Arm hängt an einem dünnen Draht die kleine, flache Waage, schief. Ein paar Meter weiter stellt sich die Frage: Wer wird eigentlich den Flüchtlingen gerecht? Drei Meter hohe, etwa zwanzig Zentimeter schmale Latten, die nebeneinander an der Wand angebracht sind. Ihre aufgezeichneten Körper kommen frontal auf den Betrachter zu, er wird konfrontiert mit den Flüchtlingen, mühsam beladen, beschämt und gebeutelt von dem, wovor sie geflohen sind. Wieder sind Holzteile mit minimalistischen Mitteln kenntlich gemacht. Striche zeichnen die Silhouetten, hie und da etwas Farbe, die sie plastisch hervorheben. Angedeutete, herausgeschnittene Knubbel als Köpfe. Gesichter aus verbeulten Aluminium-Topfdeckeln, deren Henkel eine Nase formt, oder aus einem halbierten Plastikkanister, dessen Rohranschluss sich zum Mund öffnet. Recycling aus dem Abfall der globalen Jetztzeit-Wegwerfgesellschaft und den Uralt-Naturmaterialien Holz und Ton. Alles, was Kofi Setordji im Haus und am Straßenrand findet. Die vertrauten Alltagsutensilien nehmen den Besucher ein, so abstoßend die gemeinten Umstände auch sein mögen. Wie die nummerierten Köpfe aus Terrakotta, die mit geschlossenen Augen wie afrikanische Toten-Masken einzeln auf braunem Rupfen an der Wand hängen. Für die Schlächter vielleicht Jagd-Trophäen, für die Angehörigen der Opfer die Individualisierung aus der Anonymität der Totenmassen. Der Titel "Statistik" weist auf den Ursprung der künstlerischen Idee hin: Ab welcher Zahl beginnt der Genozid?

Bei den "Niedergemetzelten und Verbrannten" und auf dem "Schlachtfeld" berührt und fasziniert wiederum die Schlichtheit der Darstellung. Viele Handbreit kleine Hölzer, die zum Teil dicht mit Bindfäden umwickelt sind, liegen kreuz und quer auf der Erde. Die Verbrannten haben kein Gesicht mehr, während in einem anderen Skulpturenbild "die politische, militärische und religiöse Machtelite" auffallend grell angemalt wurde. Der Titel heißt entsprechend "Maskierte" und gilt nicht nur für die Machthaber in Ruanda. Ihre Unterbauten bestehen aus offenen Schränken, die einfach nur leer sind. Männer, bei denen nichts dahinter ist, sie tun nur so, als ob, plustern sich auf, geben leere Versprechungen. Auch die Rolle der Medien oder vielmehr von CNN hat der ghanaische Künstler symbolisiert. Auf eine Holztafel mit durchgängigen Strichlisten (!), an der wiederum mit Bindfäden geknebelte (?) gefesselte (?) Stöcke baumeln, ist groß das magische, das so genannte "dritte Auge" gezeichnet: "Das Medienauge sieht alles", big brother is watching you.

Ausstellungsleiter Stefan Eisenhofer war erstaunt, welche Missverständnisse der unterschiedliche kulturelle Hintergrund zwischen seiner Vorarbeit und der Korrektur durch den afrikanischen Künstler zu Tage brachte. Für den deutschen Kunsthistoriker war zum Beispiel das riesige "Massengrab" eine Installation, deren Mittelpunkt die zahllosen, in Reih und Glied ausgelegten Tonmasken zwischen der frisch aufgeworfenen Erde bilden sollte. Für Kofi Setordji ist der Dreh- und Angelpunkt eindeutig der auf einer dünnen Eisenstange hoch über den Leichen tänzelnde Geier, dessen Kreisen der Betrachter durch die kreisförmig gelegten Totenmasken assoziiert. Der Raubvogel triumphiert dabei nicht nur über das viele Aas, sondern lauert gleichzeitig gierig nach frischer Beute. So stellt der Künstler den globalisierten Hochrüstungskapitalismus dar. "Meine Vorstellung ist", erklärt Setordji, "dass die Welt immer Gott fliehen will. Ich benutze die Mythologie, um ihre Lügen zu entlarven."

Gleich, ob namenlos oder Machthaber, tot oder überlebend, Opfer oder Täter, Mitläufer, Schönfärber oder Ignorant - Kofi Serodji gibt ihnen allen mit seinen Skulpturen ein Gesicht und den Opfern ihre Würde zurück. Die Installation zeugt von tiefer Trauer und distanzierter Wut über die Unmenschlichkeit unserer Welt. Kunst kann heilen, behauptet der Evangelische Entwicklungsdienst (EED), der das Projekt Genocide Monument zum zehnjährigen Gedenken an den Völkermord nach Europa geholt hat. Man wünschte, die Militärs und politischen Eliten der Welt, die sich hier zur Internationalen Sicherheitskonferenz trafen, wären zwischendurch die drei Straßenbahnhaltestellen vom Tagungshotel zum Museum gefahren. Kigali, die Hauptstadt Ruandas, wird vor, Kamerun und Südafrika, im April der nächste Ausstellungsort sein, um "die Wunden der Erinnerung" zu heilen.

Die Wunden der Erinnerung. 10 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda. Skulpturen-Installation von Kofi Setordji. Staatliches Museum für Völkerkunde München noch bis zum 7. März 2004, Katalog: 5 EUR


00:00 27.02.2004

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