Auf der Durchreise

Roman Polanski In Zürich wurde überraschend der Regisseur Roman Polanski verhaftet. Seine Straftat liegt mehr als 30 Jahre zurück

31 Jahre lang war Roman Polanski auf der Flucht vor der US-Polizei, nachdem er zugegeben hatte, dass er mit einem minderjährigen Mädchen geschlafen hatte. Mit einer Verhaftung hat er wohl nicht mehr gerechnet. Doch nun hat ihn aber anscheinend die Vergangenheit doch noch eingeholt. Auf Grundlage eines Jahrzehnte alten Haftbefehls wegen der Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens im Jahre 1977 wurde Polanski am Wochenende in der Schweiz festgenommen. Der Regisseur war in die Schweiz gereist, um beim Filmfestival in Zürich einen Preis für sein Lebenswerk entgegenzunehmen. Die Veranstalter zeigten sich konsterniert und schockiert über seine Verhaftung.

Der 76 jahre alte Regisseur von Filmen wie Rosemary`s Babyund Chinatownbekannte damals seine Schuld, erschien aber nach seiner Freilassung auf Kaution nicht zur Gerichtsverhandlung und floh im darauffolgenden Jahr aus den USA, um einer längeren Gefängnisstrafe zu entgehen.Über drei Jahrzehnte lang lebte er nun schon im Pariser Exil und weigerte sich selbst anlässlich seines Oscar-Gewinns für Der Pianist 2002 in die USA zurückzukehren.

Die Zürcher Polizei sagte, er sei Samstagnacht auf Anfrage des US-Justizministeriums bei seiner Einreise in Zürich festgenommen worden und befinde sich nun bis zu seiner Auslieferung in Haft. „Ich bestätige die Verhaftung Herrn Polanskis. Die amerikanischen Behörden gaben mit dem Haftbefehl von 1977 2005 eine internationale Suchanfrage heraus“, sagte Guido Balmer vom Schweizer Justizministerium. „Es gab ein gültiges Ersuchen um Verhaftung und wir wussten, wann er kommen würde. Also wurde er verhaftet.“ Nun müssen die USA allerdings einen formalen Auslieferungsantrag stellen und es ist sehr wahrscheinlich, dass Polanski seine Verhaftung vor einem Schweizer Gericht anfechten wird.

Polanski wurde als Sohn polnischer Eltern in Paris geboren und besitzt die französische Staatsbürgerschaft. Frankreichs Kulturminister Frédéric Mitterand sagte, die Verhaftung mache ihn „fassungslos“ und er „bedauere sehr, dass jemandem, der schon so viele Prüfungen zu bestehen hatte, nun noch eine weitere auferlegt“ werde. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy verfolge den Fall mit großer Aufmerksamkeit und teile seine Hoffnungen, dass die Situation bald geklärt werden könne, so der Minister.

Polanski hat ein Haus in der Schweiz und verbrachte nach Angaben des britischen Schriftstellers Robert Harris, der in letzter Zeit eng mit Polanski an der Verfilmung seines Romans The Ghost gearbeitet hat, den Großteil des Sommers dort. Harris äußerte gegenüber dem Guardian, für ihn habe der Zeitpunkt der Verhaftung Polanskis etwas „sehr Merkwürdiges und Verdächtiges“ an sich. „Soweit ich weiß, ist Roman in den vergangenen Jahren nach Deutschland, Spanien, Italien, Ägypten, Griechenland, Russland und China gereist. Warum wird ein älterer Mann also ausgerechnet jetzt in einem Flugzeug geschnappt und ins Gefängnis gesteckt?“

Dem Regisseur wurde ein Anruf bei seiner Frau, der französischen Schauspielerin Emanuelle Seigner, gestattet, die nach Aussage von Harris ihre beiden kleinen Kinder zurückließ, um in die Schweiz zu reisen. „Eine derartige Aktion kann nur den Zweck verfolgen, irgendjemandem irgendeine Botschaft zukommen zu lassen. Niemand billigt, was damals geschehen ist, aber ich halte das, was hier geschieht, für ziemlich haarsträubend.“ In einer Erklärung des Verbandes der schweizerischen Regisseure wurde die Verhaftung als „groteske Justizposse“ und ein „ungeheurer Kulturskandal“ bezeichnet. Der Verband Filmregie und Drehbuch (ARF) spricht von einer „Ohrfeige ins Gesicht aller Kulturschaffenden in der Schweiz“.

Polanski war bereits 44 Jahre alt und hatte schon zwei Oscars verliehen bekommen, als er im März 1977 mit dem 13-jährigen Model Samantha Gailey schlief, das er für ein Photoshooting im Haus von Jack Nicholson in Los Angeles engagiert hatte. Polanski hatte argumentiert, es sei in gegenseitigem Einvernehmen zum Sex gekommen, das Mädchen habe sich „nicht unempfänglich“ gezeigt. Gailey hingegen sagte aus, Polanski habe sie mit Schmerzmitteln und Champagner betäubt, bevor er sie auf „sehr furchterregende Weise“ angegriffen habe.

Der Regisseur räumte bei einem Deal mit den Strafverfolgungsbehörden ein, in widerrechtlicher Weise Sex gehabt zu haben. Diese ließen im Gegenzug die Anklage wegen Vergewaltigung, Drugging und Sodomie fallen, die ihm eine lebenslange Haftstrafe hätten einbringen können. Als offenbar wurde, dass er für einige Zeit würde ins Gefängnis gehen müssen, verließ Polanski dann allerdings im Februar 1978 das Land.

Seine Verhaftung markiert die vorerst letzte Wendung in einem außergewöhnlichen Leben, das von Gewalt, Tragik und Kontroversen gekennzeichnet ist. Seine Familie kehrte kurz Beginn des Zweiten Weltkrieges nach Polen zurück und wurden mit tausenden anderer jüdischer Familien in das Krakauer Ghetto gezwungen. Der junge Polanski entkam 1943 aus dem Ghetto, seine Eltern aber wurden in Konzentrationslager gebracht und seine Mutter in Auschwitz ermordet.

Im Jahr 1968 heiratete Polanski die amerikanische Schauspielerin Sharon Tate. Nur ein Jahr darauf wurde die im achten Monat Schwangere mit vier weiteren Personen auf brutale Weise von Mitgliedern der Charles Manson „Familie“ ermordet.

In den vergangenen Monaten versuchten Polanskis Anwälte zu bewirken, dass die in den USA immer noch gegen ihn anhängige Anklage wegen Vergewaltigung fallen gelassen wird, nachdem eine Dokumentation ihrer Meinung nach neue Beweise erbracht habe, die zeigten, dass er während der ersten Verhandlung Opfer richterlichen Fehlverhaltens geworden sei. In dem Film ist ein früherer Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles zu sehen, der zugibt, er habe den Fall während des laufenden Verfahrens mit dem verhandlungsführenden Richter diskutiert.

Im Februar bestätigte ein Richter in Los Angeles, dass während der ersten Gerichtsverhandlung „substantielles ... Fehlverhalten“ stattgefunden habe. Er könne die Anklage allerdings nicht fallen lassen, solange Polanski sich auf der Flucht befinde. Polanski hat hiergegen Einspruch erhoben und besteht weiterhin darauf, nicht einmal um seinen Namen reinzuwaschen in die USA zurückkehren zu wollen.

Gaiey, die nun Samantha Geimer heißt, 44 Jahre alt ist und drei Kinder hat, sprach sich ebenfalls dafür aus, die Anklagen fallen zu lassen. Dem Bezirksstaatsanwalt warf sie vor, „reißerische Einzelheiten“ ihrer Vergewaltigung öffentlich gemacht zu haben, um von seinen eigenen Fehlern abzulenken. „So wahr sie auch sein mögen – die andauernde Veröffentlichung solcher Details schadet mir. Ich habe überlebt und überwunden, was Herr Polanski mir als Kind angetan hat.“


Übersetzung: Holger Hutt

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17:10 28.09.2009

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